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Kunst und politische Aktion

23.11.2020 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
So sieht das Stück auf der Bühne aus. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
So sieht das Stück auf der Bühne aus. Anja Köhler

Am Sonntag war der Film “Tasso!” im Stream zu sehen.

Der Vorwurf, Kunst sei bloße Zierde oder einfach nur nutzlose Unterhaltung, die keinen Einfluss auf andere Lebensbereiche habe, besteht seit Langem. Johann Wolfgang von Goethe schrieb mit „Torquato Tasso“ wohl eines der ersten Künstlerdramen, das sich mit dem Spannungsfeld zwischen pragmatischem Agieren und einem von Nutzen losgelösten Geist beschäftigt. In Milena Fischers Fassung des Werks geht es ebenfalls um die Frage, was Kunst bewirken kann – oder aber, was ohne Kunst bewirkt werden kann. Auch in dem gleichnamigen Film „Tasso!“ wird dieses Thema eingeklammert durch die Geschichte einer Umweltaktivistengruppe, die sich über eine Online-Konferenzschaltung austauscht. Das Video stand am Sonntag per Streaming über einen Link der Landestheater-Homepage zur Verfügung und sollte einen Vorgeschmack auf die Theaterproduktion in der Box des Landestheaters geben. Die Premiere ist aktuell am 11. Dezember geplant.

Belächelt

Vivienne Causemann ist im Film die Anführerin Leo, entsprechend zum Herzog in Goethes Original. Gleichzeitig ist sie aber auch Prinzessin Leonore, denn die beiden Mitglieder der Organisation Toni und Tasso buhlen um die Gunst der jungen Frau. Toni (David Kopp) ist der erfolgreiche Politiker, der gerade aus Brüssel kommt und von den Fortschritten berichtet: Das autofreie Vorarlberg – in Wirklichkeit eine Utopie – wurde vom Europäischen Parlament als Referenzprojekt anerkannt. Tasso (Tobias Krüger) hingegen hat im Meeting keine handfesten Ergebnisse vorzuweisen. Seine künstlerische Performance wird von Leo zwar mit dem berühmten Lorbeerkranz belohnt („Du machst uns diesen schönen Tag zum Fest“), von Toni aber feindselig belächelt. Leo empfindet sowohl das Nicht-Handeln Tassos als auch Tonis Taten als bedeutsam.

Im Vordergrund Tobias Krüger als Tasso. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Im Vordergrund Tobias Krüger als Tasso. Anja Köhler

Das Format der geteilten Bildschirme in der Konferenzschaltung wird im Film, der im Landestheater gedreht wurde, von Tasso regelmäßig aufgebrochen: Er nähert sich Leo auch physisch und umwirbt sie leidenschaftlich, diese ruft aber zur Mäßigung auf. Der Künstler nutzt auch die leere Bühne in der Box. Bei einem Besuch bei Toni schlägt dieser Tassos Handschlag aus, und es kommt zum Eklat: Tasso wird handgreiflich. Im Finale des Films kommen alle im T-Café zusammen.

Wichtiges Anliegen

Einerseits bleiben einige von Goethes Textstellen und Dialoge erhalten und werden sehr gelungen ins Heute geholt. Regisseurin Fischer beweist hier wie in „Werther!“ ihr Gespür für Theaterklassiker, die einem jungen Publikum serviert werden sollen – das Stück ist unter anderem für Schüler ab 14 Jahren gedacht und kann diese bestimmt mit seinem Witz ins Boot holen.

Mit David Kopp und Vivienne Causemann. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Mit David Kopp und Vivienne Causemann. Anja Köhler

Wermutstropfen ist die Ausführung der narrativen Klammer. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um das Leben auf der Erde vor der totalen Zerstörung zu bewahren, so die dringliche Botschaft. Außerdem wird das Theater als systemrelevanter Ort des gesellschaftlichen Diskurses hochgehalten. Wenn aber der Diskurs über dieses wichtige Anliegen durch die einfache Wiedergabe von Fakten zur Weltlage hergestellt wird, ist das mehr Vortrag als Theater. Besonders die Jugend weiß bereits, worum es geht. Sie muss nicht belehrt, sondern sollte mit mehr erzählerischem Einfallsreichtum angesprochen werden. Vielleicht klappt das ja auf der Bühne besser.

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