Reden hilft und wir hören einfühlsam zu

Seit 24 Jahren leitet Sepp Gröfler die Telefonseelsorge Vorarlberg. Eine schöne Zeit und sinnstiftende Aufgabe, wie er sagt. Bald ruft die Pension, ein Nachfolger ist noch nicht bestimmt.
Wie lässt sich die Telefonseelsorge beschreiben?
Sepp Gröfler: Die Telefonseelsorge fungiert als Pannendienst für die Seele und ist eine erste Anlaufstelle, wenn eine Sorge drückt, Sie eine Auskunft zum sozialen Netz des Landes brauchen oder jemand sich in einer akuten Krise befindet. Reden hilft und wir hören einfühlsam zu.
Welche Unterstützung wird angeboten?
Gröfler: Unser Angebot umfasst Gespräche am Telefon, sowie Chat- und Mailberatung. Weiters gehen wir auch immer wieder in Schulen und bieten Workshops zu unterschiedlichen Themen an.

Die Telefonseelsorge in Vorarlberg wurde 1981 gegründet. Wie hat sich das Ganze entwickelt?
Gröfler: 1981 wurden 2503 Anrufe entgegengenommen. Diese Zahl ist im Laufe der Jahre auf aktuell fast 18.000 Anrufe pro Jahr angewachsen. Ursprünglich gegründet, um Suizide zu verhindern, hat sich das Themenspektrum im Laufe der Zeit erweitert. Aktuell sind Einsamkeit und psychische Belastungen die Hauptgründe, warum jemand anruft. 2001 wurde zudem die Mailberatung eingeführt und seit 2016 gibt es auch die Möglichkeit, sich über Chat beraten zu lassen.
Gibt es weitere Neuerungen?
Gröfler: Aktuell prüfen wir die Möglichkeit, neue Zielgruppen über Messenger-Dienste zu erreichen. Seit 2002 können wir für Kinder und Jugendliche in Not, außerhalb der Bürozeiten, den Familienkrisendienst aktivieren. Dabei gehen zwei Sozialarbeiter vor Ort und leiten erste Entlastungsangebote ein.
Wie sieht es hinsichtlich der Anliegen und Themen aus?
Gröfler: Da für uns keine Sorge zu gering ist, behandeln wir alle Themen des Lebens am Telefon und in der Onlineberatung. 95 Prozent der Kontakte betreffen die Sorgen des täglichen Lebens, während etwa fünf Prozent akute Krisenanrufe sind, die sich mit Suizidgefahr, Gewalterfahrungen, sexuellen Übergriffen oder Panikattacken befassen.

Und beim Alter?
Gröfler: Es rufen alle Altersstufen an. Die jüngsten Anrufer sind gut acht Jahre alt, die ältesten über 90. Die Gruppe zwischen 40 und 60 Jahren nützt die Telefonseelsorge am häufigsten.
Ist ein Trend feststellbar?
Gröfler: In den letzten Jahren ist ein Rückgang der Anrufe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu verzeichnen, da sie vermehrt die neuen Medien und unsere Onlineberatung nutzen.
Ein Eckpfeiler sind die ehrenamtlichen Mitarbeitern.
Gröfler: Derzeit sind 88 Mitarbeiter aktiv. Jeder leistet im Durchschnitt rund 200 Stunden im Jahr ehrenamtliche Arbeit für die Vorarlberger Bevölkerung. Das entspricht insgesamt etwa 18.000 Stunden pro Jahr, was umgerechnet etwa 10 Jahresgehältern sind.
Wie kann man sich bewerben?
Gröfler: Eine Mitarbeit ist nur möglich, nachdem man eine interne Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat. Diese umfasst etwa 200 Stunden und dauert rund sieben Monate. Der nächste Ausbildungskurs wird erst wieder 2026 angeboten. Interessierte können sich jedoch auf eine Warteliste setzen lassen und werden eingeladen, sich zu bewerben, sobald ein neuer Ausbildungskurs startet.

