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Gefangen im digitalen Alltag mit Alexa

09.09.2022 • 23:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Andreas Jähnert in der Inszenierung "Aquarium"  <span class="copyright">Sascha Jähnert</span>
Andreas Jähnert in der Inszenierung "Aquarium" Sascha Jähnert

Am Donnerstag präsentierte das Theater Mutante in Lochau die One-Man-Show „Aquarium“ mit Andreas Jähnert.

Verkleb

Verklebte Kabel am Boden zeichnen die Konturen des Wohnzimmers in der Mitte der Turnhalle. An beiden Seitenwänden sitzen die Zuschauer und sehen durch unsichtbare Wände hinein in den Tag von Gallo und auch in die Nacht. Sie blicken hinter die Kulissen einer Figur, die sich selbst täuscht und in ihrer aufgezwungenen Fröhlichkeit vor dem Spiegel steht. „Du bist super. Du bist gut!“.
Tatsächlich scheint alles in Ordnung zu sein: Der in der DDR sozialisierte Mann kommt bester Laune nach Hause, bis er merkt, dass sich die gewünschte Gesellschaft und menschliche Zuwendung nicht finden lässt und Alexas Stimme die Nähe seiner Ex-Frau nicht ersetzen kann.

Gespräche mit Alexa

Der Schauspieler Andreas Jähnert führt überzogen und komisch die intimen Momente einer Person vor, die allein zu Hause ist, mit Plattitüden um sich wirft und den Alltag bestreitet, bis sie ins philosophische Grübeln kommt. Kein Gedanke bleibt dem Publikum verborgen.
Ein Tag geht zu Ende und ein neuer beginnt. Mit krampfhaftem Aufrechterhalten der Struktur und Wiederholungen versucht Gallo durch den Tag zu kommen und lenkt mit seiner Stimme sämtliche elektronische Geräte. Anrufe scheitern und alles an menschlicher Aufmerksamkeit, das Gallo bekommt, sind Sprachnachrichten von Lukas, der freundlich auf seine Anwesenheit und Dienstleistungen diese Tage lieber verzichtet und ihn ins Homeoffice schickt. Was Gallo, offenbar Gärtner und Haushaltsgehilfe, im Homeoffice machen soll, ist nicht nur ihm schleierhaft.
Wie ein Ping-Pong-Ball bewegt er sich durch die Wohnung, singt und tanzt. Er spricht mit Vögeln und mit Alexa, mit Menschen hinter dem Anrufbeantworter und vor allem mit sich selbst. Er zeigt Wut und Ärger im Kampf mit dem Wäscheständer und wird böse auf die Elektrik, die ja doch nur auf Anweisungen reagiert, aber kein eigenständiges Verhalten an den Tag legt.

Traum und Identität

Noch ein Tag endet, und man wartet auf Ereignisse, die Gallo aus seiner betrüblichen Einsamkeit herausreißen. Der Bildschirm des Fernsehers hebt sich nach oben, und Gallos Schlafzimmer kommt zum Vorschein. Das Moskitonetz über dem Bett wird zur Projektionsfläche seines Gesichts. Im Traum wechselt Gallo die Rollen und verwandelt sich in eine andere Version seines Selbst.
Nur mit einem Tuch bekleidet ergründet die Figur ihre femininen Seiten und liefert dem Publikum eine fulminante Show. Die Identität wackelt, wird vom Unterbewusstsein umgeworfen, von antifeministischen Haltungen befreit und homosexuell angereichert, bis Gallo aufwacht und sich aus Mangel an Nähe zärtlich seiner Stehlampe zuwendet: „Du schöne Aufrechte.“

Kaffeemaschine, Musik, Licht.

In der selbst geschaffenen Dunkelheit sucht er Erkenntnisse und Antworten. Auf surreale Weise werden Gegenstände zu Ansprechpartnern und lassen die poetische Seite Gallos zum Vorschein kommen. Der Mann scheint verrückt geworden durch die Zeit mit sich selbst und kämpft mit der Unfähigkeit allein zu leben.
So findet er sich gegen Ende wieder im Käfig seiner Wellensittiche Bobby und Wallet und schreit aus dem Kühlschrank, bevor er die Grenzen des Digitalen durchbricht. Durch unsichtbare Wände beobachten die Zuschauer Verletzlichkeit, Ängs­te und einen scheinbar durch die Isolation verrückt gewordenen Mann, der es schließlich dann doch schafft, den Stecker zu ziehen und in die Gesellschaft zurückzukehren.
In einer wilden und kraftvollen Inszenierung bringt Jähnert skurrile und bizarre und doch alltägliche Situationen auf die Theaterbühne der Turnhalle und nimmt das Publikum auf ergreifende Weise mit in die Isolation des digitalen Alltags.
Das von den Brüdern Andreas und Sascha Jähnert gegründete Theater Mutante befasst sich in „Aquarium“ kritisch und reflektiert mit der Einsamkeit des Menschen in der modernen Welt. Das Stück von Andreas Jähnert und Bernadette Heidegger besticht durch eine bemerkenswerte Authentizität und Präsenz, die Jähnert hervorbringt, und die unterhaltsam-berührende Sprache. Romy Rexheuser verwandelt eine alte Turnhalle in eine interessante Bühnenkonstellation.