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„Worauf kann sich eine Gesellschaft einigen?“

10.10.2021 • 09:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Harald Petermichl und Maria Simma vor dem Kulturamt.        <span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Harald Petermichl und Maria Simma vor dem Kulturamt. Klaus Hartinger

Maria Simma löst Harald Petermichl im Feldkircher Kulturamt ab. Ein Gespräch.

Herr Petermichl, seit über zehn Jahren sind Sie bereits Kulturamtsleiter von Feldkirch. Wie hat sich in dieser Zeit die Feldkircher Kulturlandschaft weiterentwickelt?
Harald Petermichl: Seit zwölf Jahren bin ich Kulturamtsleiter, und seitdem ist einiges passiert. Zum Beispiel sind die Montforter Zwischentöne entstanden, das ist, finde ich, ein wichtiger Punkt. Auch die Lichtstadt wurde ins Leben gerufen, und vieles, was es schon gab, ist gut weiterentwickelt worden. Es gab in den zwölf Jahren auch kein Jahr, in dem Förderungen gekürzt oder eingestellt worden sind. Wir haben auch im sehr schwierigen ersten Corona-Jahr schon im März gesagt, alle Förderungen, die zugesagt wurden, bleiben aufrecht, egal, ob Projekte vielleicht erst später oder nur teilweise produziert werden können, um den Kunstschaffenden zumindest ein wenig Planungssicherheit zu geben.

Und doch hieß es, ein Kunstprojekt von Brigitte Walk während der Pandemie wurde auch von Ihrer Seite nicht genügend unterstützt.
Petermichl: Da ist diese Geschichte durch manche Medien gegeistert, die Stadt Feldkirch hätte damals ein Projekt von Brigitte Walk „vereitelt“. Wahr ist, dass wir Brigitte Walk dabei nach Kräften unterstützt haben, bis am Ende die Bezirkshauptmannschaft gesagt hat, es geht nicht corona-bedingt. Das sind die Fakten.

Gehen Sie mit einem guten Gefühl aus dem Kulturamt?
Petermichl: Wenn es dann so weit ist, werde ich mit einem guten Gefühl gehen. Ich meine, wir haben einiges bewegt. Wir waren nie besonders laut damit, aber das ist auch nicht so mein Ding. Es gibt ein gutes Verhältnis zwischen den Kulturschaffenden und der Abteilung, das finde ich ganz wichtig. Ich denke, wir haben uns immer alles offen sagen können. Dazu gehört auch, dass man mal Nein sagen muss, das ist Teil des Jobs. Wenn man das klar und offen tut, dann ist das auch kein Problem. Natürlich sage ich lieber Ja. Also ja, ich gehe mit einem guten Gefühl, und dazu trägt auch bei, dass es jetzt eine lange Übergabephase gibt.

War zwölf Jahre lang Kulturamtsleiter in Feldkirch: Harald Petermichl.    <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
War zwölf Jahre lang Kulturamtsleiter in Feldkirch: Harald Petermichl. Klaus Hartinger

Herr Petermichl hat sich als stiller Akteur einen Namen gemacht. Frau Simma, werden Sie eine lautere Kulturamtsleiterin sein?
Maria Simma: Ich glaube, wir sind in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich (lacht). Dafür muss man nur unsere beiden Schreibtische ansehen, meiner ist jetzt schon viel chaotischer! Zu Beginn gilt es, Menschen, Akteure und Einrichtungen kennenzulernen. Ich bin dankbar, auf Haralds ungemeines Wissen, was in der Stadt geschieht und geschehen ist, zurückgreifen zu dürfen. Auch auf seine Struktur. Dass wir so viel Zeit für die Übergabe bekommen haben, ist wirklich nicht selbstverständlich.

Das Kulturamt ist einer von drei Akteuren, die das „Haus des Diskurses“ mit aufbauen und gestalten. Der im Grundsatzbeschluss gefasste Zeitplan ist recht ambitioniert: Schon ab 2022 soll schrittweise mit dem Aufbau begonnen werden. Hat sich hier schon etwas getan?
Petermichl: 2023 wird das „Haus des Diskurses“ starten. Es war mir wichtig, den Grundsatzbeschluss noch politisch auf den Weg zu bringen – wissend, dass im Herbst Maria dazukommt. Wir gehen das nun gemeinsam an, in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek und Hans Gruber. Jetzt läuft noch die Wolf-Huber-Ausstellung, und 2022 kommt die Fidelis-Ausstellung, das war schon lange vorgeplant. Jetzt haben wir ein gutes Jahr für dieses große, ambitionierte Projekt, das wir Schritt für Schritt umsetzen werden.

Harald Petermichl

Harald Petermichl wurde 1957 in Fürsteneck in Bayern geboren. U.a. Intendant am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel, von 1999 bis 2009 Intendant des Vorarlberger Landestheaters. Petermichl lebt in Bregenz.

Gibt es schon Pläne, welche Räumlichkeiten im Palais Liechtenstein für das „Haus des Diskurses“ aktiviert werden?
Petermichl: Zunächst steht, abgesehen von der Stadtbibliothek, die ein wichtiger Bestandteil des Projekts sein wird, das gesamte Gebäude zur Verfügung. Für die Zukunft wird es vielleicht spannend sein, auch mal über den wunderbaren Dachboden nachzudenken, der im Moment aber noch nicht bespielbar ist. Das ist aber eine langfristige Überlegung. Eine Caféteria ist auch im Gespräch, dazu gibt es auch bereits erste und unaufwendige Gedanken.

