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Gestatten, Montafons Mister WM 2027

10.10.2021 • 09:00 Uhr / 15 Minuten Lesezeit
Speckle entwickelte 2016 die Idee einer Montafoner WM-Bewerbung und treibt seither die Pläne mit viel Herzblut voran. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Speckle entwickelte 2016 die Idee einer Montafoner WM-Bewerbung und treibt seither die Pläne mit viel Herzblut voran. Klaus Hartinger

Im Sport-Talk gewährt Christian Speckle tiefe Einblicke in Montafoner WM-Pläne.

Sie entwickelten bereits vor Jahren die Vision, die Snowboard- und Freestyle Ski WM ins Montafon zu holen. Jetzt ist das Montafon tatsächlich Bewerber für die WM 2027. Ganz abgesehen davon, dass es keinen Gegenkandidaten gibt, ist die abgegebene Bewerbung sicher ein großer Moment?
Christian Speckle:
Auf alle Fälle. Es ist ein sehr großer Augenblick für die Region, eine so konkrete Aussicht zu haben, eine so große Wintersportveranstaltung nach Vorarlberg zu holen. Im Wintersport stehen nur mehr die Olympischen Spiele über einer FIS-Weltmeisterschaft. Gleichzeitig ist die abgegebene Bewerbung sicher auch für mich persönlich ein großer Moment. Ich habe in den vergangenen fünf Jahren sehr viel Zeit und Leidenschaft investiert, und das aus dem Idealismus heraus, etwas zu schaffen, was in Vorarlberg noch nie da war.

Zum Gratulieren ist es noch viel zu früh, denn erst mal gilt es für das Montafon, den Anforderungskatalog der FIS zu erfüllen. Die Arbeit der kommenden Monate passiert jedoch im Wissen, dass man den Zuschlag im Mai 2022 in der eigenen Hand hat?
Speckle:
Sie haben völlig recht, für das Verteilen von Glückwünschen ist es noch viel zu früh. Man gratuliert auch nicht einen Tag vor dem Geburtstag. Trotzdem ist das schon ein wichtiger Punkt: Wenn wir in den kommenden Monaten keinen gro­ßen Fehler machen und unsere Aufgaben erfüllen, werden wir 2027 die WM ausrichten. Das ist Fakt. Und wenn ich sage, dass ich noch keine Glückwünsche annehme, dann heißt das natürlich nicht, dass ich nicht schon viele Glückwünsche bekommen hätte. Aus den verschiedensten Ländern von leitenden Verbandsmitarbeitern. Alle freuen sich, dass wir im Montafon die WM ausrichten wollen. Ich nehme das als Ansporn, nicht mehr und nicht weniger.

Welche Fragezeichen gibt es noch bei der Bewerbung?
Speckle:
Wir haben unsere Bewerbung mit bestem Wissen und Gewissen aufgestellt. Unser Budget mit einem Volumen von vier Millionen Euro steht, wir sind ausfinanziert. Zu kleinen Adaptierungen kann es vielleicht noch bei den Sportstätten kommen, falls wir bei der Umsetzung auf Details stoßen, die angepasst werden müssen. Abgesehen davon können wir davon ausgehen, dass unser Konzept funktioniert. Schruns wird das Zentrum der Weltmeisterschaft sein, am Kirchplatz werden vor 3000, 4000 Menschen die Medaillenzeremonien stattfinden, das Mediencenter wird in Schruns sein, ebenso das Rennbüro. Von Schruns aus ist man in 10 Minuten in St. Gallenkirch, wo die Ski- und Snowboardcross-Bewerbe sowie die Slopestyle-Wettkämpfe stattfinden. In 15 Minuten ist man in Gargellen bei den Entscheidungen der Alpinen Snowboarder, zu den Buckelpisten-Bewerben am Golm sind es nur ein paar Minuten. Und zur Schanzenanlage in Tschagguns ist es sowieso nur einen Katzensprung, dort tragen wir die Big Air- und Aerials-Wettkämpfe aus.

