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Demenz in der Pandemie

06.06.2021 • 22:00 Uhr
Die Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen ist stets herausfordernd. Die Situation wurde durch die Pandemie noch verschärft. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen ist stets herausfordernd. Die Situation wurde durch die Pandemie noch verschärft. Klaus Hartinger

Daniela Egger und Albert Lingg über Schwierigkeiten und Solidarität.

Wie erleben demenzkranke Menschen die Corona-Pandemie?
Albert Lingg:
Höchst unterschiedlich, abhängig vom Stadium der Erkrankung, ihrer Persönlichkeit und ihrer Versorgungssituation. Betroffene, die zu Hause leben, hatten etwa weniger unter den strengen Besuchsregelungen zu leiden, andererseits fehlten die sonst möglichen Entlastungsangebote.

Wie kann ich einem Menschen mit Demenz die Situation rund um die Corona-Pandemie erklären? Geht das überhaupt?
Lingg:
In ihrer Auffassungsgabe und Merkfähigkeit beeinträchtigte Personen können nur bedingt und mit einfachen Worten, bei fortgeschrittener Demenz gar nicht über die Pandemie und die erforderlichen Gegenmaßnahmen aufgeklärt werden. Wichtig ist mit ruhigem Eingehen auf die Irritationen zu vermitteln, dass sie sich weiter sicher fühlen können.

Was müssen Betroffene überhaupt über die Corona-Pandemie wissen?
Lingg:
Sofern noch möglich, sollte sie über sie unmittelbar betreffenden Veränderungen zum Gesundheitsschutz informiert sein. Keineswegs dürfen Betroffenen dem medialen Overkill an Corona-Meldungen ausgesetzt werden.

Was ist zu tun, wenn sich Menschen mit Demenz nicht an die Bestimmungen halten? Konkret: Was, wenn ein Betroffener keine Maske tragen will?
Lingg:
Wenn Betroffene den Sinn des Gesichtsschutzes nicht mehr erfassen können, ist guter Rat teuer. Da kann das Ansteckungsrisiko nur mit anderen Vorsorgemaßnahmen reduziert werden. Vor der möglichen Immunisierung war das Risiko für Betroffene wie Betreuende entsprechend hoch.

Zählen an Demenz erkrankte Personen zur Risikogruppe?
Lingg:
Auch viele gesunde Personen haben bekanntlich Mühe, den empfohlenen Verhaltensregeln zu folgen – an Demenz Erkrankte aufgrund ihrer Vergesslichkeit, allgemeinen Verunsicherung und emotionalen Labilität erst recht. Daraus ergibt sich eine erhöhte Ansteckungsgefahr.

Kann die Situation der Corona-Pandemie gar eine Verschlechterung des Gesundheitszustands verursachen?
Lingg:
Das war vielfach zu beobachten. Vor allem dort, wo stützende Alltagsroutinen und der Kontakt mit aus dem Altgedächtnis noch vertrauten Personen nicht mehr möglich waren. Beispielsweise wirkte sich der Wegfall von begleiteten Spaziergängen oder Tagesbetreuung negativ aus.

Von welchen Schwierigkeiten berichten Angehörige durch die Pandemie bei Demenzkranken?
Lingg
:Es treten Irritationen bis zu Depressivität oder Aufgeregtheit aufgrund fehlender, gewohnter Kontakte mit Familienangehörigen oder Bekannten auf. Apathie wie auch Gespanntheit zeigt sich bei eingeschränkter Bewegungsmöglichkeit im Freien, außerdem gab es Probleme, in den strengen Phasen des Lockdowns die Praxen oder Ambulanzen aufzusuchen.