Frau Simma, was halten Sie von dem Vorhaben?
Simma: Was ich sehr gut finde, ist die Möglichkeit, sich auf ein Thema im Jahr zu konzentrieren. Ich habe das Gefühl, wir hetzen oft von Veranstaltung zu Veranstaltung, von Thema zu Thema. Hier können wir uns vertiefen. Das ist ein Luxus in dieser Zeit, in der wir so vieles in kurzer Zeit erfahren, aber nur oberflächlich. Wir werden uns einem ausgewählten Thema im Jahr aus verschiedenen Perspektiven nähern. Es ist für mich ein sehr schlüssiges Konzept, mit dem ich gerne arbeiten werde. Dabei sollen sich natürlich Vereine und Künstler*innen aus Feldkirch und Umgebung einbringen.

 Die "Neue" im Kulturamt in Feldkirch: Maria Simma.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die "Neue" im Kulturamt in Feldkirch: Maria Simma. Klaus Hartinger

Vor dem „Haus des Diskurses“ wird es aber noch die Ausstellung zum Heiligen Fidelis geben. Das ist inhaltlich schon ein großer Kontrast. Gibt es nicht auch die Befürchtung, dass die Vorbereitung der Ausstellung Ressourcen besetzt, die für die Neukonzeption gebraucht werden? Bibliothekar Hans Gruber wird wohl eine Zeit lang damit beschäftigt sein.
Petermichl: Maria und ich haben beide gar nichts mit der Ausstellung zu tun. Hans Gruber ist gerade dabei, das Ausstellungskonzept zu finalisieren, er wird ausreichend verfügbar sein. Das belastet uns also gar nicht.

Vom Heiligen geht es dann aber in Richtung Gegenwart?
Petermichl: Es werden gesellschaftlich relevante Themen behandelt, die häufig Bezüge zum Humanismus aufweisen werden. Humanismus, was ist das heute? Dabei geht es auch um Solidarität in der Gesellschaft. Es wird in der Umsetzung alles ermöglicht, vom akademischen Vortrag bis zur Performance ist alles offen. Spannend finde ich auch, dass wir für jedes Thema einen wechselnden Partner von außen bekommen werden.
Simma: Brauchen wir ein Revival des Humanismus? Mich interessiert dieses Thema sehr, zumal es scheint, die Gesellschaft zersplittert in immer kleinere Einzelgruppen mit immer kleineren Einzelinteressen. Das kann in keiner Gesellschaft funktionieren. Worauf kann sich eine Gesellschaft noch einigen? Ich denke, hier kann uns der Humanismus weiterhelfen.

Frau Simma, sind Sie die Richtige für dieses Projekt?
Simma: Ich freue mich besonders, inhaltlich wieder in die Breite zu gehen können. Bei den Österreichischen Kulturforen in New York und Berlin habe ich alle Bereiche der zeitgenössischen Kunst abgedeckt, von Film, Musik und Literatur bis hin zu Theater, Tanz, Performance. Erst in Bregenz durfte ich mich verstärkt der Bildenden Kunst widmen, die mich zusehends begeistert. Aber jetzt freue ich mich genauso, wieder in allen Genres arbeiten zu dürfen. Ich fühle mich sehr geehrt, dies hier tun zu dürfen – als Bregenzerin in Feldkirch (lacht).

Maria Simma

Maria Simma wurde 1982 in Bregenz geboren. Sie arbeitete am Austrian Cultural Forum New York und am Österreichischen Kulturforum Berlin. Simma war für den Aufbau des Bildraum Bodensee mitverantwortlich, seit 2018 ist sie Präsidentin der Berufsvereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Vorarlbergs. Sie lebt in Bregenz.

Was ist der Unterschied zwischen Feldkirch und Bregenz?
Petermichl: Hier in Feldkirch gibt es viel junges Publikum.
Simma: Hier gibt es das Landes­konservatorium, Feldkirch hat junge Studierende. Das ist eine Gruppe, die an anderen Orten in Vorarlberg fehlt.

Und Sie werden vorerst Präsidentin der Künstlervereinigung bleiben?
Simma: Ja, meine ehrenamtliche Tätigkeit ist dank einer neuen Mitarbeiterin zeitlich überschaubar geworden und beeinträchtigt mich nicht bei meiner neuen Aufgabe.

Harald Petermichl und Maria Simma.     <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Harald Petermichl und Maria Simma. Klaus Hartinger

Welche Projekte stehen in Feldkirch – neben dem Palais Liechtenstein und der „Kulturstrategie 2030“ – in naher Zukunft noch an?
Petermichl: Ein kleines, aber feines Thema: Wir wollten eigentlich schon 2020 mit dem Artist-in-Residence-Programm im Pulverturm starten, was dann corona-bedingt nicht möglich war. Aber im kommenden Jahr geht es los. Eine Künstlerin und ein Künstler aus der italienischen Region Basilicata werden acht Wochen hier sein und das Atelier nutzen.

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