Wie sang einst Falco? „Wir haben den Blick in der Zukunft.“ Christian Speckle weiß genau, was er will.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Wie sang einst Falco? „Wir haben den Blick in der Zukunft.“ Christian Speckle weiß genau, was er will.Klaus Hartinger

Ist es ein Wehrmutstropfen, dass die Halfpipe-Bewerbe in Kühtai und damit in Tirol stattfinden?
Speckle:
Wir haben anfangs schon darüber nachgedacht, auch die Halfpipe-Bewerbe in der Region auszutragen, angedacht war eine Wettkampfstätte im hinteren Montafon. Wir hätten diese spektakulären Bewerbe gerne im Montafon behalten. Doch das wäre einfach unvernünftig gewesen, weil es unseren finanziellen Rahmen gesprengt hätte, daran wäre die Bewerbung gescheitert. Mit Laax in der Schweiz hatten wir sehr rasch einen interessanten Ausweichort, die sicherlich noch bessere Option Kühtai hat sich sehr kurzfristig ergeben.

Wann und wie?
Speckle:
Das war im Sommer. Ich wusste, dass die zehnjährige Betreiberpflicht für die Halfpipe-Anlage in Kühtai nächstes Jahr ausläuft, 2012 fanden dort die Halfpipe-Bewerbe der Olympischen Jugendspiele statt. Deshalb standen sie in Kühtai vor der Frage, ob sie 2022 die Anlage aufgeben oder doch weiterführen. Also bin ich nach Kühtai gefahren, um mit den Verantwortlichen zu sprechen. Innerhalb von zwei Stunden hatte ich die Zusage. Die 90 Minuten Fahrtzeit nach Kühtai sind im Rahmen, zumal es sich auf eine Disziplin beschränkt. Der Halfpipe-Tross wird sicher im Kühtai untergebracht sein, aber die Medaillenvergabe wird natürlich in Schruns stattfinden.

Wie ist denn die Idee einer WM-Bewerbung bei Ihnen entstanden?
Speckle:
Christoph Arndt und ich haben 2016 darüber nachgedacht, welche Steigerungsmöglichkeiten es zur Weltcup-Cross-Veranstaltung im Montafon gibt. Bei diesen Gesprächen haben wir über eine WM-Ausrichtung diskutiert und waren uns schnell einig, dass eine Weltmeisterschaft im Montafon machbar wäre. Ich habe recht bald darauf mit Manuel Bitschnau, dem Geschäftsführer von Montafon Tourismus, gesprochen. Er hat sofort sein Interesse signalisiert.

War das schon der Startschuss für die Planungen?
Speckle:
Ja. Danach haben Chris­toph und ich mit der Arbeit begonnen. Wir haben am Berg die Hänge vermessen, die FIS macht ja klare Vorgaben zur Streckenlänge und zum Gefälle. So hat es sich herauskristallisiert, an welchen Hängen ein WM-Bewerb möglich wäre und an welchen nicht. Wobei bei der Auswahl viele Faktoren eine Rolle spielten: Die Erreichbarkeit, die Gegebenheiten für eine TV-Produktion, außerdem haben wir schon frühzeitig daran gedacht, bei einer WM-Bewerbung auch die Errichtung einer permanenten Cross-Trainingsstrecke umzusetzen. So ist dann die Idee entstanden, die Cross-Strecke vom Hochjoch aufs Grasjoch zu verlegen, am Grasjoch stimmt einfach alles, im Hinblick auf die WM, und zudem schränkt dort eine permanente Trainingsstrecke nicht den Publikumslauf ein. Wir werden dort eine Trainingsstrecke auf allerhöchstem internationalen Niveau errichten. Ein weiterer Aspekt ist: Die 200.000 Kubikmeter Schnee, die wir für den Bau der Slopestyle-Piste benötigen, können wir am Grasjoch zusammenschieben, wir bauen dort also mit Naturschnee die Strecke. Wie es überhaupt bei keinem Sportstättenbau zu Erdbewegungen kommen wird.

