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Wie gefährlich ist das Hantavirus für uns?

12.05.2026 • 14:42 Uhr
Wie gefährlich ist das Hantavirus für uns?
Oberärztin Dr. Gabriele Hartmann, Leiterin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektionsvorsorge, informiert über die aktuelle Situation. APA, Nussbaumer

Der Ausbruch des Hantavirus an Bord der „Hondius“ vor Teneriffa sorgt international für Schlagzeilen. Dr. Gabriele Hartmann, Leiterin des Instituts für Infektionsvorsorge Feldkirch, erklärt, warum das Virus auch in Vorarlberg nicht ungewöhnlich ist.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie ist der aktuelle Ausbruch aus medizinischer Sicht zu beurteilen?

Gabriele Hartmann: Aus medizinischer Sicht handelt es sich um eine schwere Erkrankung. In den betroffenen Fällen kommt es vor allem zu einer Beteiligung der Lunge sowie des Herz-Lungen-Systems. Das kann in weiterer Folge auch zu Herzversagen führen. Es hat in diesem Zusammenhang bereits Todesfälle gegeben. Diese besonders schweren Verläufe betreffen meistens die Varianten, die in Südamerika vorkommen. In Europa ist die Situation etwas anders. Auch hier treten Hantaviren auf, allerdings führen diese meist zu Erkrankungen der Nieren. Das sind ebenfalls schwere Krankheitsbilder, teilweise mit Nierenversagen, sie verlaufen aber in der Regel weniger tödlich als die südamerikanischen Varianten. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass es sich um eine ernst zu nehmende Erkrankung handelt, deren Ausprägung jedoch stark von der jeweiligen Virusvariante abhängt.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Die Weltgesundheitsorganisation hat sehr deutlich reagiert und ist auch vor Ort stark präsent. Wie ist dieses Auftreten einzuordnen?

Hartmann: Ich habe eher den Eindruck, dass die WHO hier eine beruhigende Rolle einnimmt. Die Zahl der bekannten Fälle liegt bei mindestens elf, was für Hantaviren insofern ungewöhnlich ist, als diese Viren normalerweise nicht leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Dafür braucht es in der Regel einen engen und längeren Kontakt. Ein Kreuzfahrtschiff stellt in diesem Zusammenhang eine besondere Situation dar. Durch enge Kabinen, gemeinschaftlich genutzte Bereiche und eine hohe Personendichte können sich Kontakte intensivieren. Das könnte erklären, warum es in diesem Fall zu mehreren Infektionen gekommen ist. Gleichzeitig spielt sicher auch die Erfahrung aus der Corona-Pandemie eine Rolle. Internationale Organisationen wollen zeigen, dass sie aufmerksam sind und rasch reagieren. Aus meiner Sicht geht es dabei aber weniger um das Schüren von Angst, sondern vielmehr darum, Transparenz zu schaffen und zu zeigen, dass entsprechende Mechanismen greifen.

Gabriele Hartmann
Gabriele Hartmann leitet das Institut am LKH Feldkirch. Nussbaumer

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie erfolgt die Ansteckung mit dem Hantavirus grundsätzlich?

Hartmann: Hier muss man klar zwischen den verschiedenen Varianten unterscheiden. Die in Europa vorkommenden Hanta-Viren werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Sie verursachen Nierenerkrankungen und gelangen auf anderem Weg in den menschlichen Körper. Die südamerikanischen Varianten hingegen betreffen primär die Lunge und können in seltenen Fällen auch von Mensch zu Mensch übertragen werden. Das geschieht über Tröpfchen, setzt aber ebenfalls engen und längeren Kontakt voraus. Eine leichte Übertragbarkeit wie bei Grippe oder Corona besteht nicht.

Wie gefährlich ist das Hantavirus für uns?

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wo kommt das Virus ursprünglich vor und wie infiziert man sich?

