Die ungekrönten Häupter der Habsburger

Obwohl es vier Kaiser von Österreich gab, wurde keiner von ihnen als solcher gekrönt. Pläne für eine solche Zeremonie scheiterten am Tod Erzherzog Franz Ferdinands.
Sie hätte eine prunkvolle Zeremonie werden sollen, die Krönung Erzherzog Franz Ferdinands (1863-1914) zum Kaiser von Österreich. Die Pläne lagen bereits in der Schublade, als die Schüsse von Sarajevo fielen, die sein Leben und letztlich auch jenes der Monarchie kosteten. Tatsächlich sollte nie ein österreichischer Kaiser gekörnt werden. Karl I. (1887-1922), der letzte Habsburger auf dem Thron, legte nur den für die österreichische Reichshälfte vorgeschriebenen Eid ab, indem er gelobte, „die Grundgesetze der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder unverbrüchlich zu halten und in Übereinstimmung mit denselben und den allgemeinen Gesetzen zu regieren.“ Der kriegsbedingt wenig glanzvollen Zeremonie folgte eine Thronrede anlässlich der Einberufung des Reichsrates durch den neuen Herrscher, die aber, wie Karl selbst, in der Geschichte keinen nachhaltigen Eindruck hinterließ.
In ebenso reduzierter Form ließ sich der junge Habsburger 1916 auch zum apostolischen König von Ungarn krönen. Da die ungarische Verfassung im Gegensatz zu den Staatsgrundgesetzen der österreichischen Reichshälfte eine Krönung vorsah, ritt er als Karl IV. am 30. Dezember 1916 auf den Krönungshügel in Buda, ein Zeremoniell, dem sich Franz Ferdinand erst nach eingehenden Reformen hatte stellen wollen. Die Krönung Karls war die letzte eines Habsburgers, zemetierte die Vorrechte der Ungarn gegenüber den slawischen Völkern der Monarchie ein und trug so neben dem Kriegsausgang mittelbar zu deren Untergang bei.
Krönungen als Mittel der Politik. Kaiser Joseph II. (1741-1790) hatte, dem Konzept des aufgeklärten Absolutismus folgend, die Krönung zum ungarischen König ganz verweigert. Seine Mutter Maria Theresia (1717-1780) hatte sie hingegen zur Konsolidierung ihrer Macht eingesetzt. Nach der Krönung gestanden ihr die Ungarn militärische Unterstützung im damals tobenden Erbfolgekrieg zu. Anders als ihr Ururenkel Franz Joseph und dessen Nachfolger, war Maria Theresia nicht in Buda, sondern in Pressburg gekrönt worden, wohin die Zeremonie aufgrund der osmanischen Expansionspolitik ab dem 16. Jahrhundert verlegt worden war.
Ferdinand I. (1793-1875) wiederum wurde noch zu Lebzeiten seines Vaters Franz (1768-1835) 1830 zum ungarischen König gekrönt, um dem unter diversen Entwicklungsverzögerungen leidenden Kronprinzen die Nachfolge zu sichern. Zur politischen Stabilisierung wurde Ferdinand später auch als letzter Habsburger zum König von Böhmen und zum König Lombardo-Venetiens gekrönt. Nach der Revolution 1848 musste er dennoch zu Gunsten seines Neffen Franz Joseph (1830-1916) abdanken.
Keine Krönung in Wien. Neben der ungarischen Stephanskrone (linke Seite) und der böhmischen Wenzelskrone (rechtes Seite) stützten die Habsburger ihre Macht vor allem auf die römische Kaiserkrone, die sie seit Rudolf I. (1218-1291) mit Unterbrechnungen innehatten. Noch bevor Maria Theresias Enkel, Franz II. (1768-1835), das Heilige Römische Reich unter dem Druck Napoleons 1806 für aufgelöst erklärte, hatte er 1804 als Franz I. den Titel eines Kaisers von Österreich angenommen. Als ein Symbol für diese neue Erbmonarchie wurde die Privatkrone Kaiser Rudolfs II. (1552-1612) gewählt.