Was aufzeigt, wie komplex bereits die Vorarbeit für die Bewerbung war.
Speckle:
Komplex und zeitaufwendig. Ich bin Christoph Arndt sehr dankbar, dass er mich in den ersten beiden Jahren so tatkräftig bei der Basisarbeit unterstützt hat. Als es konkreter wurde, habe ich zahlreiche Experten miteinbezogen, wie die Firma Schneestern, die Marktführer beim Sportstättenbau im Freestyle sind. Ich habe mich an die Organisatoren der WM 2015 in Kreischberg gewendet, genauso an das Organisationskomitee der WM 2019 in Park City, und so ist nach und nach immer klarer geworden, welcher organisatorische und welcher finanzielle Aufwand eine WM-Ausrichtung bedeutet. Als ich alle Vergleichswerte hatte, habe ich ohne jede Übertreibung monatelang ein Budget kalkuliert.

Wann haben Sie den ÖSV von Ihren Planspielen eingeweiht?
Speckle:
Als ich das Budget durchgerechnet hatte, das war vor zwei Jahren. Damals bin ich nach Innsbruck gefahren und lotete aus, ob der ÖSV eine Bewerbung befürworten würde – und in welchem zeitlichen Rahmen, was davon abhing, welche Bewerbungen sie in anderen Sparten beim ÖSV anvisieren. Im Jänner 2020 haben der ÖSV und ich während der Weltcuprennen in Bad Gastein das Budget final abgestimmt. Dabei habe ich die Vorgabe bekommen, dass zum Zeitpunkt der WM-Bewerbung 75 Prozent des Budgets mit schriftlichen Zusagen gesichert sein musste. Jetzt wartete die sehr herausfordernde Aufgabe auf mich, die anvisierten Partner zu überzeugen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Speckle:
Ich hatte eine klare Vorstellung davon, was der Stand Montafon und das Land Vorarlberg zu dem Budget beisteuern sollten. Aber es ist eine Sache, eine Summe im Kopf zu haben, und eine ganz andere, im Gespräch um eine siebenstellige WM-Förderung zu bitten.

Und das zu Zeiten einer Pandemie.
Speckle:
Sie sagen es. Da war verständlicherweise gerade bei den Gesprächen mit den Gemeindevertretungen viel Überzeugungsarbeit notwendig. Ich kann mich an lange Abende erinnern, die bis weit nach 23 Uhr dauerten, mit vielen Fragen und sehr intensiven Diskussionen, denen ich mich alleine stellte. Das sind Erfahrungen, die ich nie vergessen werde. Bei den Gesprächen mit dem Land Vorarlberg haben mich VSV-Präsident Walter Hlebayna und Thomas Amann als Obmann vom Ski Club Montafon unterstützt. Beim ersten Gespräch haben wir bei Sportlandesrätin Martina Rüscher vorgesprochen, beim zweiten bei Landeshauptmann Markus Wallner.

Wann stand das WM-Budget?
Speckle:
Ich habe bei den Gesprächen im Frühjahr aufs Tempo gedrückt, vor dem Sommer standen die finalen Gespräche an, die Beschlüsse in den Gemeindevertretungen waren nachvollziehbarerweise erst nach der Sommerpause im September möglich. Ich bin sehr dankbar für das Bekenntnis der Gemeinden, und natürlich auch das vom Land Vorarlberg.

Das heißt, das Montafon hätte die ursprüngliche WM-Bewerbungs-Deadline nicht einhalten können – die ja am 1. Mai ablief?
Speckle:
Richtig, wir hatten das Glück, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen Bewerber gab. Darum hat die FIS die Bewerbungsfrist bis 1. Oktober verlängert.

Seit wann war Ihnen klar, dass es keine Gegenkandidaten zu Montafons WM-Bewerbung gibt?
Speckle:
Die Anzeichen verdichteten sich Ende September, die Gewissheit haben wir erst seit Montag. Davor mussten wir lange Zeit davon ausgehen, dass wir einen sehr starken Konkurrenten bekommen würden. Entweder St. Moritz oder Krasnojarsk.

Es ist anders gekommen. St. Moritz entschied sich für eine Kandidatur für die WM 2025.
Speckle:
Gegen St. Moritz wäre es schwierig geworden, weil das einer der renommiertesten Wintersport-Orte der Welt ist. Als die Schweizer auf 2025 umschwenkten, sind unsere Perspektiven deutlich gestiegen, wobei auch Krasnojarsk ein unangenehmer Mitbewerber gewesen wäre.