Gibt es positive Rückmeldungen aus den vergangenen Monaten?
Daniela Egger:
In der Aktion Demenz haben wir im Rahmen von Interviews mit pflegenden Angehörigen und Betroffenen versucht, ein bisschen genauer hinzuhören. Natürlich war vieles schwierig, aber grade hochaltrige Menschen, die den Krieg oder die Nachkriegszeit miterlebt haben, zeigten teilweise eine beeindruckende Gelassenheit mit der Situation. Ich finde, das sind wichtige Dinge, die wir von der älteren Generation lernen könnten. Außerdem wurde deutlich, dass die meisten Menschen mit Solidarität reagieren – zumindest, wenn die Situation nicht zu lange dauert. Das darf man nicht unterschätzen.

Wie war die Situation in den Pflegeheimen? Für Pfleger und Pflegende.
Egger:
Ich kenne einige Berichte von Angehörigen und auch von Bewohnern, die darunter gelitten haben, dass Besuche plötzlich untersagt waren. Allerdings gab es auch Bewohner-Stimmen, die die eingekehrte Ruhe im Pflegeheim-Alltag zu schätzen wussten. Eine Bekannte von mir hat beklagt, dass ihre Mutter mit Medikamenten beruhigt wurde, weil sie einen starken Drang hat, wegzugehen – das war schmerzlich für sie. Die Situation wird stets subjektiv erlebt und ich weiß von Pflegefachkräften, die alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um Kontakte zu ermöglichen. Ich gehe davon aus, dass es für Menschen mit Demenz manchmal einfacher ist, gelassen zu bleiben.

Wie konnte Kontakt zu Angehörigen im Heim gehalten und sichergestellt werden, dass man nicht vergessen wird?
Egger:
Die Online-Möglichkeiten mit den iPads im Pflegeheim haben sicher vielen den Kontakt erleichtert, aber nicht alle Menschen mit Demenz können sich mit einem zweidimensionalen Bild austauschen. Manche brauchen das Gegenüber in persona. Begegnungen über die Fensterbrüstung haben auch nur bedingt geholfen.

Wurden von der Aktion Demenz während der letzten Monate spezielle Initiativen ins Leben gerufen?
Egger:
Ja, wir haben im ersten Lockdown unsere Musikkonzerte für zu Hause in Gartenkonzerte verwandelt und konnten viele Menschen damit erfreuen – und deren Nachbarschaft gleich mit. Unser Online-Café 96 erfreut sich seit Dezember Beliebtheit. Dort treffen sich Menschen mit und ohne Demenz zum wöchentlichen Austausch. Wir haben als Geste der Wertschätzung Frühstücksbrötchen an die Haustüren von pflegenden Angehörigen gebracht, und unsere kostenlosen Beratungsgespräche waren auch während dem Lockdown möglich, sodass die individuelle Situation vieler Familien erleichtert werden konnte.

Was sollten pflegende Angehöriger für sich selbst tun?
Eggerr:
Gerade bei der Begleitung eines Angehörigen mit Demenz sollte man sich früh darum kümmern, dass man regelmäßige Auszeiten hat und auch andere Familienmitglieder einen Teil der Verantwortung mit abdecken. Es gibt in Vorarlberg ausreichend Unterstützungsangebote und viele gute Gründe, sie in Anspruch zu nehmen. Auch diese waren im Lockdown leider eingeschränkt, aber jetzt startet alles wieder. Außerdem ist es sinnvoll, sich über den Umgang mit einem an Demenz erkrankten Menschen zu informieren.

Gib es denn eine grundsätzliche Verhaltensregel für den Umgang?
Egger:
Es macht beispielsweise keinen Sinn, die betroffene Person immer wieder in die eigene Wirklichkeit zurückzuholen – es verursacht Stress für alle Beteiligten. Wenn es gelingt, gelassen und humorvoll zu bleiben, dann ist viel gewonnen – allerdings ist das je nach Krankheitsverlauf oder Art der Diagnose auch schwierig. Dann ist vielleicht eine andere Form mit professioneller Betreuung angebracht, sodass man selbst gesund bleiben und der Kontakt zum Angehörigen unbelastet bleiben kann.