Es gehört zu den seltsamen Verwicklungen der österreichischen Geschichte, dass Wien zwar jahrunderte lang Residenz der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und der österreichischen Monarchie war, in der Stadt jedoch nie eine Krönung stattfand. Die römisch-deutschen Kaiser wurde zunächst in Aachen, später in Frankfurt erwählt, gesalbt und gekrönt. Für die davor regierenden Erzherzöge und Herzöge von Österreich fanden, diesen Titeln entsprechend, keine Krönungen sondern Erbhuldigungen statt, wie es sie heute noch bei der Inthronisierung der Fürsten von Liechtenstein gibt. Man spricht bei Herrschern dieses Ranges auch nicht von Kronen, sondern von Herzogs- oder Fürstenhüten.
Die vier österreichischen Kaiser Franz, Ferdinand, Franz Joseph und Karl verzichteten allerdings auf Krönungszeremonien, auch wenn sich etwa Franz I., im Ornat als Kaiser samt Rudolfskrone portraitieren ließ.
Die Krönung als Putsch. Franz Ferdinands geplante Krönung wäre also die erste gewesen. Wie andere Inthronisierungen zuvor sollte auch sie politische Aussagekraft haben und eine zentralistische Antithese zur ungarischen Königskrönung darstellen – dahin gingen jedenfalls die Pläne der Militärkanzlei des Thronfolgers.
Die Ungarn hatten beim Ausgleich mit Österreich 1867 erreicht, dass ihre Verfassung von 1848 anerkannt wurde. Nur die Außenpolitik und das Militär sowie deren Finanzierung blieben gemeinsame Angelegenheiten der Doppelmonarchie. Die unagrische Reichshälfte stellte seitdem einen wesentlichen Machtfaktor dar, dem Franz Ferdinand skeptisch gegenüberstand.
Um den Anspruch der Habsburger auf eine möglichst umfassende, einheitliche Herrschaftsgewalt zu betonen, hatte nach Ferdinand I. keine Krönung eines regierenden Monarchen zum böhmischen König mehr stattgefunden. Franz Ferdinands Militärkanzlei erwog jedoch, diese wiedereinzuführen – weniger zur Stärkung des tschechischen Nationalbewusstseins, als zur Schwächung der ungarischen Position. Der Thronfolger wollte den österreichisch-ungarischen Dualismus zugunsten einer großösterreichischen Lösung ausschalten. Die Vorrechte der Ungarn sollten einer formalen Gleichberechtigung der Völker weichen. Die slawischen Nationalitäten wären dafür leicht zu gewinnen gewesen. Um auch die Sozialdemokratie auf seine Seite zu ziehen, war die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht in Ungarn – in Österreich galt es seit 1907 – ebenso Teil der Pläne seines Stabes.
Nach der Thronbesteigung wollte man die Krönung zum ungarischen König verzögern, da Franz Ferdinand in ihrem Rahmen die Einhaltung der unagrischen Verfassung hätte beschwören müssen. In einem, erst nach dem Untergang der Monarchie veröffentlichten Manifest aus dem Umfeld des Erzherzogs wurde die Eidesleistung als ungarischer König als unvereibar mit der Regentschaft in der österreichischen Reichshälfte bezeichnet. Damit sollte eine Verfassungskrise erzeugt werden. Zur Beruhigung der Liberalen und Arbeiter wurde allerdings auch betont, dass sich die Debatte nicht auf die Grundrechte erstrecken sollte: „Als Unterpfand unserer geheiligten Regentenpflicht wollen Wir sodann die unzweideutigen Bestimmungen der Reichsverfassung, gleichzeitig mit den grundgesetzlichen Rechten und Freiheiten aller Angehörigen der Monarchie, mir feierlichem Krönungseide bekräftigen“, heißt es im Deklarationsentwurf.