Wie kamen Sie zur Telefonseelsorge?
Gröfler: Nachdem ich von verschiedenen Kolleginnen dreimal auf eine Stelle hingewiesen wurde, die mir wie auf den Leib geschneidert erschien, habe ich mich 1999 für die Leitungsstelle beworben. Zum Glück habe ich sie bekommen. In den letzten 24 Jahren gab es keinen Tag, an dem ich nicht gerne gearbeitet habe. Das verdanke ich meinem sehr motivierten und herzlichen Team sowie der sinnstiftenden Aufgabe.
Sepp Gröfler hat sich im Amateurbereich, wie er selbst sagt, auch auf den Theaterbühnen, als Kabarettist und Buchautor einen Namen gemacht. Im TV-Landkrimi „Das Schweigen der Esel“ hatte er eine Rolle als Justizwachbeamter.
Hartinger (2)/SG (1)
Wie schaut Ihre Herangehensweise als Chef aus?
Gröfler: Unserem Obmann Albert Lingg, meiner Stellvertreterin Barbara Moser-Natter und mir ist es wichtig, im Team eine hohe Form der Selbstorganisation zu leben. Wir werben um eine intensive Mitwirkung der Mitarbeiter. Nur so können wir dieses anspruchsvolle Ehrenamt rund um die Uhr gewährleisten. Dabei darf auch der Humor nicht zu kurz kommen, um die Belastungen auszugleichen.

Wo liegen Ihre Stärken?
Gröfler: Ich versuche, das Vertrauen meiner Mitarbeiter in sich selbst zu stärken, ihre Selbstwirksamkeit zu erhalten und eine gute Fehlerkultur zu fördern. Wir dürfen Fehler machen, aber es ist wichtig, aus ihnen zu lernen. Das praktizieren wir beispielsweise in der monatlichen Supervision.
Und die Schwächen?
Gröfler: Manchmal wünscht man sich von mir, dass ich energischer bin oder auch einmal auf den Tisch klopfe. Aber das entspricht nicht meinem Naturell. Manchmal bin ich auch ein wenig chaotisch, aber das fördert auch meine Kreativität.
Sie werden mit vielen Problemen konfrontiert. Besteht die Gefahr, dass dies in den privaten Bereich einfließt?
Gröfler: Diese Gefahr ist sicherlich real, daher ist es wichtig, die Arbeit regelmäßig im kollegialen Austausch oder in der Supervision zu reflektieren. Manchmal ist es auch gut, einen längeren Heimweg zu wählen, um alles zu verarbeiten. So können die Belastungen auch im Büro bleiben.

In zwei Jahren haben Sie das Pensionsalter erreicht. Lösen Sie das „Pensions-Ticket“?
Gröfler: Ja, auf jeden Fall. Meine Arbeit ist erfüllend, aber es ist Zeit für neue Ideen und ein neues Gesicht. Ich bin dann 65 und war 48 Jahre im Berufsleben. Also höchste Zeit, loszulassen.
Was sind Ihre Wünsche und Vorhaben für die letzten TS-Jahre?
Gröfler: Ich möchte den Verein personell und finanziell auf einem stabilen Niveau übergeben und die Bekanntheit der Telefonseelsorge weiter steigern. Der Ausbau der Onlineberatung benötigt auch noch weitere Anstrengungen. Es würde mich auch sehr freuen, wenn meine Mitarbeiter dem Nachfolger ebenso glückliche Berufsjahre möglich machen wie mir. Aber davon bin ich aus tiefstem Herzen überzeugt, weil alle sehr viel Liebe in diese Aufgabe stecken und das ist ansteckend.
Zur Person
Name: Sepp Gröfler
Geboren: 1961
Wohnort: Dornbirn
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Beruf: Leiter der Telefonseelsorge Vorarlberg
Ausbildung: Konditor, Sozialpädagoge, Familien- und Gruppenarbeit
Hobbys: Theater, Wandern, Enkelkinder
Lebensmotto: Vertrau dem Augenblick
Wer wird Ihr Nachfolger?
Gröfler: Heuer haben wir einen Wechsel in der Obmannschaft. Albert Lingg war 27 Jahre der Fels in der Brandung und Garant für Stabilität. Im November wird er die Funktion an eine Nachfolgerin übergeben. Meine Nachfolge ist noch nicht geregelt, wird aber laufend mitgedacht.
Was macht Sepp Gröfler nach der Telefonseelsorge?
Gröfler: Meine Frau geht heuer in Pension und beide sind wir leidenschaftliche Großeltern, da darf ich mich dann verstärkt engagieren. Als Referent biete ich Workshops zu verschiedenen Themen an, unter anderem auch zu Humor. Dann hoffe ich auf weitere Theaterprojekte. Aktuell habe ich mich für eine Ausbildung als Schauspielpatient beworben. Diese Aufgabe würde mich reizen. Vielleicht gibt es auch wieder einmal den Biss für ein Buch. Natürlich ist es auch schön, dass für unsere Partnerschaft viel mehr Zeit bleibt.