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„Lockerungen sind Spiel mit Feuer“

02.02.2021 • 15:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gerald Gartlehner ist Epidemiologe und leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin an der Donau-Universität Krems
Gerald Gartlehner ist Epidemiologe und leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin an der Donau-Universität Krems

Epidemiologe Gerald Gartlehner sieht die Lockerungen kritisch.

Das mediale Lob war groß, als Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober ein quantifizierbares Ziel für diesen dritten Lockdown äußerten. Ziel sei eben, eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 zu erreichen oder zu unterschreiten, dann könne es Lockerungen geben. Beschrieben wird mit diesem Wert die nachgewiesene Zahl an Neuinfektionen pro 100.00 Einwohner der vergangenen sieben Tage.

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei knapp über hundert. Das deklarierte Ziel wurde also nicht erreicht, dennoch gab die Bundesregierung erste Lockerungsschritte in Aussicht. So werden ab 8. Februar etwa die Schulen wieder öffnen, auch der körpernahe Dienstleister dürfen wieder Kunden empfangen – mehr dazu hier.

Lockerungen kommen zu früh

Für Gerald Gartlehner kommen diese Lockerungen zu früh: „Lockerungen auch bei einer 50er-Inzidenz sind aus epidemiologischer Sicht ein Spiel mit dem Feuer.“ Gartlehner ist Epidemiologe und leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin an der Donau-Universität Krems. „Wir sind aktuell sehr nah an einem Reproduktionswert von eins, steigt der Wert auf 1,2 haben wir wieder eine Situation, in der sich die Zahlen alle zwei Wochen verdoppeln werden“, so Gartlehner gegenüber der Kleinen Zeitung.

„No Covid“ als Strategie für Österreich?

Um einen Ausweg aus dem Wechselspiel der Lockerungen und Verschärfungen zu finden, haben mehrere deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die No-Covid-Strategie entwickelt. Diese sieht einen harten Lockdown vor, bis die Inzidenz unter zehn gefallen ist. Auch eine Inzidenz von 50 würde das Gesundheitssystem zu sehr belasten, sagt Michael Hallek. Der Leiter der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum Köln war an der Erstellung des No-Covid-Papiers federführend beteiligt. In Regionen, die niedrige Fallzahlen aufweisen würden, könne dann schrittweise wieder geöffnet werden. Australien und Neuseeland etwa haben mit dieser Strategie Erfolg.

Ist das ein gangbarer Weg für Österreich? Nein, sagt Gartlehner. „In der Theorie klingt das super. Aber im Gegensatz zu Australien und Neuseeland ist das in Europa nicht umsetzbar. Wir sind keine Insel.“ Abschauen können man sich von den beiden Staaten aber die Konsequenz in der Umsetzung eines Lockdowns. „Unser Halbschlaf-Lockdown seit Weihnachten wirkt nicht mehr wirklich, das zeigen die Zahlen deutlich“, sagt Gartlehner.

„Nächster Lockdown im März“

Wenn aber die Lockerungen zu früh kommen und die Bevölkerung die Maßnahmen nicht mehr mitträgt, was ist dann die Alternative? „Die Alternative ist, dass wir im März den nächsten Lockdown haben werden“, sagt Gartlehner. „Es wird sehr schwer werden, die Situation auszubalancieren, die Kontaktnachverfolgung und das Testen müssen funktionieren.“ Die einzige Möglichkeit sei, die Öffnungen nun wissenschaftlich zu begleiten und genau zu analysieren. „Wo bilden sich Cluster? Auch die Gurgelstudie an den Schulen sollte nicht verschoben, sondern wieder aufgenommen werden“, sagt der Epidemiologe. Es sei völlig unsinnig, die Schulen zu öffnen, aber auf diese Daten zu verzichten.