Rotkäppchen hat es nicht geschafft

Zeichnungen von Peter Wehinger sind derzeit in der Galerie.Z in Hard zu sehen.
Blond, blauäugig, dynamisch, schlank – und jung. Oder braunhaarig, dunkeläugig, kraftvoll – aber auf jeden Fall jung. So stellt man sich wahrscheinlich die (guten) Helden und Heldinnen der bekannten Märchen vor. Sind sie aber nicht, zumindest nicht bei Peter Wehinger. Da haben sie es nicht geschafft, sich ihre ewige Jugend zu bewahren, sondern sind ungeschönt der Vergänglichkeit überlassen worden.
Der 1971 geborene Dornbirner Künstler hat sich für einen Teil seiner derzeitigen Ausstellung „Sabotage“ in der Harder Galerie.Z diese Geschichten vorgenommen und sabotiert in seinen Zeichnungen jegliche Vorstellungen, die man damit verbindet. Sein Rapunzel, seine Pechmarie, sein kleiner Prinz sind alte, nackte Figuren mit hängenden Brüsten, Falten, unförmigen Körpern und Glatzen.

Mit wenigen Strichen erzählt Peter Wehinger die Märchen neu und versetzt sie in eine Welt, die sie dem Phantastischen entrückt und wohl näher an eine Wirklichkeit bringt. Da ist ein Aschenputtel, das wohl schon jenseits ihres 60ers ist. Die Tauben, die ihr vor Jahrzehnten noch beim Auslesen der Linsen geholfen haben, liegen mittlerweile tot daneben.
Märchen sind eigentlich für Kinder geschrieben, sagt der Künstler dazu. Für ihn ist das allerdings nicht mehr ganz stimmig bzw. hat diese Bedeutung verloren. Spannender werde das Ganze aber, wenn man sich die Geschichten mit alten Leuten durchdenkt, ist er überzeugt, „dann ist es aktuell“. Hänsel und Gretel etwa, die fragen, wohin sie im Alter gehen sollen, oder die Armut des gealterten Sterntaler-Mädchens.
Radikal und schonungslos
Das Altern ist eine Thematik, mit der sich Wehinger, der an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert hat, seit einigen Jahren in seinem künstlerischen Werk beschäftigt. Radikal und schonungslos zeigt er die in den meisten Fällen alten Männer, die dennoch ein gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlen, häufig gepaart mit einer aufgrund ihrer Nacktheit Schutzlosigkeit und oft auch Einsamkeit. Es ist eine Auseinandersetzung mit einem unaufhaltsamen Prozess, der nicht im Verborgenen bleiben kann und vor niemandem Halt macht – und vom Künstler offensiv angegangen wird.
In weiteren Arbeiten, die in der Galerie.Z zu sehen sind, hat Wehinger Seejungfrauen gezeichnet – und konterkariert auch hier das Sujet mit seiner Interpretation. Auch diese Frauen sind alt und zeigen die üblichen Merkmale körperlichen Verfalls. Nur die Schwimmflosse weist auf ihre Identität hin.

Ein dritter Teil mit jeweils zwei Figuren auf einer Zeichnung vervollständigt die Ausstellung. Die nackten alten Männer und Frauen sind jeweils durch Körperkontakt miteinander verbunden. Bei einigen schaut es wie ein Ringkampf aus, andernorts ist es vielleicht die Suche nach körperlicher Nähe, nach einem Festhalten. „Es ist jeweils dieselbe Person, die da mit ihrem Alter Ego bzw. mit sich selber ringt“, erklärt Wehinger.
Die verfremdeten Märchen bilden aber den Großteil der Schau. Da ist etwa noch die alte Prinzessin mit Krönchen und zornigem Gesichtsausdruck, die den Frosch in der Hand hat und ihn gleich zu Boden werfen wird. Oder ein ebenso altes Rotkäppchen mit abgekämpftem Gesichtsausdruck und leerem Korb, dessen Angst vor dem Wolf, der mit weit aufgerissenem Maul vor ihm steht, überschaubar zu sein scheint. Zumindest die Furcht scheint mit dem Alter abzunehmen.

Wehinger beraubt die Betrachter mit seinen Arbeiten jeglicher Illusion – allerdings nicht ohne Ironie, Witz und Lakonie. Aber vielleicht ist es auch nur Galgenhumor, der hier zum Ausdruck kommt. „Sabotage“ ist auf jeden Fall eine spannende und berührende Schau, die mit reduzierten Mitteln den großen existenziellen Fragen nachspürt.
Bis 19. Februar. Dienstag, Donnerstag, 18 bis 20 Uhr, Samstag, 10 bis 12 Uhr. www.galeriepunktZ.at