Bei Krasnojark hätte wahrscheinlich Geld keine Rolle spielt – so wie das bei russischen Bewerbern üblich ist.
Speckle:
So ist es. Krasnojarsk durfte sich nicht bewerben, weil der Sportgerichtshof CAS Russ­land neben der zweijährigen Olympia-Sperre auch mit einer Bewerbungssperre für Großereignisse belegte.

Was mal wieder zeigt, wie alles im Leben zusammenhängt.
Speckle:
2027 hat sich völlig unverhofft für uns ein Fenster aufgetan, jetzt wollen wir diese Jahrhundert-Chance nützen. Wobei wir gegen Krasnojarsk schon auch eine echte Erfolgsaussicht gehabt hätten. Denn das Montafon hat speziell in der Snowboard-Sparte einen sehr guten Ruf. Beruhigender ist natürlich, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren können. Deswegen werden wir um keinen Millimeter von unseren hohen Ansprüchen abrücken; aber so, wie Sie es eingangs gesagt haben: Es ist gut zu wissen, dass wir den Erfolg unserer WM-Bewerbung in der eigenen Hand haben. Zumal eine Bewerbung 125.000 Schweizer Franken kostet. Wenn wir über die Finanzierung, die Entwicklung der Bewerbung und den anstehenden Bewerbungsprozess sprechen, will ich betonen, wie wichtig unsere Partner sind. Ohne die Bergbahnen und den Ski Club Montafon wäre die WM-Kandidatur völlig unmöglich.

Wie geht es jetzt weiter?
Speckle:
Es gilt jetzt, bis zum FIS-Kongress im Mai 2022 unsere Bewerbung mit aller Kraft voranzutreiben und zu perfektionieren, damit wir alle Anforderungen erfüllen und die Snowboard- und Freestyle-Familie davon überzeugen, dass wir 2027 sportlich her-ausragende Weltmeisterschaften mit einem unvergleichbaren Flair und ganz viel Herzblut austragen wollen. Dann bekommen wir den Zuschlag, und dann beginnt der WM-Countdown. Wir werden sicherlich versuchen, speziell in den ein, zwei Jahren vor der WM so viele Probeevents wie möglich zu veranstalten, das muss nicht immer auf Weltcup-Niveau sein. Dagegen ist aber schon sicher, dass wir in der Saison 2026/27 keine Weltcup-Crossrennen austragen werden.

Ist es angedacht, Ex-SBX-Weltmeister Markus Schairer ins OK-Team zu holen?
Speckle:
Die Gedanken gibt es selbstverständlich. Es wäre dumm, einen Vordenker wie ihn nicht ins Team holen zu wollen. Fürs Erste wird das nicht passieren, weil Markus aktuell seine berufliche Ausbildung vorantreibt. Ich werde aber ganz sicherlich das Detailgespräch mit ihm suchen, wenn wir im Mai den Zuschlag bekommen. In der ein oder anderen Rolle wird er, das traue ich mir fast zu sagen, mit dabei sein; und sei es als ein Gesicht der WM.

Und Alessandro „Izzi“ Hämmerle könnte im März 2027 zum emotionalen Star der WM werden, sozusagen zur Vorarlberger Variante von Franz Klammer, indem er auf seinem Hausberg Gold gewinnt. Ist Ihnen bewusst, dass Sie für dieses mögliche Märchen als Initiator die Grundlage geschaffen haben?
Speckle:
Daran habe ich, erst recht im Zusammenhang mit Franz Klammer, noch keine Sekunde gedacht. Es zieht mir jetzt buchstäblich eine Gänsehaut auf. Sie sind schon lange genug dabei, um zu wissen, wie schwierig es ist, im Snowboardcross das Niveau noch so viele Jahre zu halten. Aber Izzi traue ich das definitiv zu.

Bleibt noch eine Frage: Was war der bislang schönste Augenblick für Sie bei der Bewerbungsabwicklung?
Speckle:
Der ist noch gar nicht so lange her. Das war, als ich am 30. September den finalen Bewerbungskatalog an den ÖSV geschickt habe und tags darauf kurz nach Mittag in Kopie die Mail vom ÖSV an die FIS mit allen Bewerbungsunterlagen erhalten habe. Da war klar: Jetzt sind wir endgültig im Rennen um die WM 2027.

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