Hartmann: Hantaviren sind Naturviren und kommen für gewöhnlich bei Nagetieren vor, insbesondere bei Mäusen und Ratten. In Österreich spielt dabei die sogenannte Rötelmaus eine zentrale Rolle. Das Virus befindet sich in den Ausscheidungen dieser Tiere, also im Kot, Urin und auch im Staub, der daraus entstehen kann. Eine Ansteckung erfolgt typischerweise, wenn solcher kontaminierter Staub aufgewirbelt und eingeatmet wird. Das kann etwa beim Reinigen von Scheunen, Schuppen oder alten Gebäuden passieren, insbesondere nach dem Winter. Solche Infektionen treten daher häufig im Frühling und Sommer auf. Betroffen sind oft Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten oder sich viel im Wald oder in entsprechenden Gebäuden aufhalten.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie sieht die Situation in Vorarlberg aus?

Hartmann: Für Vorarlberg kann man derzeit klar sagen, dass hier kein akutes Risiko besteht. Es gibt zwar auch hier Nagetiere wie die Rötelmaus, die das Virus grundsätzlich tragen können, allerdings wurden bislang keine Erkrankungsfälle registriert, die eindeutig in Vorarlberg entstanden sind. Wenn Fälle auftreten, stehen diese meist im Zusammenhang mit Aufenthalten in anderen Regionen oder Bundesländern, in denen das Virus häufiger vorkommt. Das bedeutet nicht, dass eine Ansteckung grundsätzlich ausgeschlossen ist, aber aktuell gibt es keine Hinweise auf ein lokales Infektionsgeschehen. Für die Bevölkerung heißt das, dass keine besondere Gefahr besteht. Die üblichen Vorsichtsmaßnahmen, etwa beim Umgang mit staubigen Räumen oder alten Gebäuden, sind sinnvoll, aber es gibt keinen Anlass für zusätzliche Sorge.

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Die Bilder von der Evakuierung der “Hondius” gingen um die Welt. APA

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie wird eine Hantavirus-Erkrankung behandelt?

Hartmann: Es gibt keine spezifische Therapie gegen das Virus selbst. Das bedeutet, man kann das Virus nicht gezielt mit Medikamenten bekämpfen. Die Behandlung konzentriert sich daher auf unterstützende Maßnahmen. Je nach Verlauf werden betroffene Organe stabilisiert. Das kann die Unterstützung der Lunge betreffen, des Herz-Kreislauf-Systems oder auch der Nieren. Bei schweren Verläufen kann eine Dialyse notwendig werden, wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Gibt es Möglichkeiten zur Vorbeugung, etwa durch eine Impfung?

Hartmann: Nein, derzeit gibt es keine Impfung gegen Hantaviren.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Muss sich die Bevölkerung angesichts der aktuellen Berichte Sorgen machen?

Hartmann: Nein, das ist nicht notwendig. Auch wenn es sich um eine schwere Erkrankung handelt, ist das Risiko für die Allgemeinbevölkerung gering. Die Übertragung ist schwierig und setzt sehr enge Kontakte voraus. Die Situation auf einem Kreuzfahrtschiff ist eine spezielle, die nicht mit dem Alltag der meisten Menschen vergleichbar ist. Deshalb ist das Risiko außerhalb solcher Umstände deutlich niedriger.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Warum werden so lange Quarantänezeiten angesetzt?

Hartmann: Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Erkrankung, kann bis zu zwei Wochen betragen. Gleichzeitig ist nicht exakt bekannt, wie lange infizierte Personen ansteckend sind. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird daher ein längerer Beobachtungszeitraum gewählt, in manchen Fällen bis zu sechs Wochen. Damit will man sicherstellen, dass mögliche weitere Infektionen erkannt und eingedämmt werden.

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Die Betroffenen müssen sich auf eine lange Zeit in Quarantäne einstellen. APA

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Besteht die Gefahr, dass sich das Virus verändert und gefährlicher wird?

Hartmann: Grundsätzlich ist das bei jedem Virus möglich. Viren verändern sich im Laufe der Zeit, das ist ein natürlicher Prozess. Allerdings geschieht das nicht kurzfristig und auch nicht im Rahmen eines einzelnen Ausbruchs. Im Zusammenhang mit der aktuellen Situation ist daher nicht davon auszugehen, dass sich das Virus rasch verändert oder deutlich gefährlicher wird.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)