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“Vergeltungsschläge an Zivilbevölkerung”

10.10.2022 • 13:10 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Zentrum von Kiew ist es am Montag in der Früh zu schweren Explosionen gekommen
Im Zentrum von Kiew ist es am Montag in der Früh zu schweren Explosionen gekommen (c) AP (Efrem Lukatsky)

Militärstratege über die russischen Raketenangriffe auf Kiew.

Wie bewerten Sie die Raketenangriffe auf die ukrainische Hauptstadt Kiew und andere Städte des Landes?

GERALD KARNER: Es laufen mehrere Angriffe auf mehrere Städte, auch in der Westukraine. Das sind ganz offensichtlich Vergeltungsangriffe Russlands. Und wie schon befürchtet, scheinen sich diese Angriffe hauptsächlich auf Bevölkerungszentren zu richten. Es ist eine weitere Eskalation.

Was sagt der Angriff über Putins Lage aus? Ist es ein letztes Aufbäumen?

Derartige Angriffe waren eigentlich zu erwarten. Gleichzeitig war eigentlich nicht zu erwarten, dass es Atom-Schläge geben wird. Davor schreckt man glücklicherweise zurück. Es tut sich am Boden sehr wenig aus russischer Sicht. Deshalb konzentriert man sich nun auf den abermaligen Angriff auf die Zivilbevölkerung. Putin gibt – wie auch bereits in den ersten Phasen des Krieges – vor, dass dadurch lediglich logistische Zentren oder militärische Einrichtungen in der Ukraine getroffen werden.

Mit welchen Waffen wurde angegriffen?

Wir gehen davon aus, dass Russland hier Marschflugkörper und ballistische Lenkwaffen eingesetzt hat. Marschflugkörper werden von Schiffen oder von Flugzeugen abgefeuert. Dies geschah möglicherweise nicht über ukrainischem Territorium, sondern könnte von Weißrussland aus oder dem Schwarzen Meer abgefeuert worden sein.

Die Präzision dieser Waffensysteme ist nicht so, wie der Kreml sich das vorstellt. Auch hat Russland Schwierigkeiten bei der Produktion. Derartige Lenkwaffen benötigen auch Ersatzteile, diese kommen aber aus dem Westen und können durch die Sanktionen nicht mehr geliefert werden. Und chinesische Lieferungen sind nicht imstande, diese zu kompensieren.

Das heißt: Möglicherweise verschießt man hier auf ziviles Gebiet gerade die präziseste Munition, die man hat.

Zur Person

Gerald Karner ist Offizier und Militärexperte; er war Leiter der Abteilung für militärische Strategie im Verteidigungsministerium. Generalstabsausbildung mit Fokus auf die ehemalige Sowjetunion.

"Vergeltungsschläge an Zivilbevölkerung"
Militärstratege Gerald KarnerFotograf

Ändert sich für die Ukraine nach den Raketenangriffen etwas?

Nein, für die Ukraine ändert sich dadurch im Moment gar nichts. Nicht die Militäreinrichtungen, nicht die Soldaten und die militärischen Verbände sind von diesen Schlägen betroffen, sondern bedauerlicherweise die Zivilbevölkerung. Ich glaube nicht, dass die Ukraine ihre militärische Vorgehensweise jetzt davon abhängig machen wird, ob Raketen im Hinterland einschlagen oder nicht.

Hat man damit gerechnet?

Selbstverständlich hat man sich darauf vorbereitet. Vor allem nach dem Angriff auf die Krim-Brücke, bei dem viel für eine Urheberschaft des ukrainischen Geheimdienstes spricht. Natürlich lässt sich nicht lückenlos dafür sorgen, dass Menschen im Luftschutzbunker sitzen und auch nicht, dass sie rechtzeitig gewarnt werden. Aber ich gehe davon aus, dass die politischen und militärischen Führungsebenen in der Ukraine gesichert sind und in Bunkern geschützt sind.

Der weißrussische Staatschef Alexander Lukaschenko kündigte nun an, gemeinsam mit Russland Truppen aufstellen zu wollen. Wie lässt sich dieser Schritt erklären? Was könnten seine Soldaten bewirken?

Lukaschenkos Militär befindet sich in keinem besseren Zustand als Putins Truppen. Denkbar wäre, dass bestimmte weißrussische Soldaten, die besser ausgestattet sind, Ausfälle der russischen Verbände kompensieren sollen. Fraglich bleibt, ob Lukaschenko damit Wehrpflichtige generell meint oder nur Berufssoldaten aufstellen möchte.
Die Teilmobilmachung von Putin funktioniert jedenfalls nicht wie erhofft. Viele Verbände haben zwei Drittel der Kampfstärke verloren.
Putin könnte gemeinsam mit Lukaschenko versuchen, die Ukraine im Norden anzugreifen. So könnten ukrainische Streitkräfte zersplittert werden. Diese Taktik halte ich jedoch für zu riskant. Auch wenn Lukaschenko von Putin unter Druck gesetzt wird und abhängig von Rohstoffen ist – damit würde er sein politisches Überleben gefährden. Denn auch er ist innenpolitisch angezählt.

Was bedeutet der Winter für den weiteren Krieg?

Ich rechne mit einer Verlangsamung. Es wird zäher, noch zäher. Der beginnende Winter bedeutet, dass es in weiten Bereichen eine “Schlammperiode” geben wird. Diese beginnt zwischen Oktober und November und erschwert eine mobile Kriegsführung abseits der Straßen extrem. Kämpfe werden sich also auf Straßen konzentrieren. Wenn der Boden dann wieder gefriert, ist naturgemäß wieder eine mobile Kriegsführung abseits der Straßen möglich.

Heißt das auch, dass man vor dem Winter versucht, möglichst brutale, weitreichende Schläge zu vollziehen?

Ja, ganz sicher. Auch die Ukraine wird versuchen, zählbare militärische Erfolge zu erreichen. Im Donbass und im Süden. Gleichzeitig rechne ich mit operativen Pausen. Die muss es geben, um sich zu regenerieren, um Gefallene und Verwundete zu ersetzen.

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