Vorarlberg

Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis

10.07.2026 • 16:11 Uhr
Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Der Jubel in Gurtis ist groß: Der letzte Tag des Schuljahres war zur Freude der Kinder nicht der allerletzte Tag des Standorts. Klaus Hartinger (11)

Lange dachten Eltern, Kinder und Lehrerin Elfriede Waldhart, dass die Volksschule Gurtis schließen muss, bis die überraschende Kehrtwende kam. Am Zeugnistag geht man in der kleinsten Schule Vorarlbergs jetzt erleichtert in die Sommerferien.

Im Klassenzimmer der Volksschule Gurtis haben sich am Freitag Eltern, Großeltern und Geschwister im Klassenzimmer eingefunden. Lehrerin Elfriede Waldhart lässt die neun Schülerinnen und Schüler, die hier jahrgangsübergreifend in einer Klasse unterrichtet werden, aufzählen, was sie in diesem Jahr gelernt haben. Die Kinder werfen ein: “Heimatkunde”, “Lesen”, “das kleine Einmaleins” und “Flächenumfang berechnen”. Außerdem soll jedes Kind einen Satz bilden, der mit den Worten beginnt: “Ich bin froh, dass…”. Erstklässler Mikky Schubert sagt: “Ich bin froh, dass die Schule offen bleibt.”

Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Die neun Kinder umfassende Volksschule Gurtis kam am Freitag zur Zeugnisvergabe zusammen.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Schulgemeinschaft im September wieder hierher zurückkehrt. Bis vor einem Monat standen noch alle Zeichen darauf, dass die kleinste Volksschule des Landes geschlossen wird. Doch die Dorfgemeinschaft in der knapp über 300 Einwohner fassenden Bergparzelle, die politisch zur Markgemeinde Nenzing gehört, hat sich erfolgreich gewehrt. Entsprechend gelöst ist die Stimmung beim Besuch der NEUE am Zeugnistag.

Vom Gesprächstermin ausgeladen

“Wir haben von der Entscheidung der Bildungsdirektion durch einen Brief der Gemeinde erfahren. Dann habe ich unseren Ortsvorsteher Christoph Seeberger kontaktiert und gesagt, dass wir etwas tun müssen”, erzählt Elternvertreterin Judith Heuring. Lehrerin Elfriede Waldhart, seit zwölf Jahren an diesem Standort tätig, berichtet, sie sei zuerst vor vollendete Tatsachen gestellt worden: “Zuerst wurde geschrieben, dass ein von der Bildungsdirektion organisiertes Gespräch wegen der Schulschließung stattfindet. Ich habe mir den Termin eingetragen, aber dann bin ich wieder ausgeladen worden. Es hieß, das seien strukturelle Maßnahmen, die mich nichts angehen.” Hierzu muss man wissen: Waldhart ist Lehrerin, mit der Schulleitung ist Rochus Amann, der parallel Direktor der Volksschule Halden ist, betraut.

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Elfriede Waldhart schildert, sie sei von einem Gesprächstermin zur Schulschließung wieder ausgeladen worden.

Die kritische Grenze für den Betrieb einer Kleinstschule sind zehn Schulkinder, darunter droht eine Schließung. Hauptargument der Gurtiser für den Erhalt der Schule: Zwar liegt man aktuell unterhalb dieser Marke, aber in mittelfristiger Zukunft werden geburtenstarke Jahrgänge eingeschult. In vier Jahren steigt die Schülerzahl auf über 20 Kinder. Doch Lehrerin und Elternvertreterin berichten, dass man erst mit den Argumenten abgeblitzt ist. “Es war keine Bereitschaft da, dass es weitergeht”, erzählt Waldhart. “Da hast du argumentieren können, was du willst. Es hieß nur: ‘Das ist so, das machen wir so, fertig’.”

Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Der Nachwuchs der Volksschule steht bereits in den Startlöchern.

Die Eltern in Gurtis leisteten gegen die Entscheidung mit einer Petition Widerstand, die insgesamt 1151 Mal unterschrieben wurde. Außerdem schrieb die Elternvertreterin dem Landeshauptmann und der zuständigen Landesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) ein Mail. Doch die Lage schien aussichtslos und wirkte sich auch auf den Unterricht aus. “Man hat gemerkt, es beschäftigt die Kinder. Sie haben innerlich richtig abgeschaltet und wollten nicht mehr arbeiten. Angst ist entstanden”, schildert die Lehrerin. “Einige Kinder sind sehr sensibel und empfindlich. Sie brauchen diesen kleinen Rahmen.” Auch der Sohn von Judith Heuring war alles andere als begeistert darüber, dass ein Schulwechsel anstehen sollte: “Er hat gesagt, er will nicht mehr in die Schule gehen, er bleibt jetzt daheim.” Dazu kommt ein generelles Reizthema in dünn besiedelten Gebieten. “Es gibt in Gurtis kein Gasthaus und kein Lädele mehr. Dann hätte auch noch der Mittelpunkt Volksschule wegfallen sollen”, sagt Waldhart.

Kehrwende aus dem Nichts

Anfang Juni kam die große Kehrtwende: Landesrätin Schöbi-Fink verkündete, dass die Volksschule Gurtis im Hinblick auf die steigenden Schülerzahlen bleibt. “Der Jubel war groß”, berichtet Heuring. “Meine Schwägerin war zu Besuch, da haben wir ein Mail von Frau Schöbi-Fink und einen Anruf von Wallners Referendarin erhalten. Erst konnten wir es gar nicht glauben. Als der Bericht im Fernsehen gekommen ist, dass die Volksschule nicht schließen muss, haben wir einen Sekt geköpft”, lacht die Elternvertreterin.

Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Elternvertreterin Judith Heuring feierte den erfolgreichen Einsatz für den Erhalt der Schule mit einem Glas Sekt.

In der Beantwortung einer Landtagsanfrage von SPÖ-Bildungssprecherin Manuela Auer beschreibt Landesrätin Schöbi-Fink einige Hintergründe zur Entscheidung. “Die Überlegungen zur Stilllegung der Volksschule Gurtis erfolgten gemeinsam mit der Gemeinde auf Grundlage der von der Gemeinde Nenzing als gesetzlichem Schulerhalter im November 2025 vorgelegten prognostizierten Schülerzahlen für die nächsten vier Schuljahre.” Anhand dieser Daten sei davon auszugehen gewesen, dass die Schülerzahl unter der beschriebenen kritischen Marke gelegen sei. “In den folgenden zwei Schuljahren wurde nur eine moderate Steigerung auf maximal 13 Schüler prognostiziert. Diese Daten führten letztlich zur Entscheidung der Gemeinde, mit den Eltern in Kontakt zu treten. Die Gemeinde hat daraufhin die betroffenen Eltern informiert und zu einem Elternabend Ende Mai eingeladen”, so Schöbi-Fink.

Jüdisches Museum
Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink stand in der Causa um das Schul-Aus in Gurtis unter Druck. Am Ende verkündete sie die Abwendung der Schulschließung.

“Neben der Ausweitung des Betrachtungszeitraums, welche aufgrund kommender
starker Jahrgänge im konkreten Fall miteinbezogen werden konnte, sind auch Faktoren wie die Personalsituation sowie die Haltung der Gemeinde entscheidend. Nur wenn alle Faktoren zusammenspielen, ist ein Erhalt möglich”, heißt es in der Anfragebeanwortung weiter. Trotz der letztendlichen Erleichterung über die Entscheidung bleibt Elternvertreterin Heuring ein fader Beigeschmack über das Hin und Her: “Meiner Meinung nach haben die Behörden ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Sie haben einfach nicht vorausgeplant und die steigende Schülerzahl nicht bedacht.”

Großer Zusammenhalt

Lehrerin Waldhart ist einfach erleichtert: “Ich bin Frau Schöbi-Fink dankbar, dass sie der Sache nochmals nachgegangen ist. Sonst hätte ich jetzt keine Sommerferien gehabt, sondern die Klasse ausräumen und die Schule wechseln müssen.” Sie beschreibt, wie groß der Zusammenhalt in der Klasse ist, dass es keine Grüppchenbildung gibt, sondern alle Kinder – egal, ob Erstklässler oder Viertklässler – als eine Gruppe funktionieren. “Wenn ich in einer größeren Klasse suppliere, merke ich den Unterschied. Diese Spannung, dieses Konkurrenzdenken, das gibt es hier in Gurtis nicht.” Sie führt aus, dass sogar einige Eltern extra in die Bergparzelle ziehen, damit ihre Kinder in diesem klein strukturierten Umfeld unterrichtet werden.

Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Die Struktur als Kleinstschule kommt vielen Kindern zugute.

Auch beim Rückblick auf das vergangene Schuljahr wird der Erhalt des Standorts am Zeugnistag nochmals thematisiert. “Nur mithilfe der Eltern ist es gelungen, die Schulschließung abzuwenden”, verkündet Elfriede Waldhart und überreicht Elternvertreterin Judith Heuring ein kleines Präsent. Dann werden die Zeugnisse überreicht, die stolzen Kinder präsentieren die durchwegs guten Noten gleich der ebenso stolzen Familie.

Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Stolz präsentieren die Kinder ihre Zeugnisse.

Nachdem die Schüler noch ein einstudiertes Gedicht aufsagen, endet das turbulente Schuljahr. Ein Elternteil lädt die kleine Schulgemeinschaft zum Beisammensein im Garten. Natürlich kommen alle, denn man hält zusammen in Gurtis. So hat man es auch geschafft, den Schulstandort aufrechtzuerhalten.

Stimmen der Kinder

„Mein erstes Schuljahr war voll gut. Ich habe Plus- und Minusrechnen gelernt, und Lesen und Schreiben. In den Sommerferien gehen wir nach Italien und nach Korsika in den Urlaub. Im neuen Schuljahr freue ich mich darauf, dass ich endlich Zeugnisnoten bekomme. Wenn die Schule geschlossen hätte, wäre das nicht so gut gewesen.“

Mikky Schubert, 1. Klasse
Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Mikky Schubert

„Mit meinem Zeugnis bin ich zufrieden, ich habe in allen Fächern einen Einser. In diesem Jahr habe ich Schreibschrift und das Einmaleins gelernt. Außerdem haben wir einen Ausflug zum Trinkwasserkraftwerk gemacht. Am meisten gefällt mir an der Schule, dass wir unsere Lehrerin immer sehen. Es war nicht gut, dass man die Schule schließen wollte. Alles wäre traurig gewesen. In den Ferien fahren wir in den Urlaub ans Meer.“

Sarah Weber, 2. Klasse
Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Sarah Weber

In diesem Schuljahr war alles toll. Tests finde ich voll cool. Man hätte alles umräumen müssen und in eine andere Schule gehen, wenn hier in Gurtis geschlossen worden wäre. Alles wäre schwerer geworden. Wir haben einen neuen Wohnwagen und damit fahren wir in den Ferien in den Urlaub.

Valentina Schöpf, 3. Klasse
Am Ende war es doch nicht der letzte Schultag in Gurtis
Valentina Schöpf

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)