Evangeliumkommentar: Wir sind (noch) nicht am Ende


In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Jakob Geier, Kaplan im Seelsorgeraum Bludenz.
Sonntagsevangelium
In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. Matthäus 5,1-12a
Wir sind (noch) nicht am Ende
Manchmal reicht ein Blick in die Nachrichten am Morgen, und der Tag beginnt mit einer Prise Sorgen. Kriege, Krisen, Teuerung, Klimaangst. Vieles, worüber man sich in früherer Zeit weniger Gedanken machte, wackelt. Da hilft kein schneller Trost, kein „Wird schon wieder“. Vielleicht führt uns dieser Gedanke näher zum Evangelium, das heute unter anderem von einer glücklichen Trauer spricht.
„Selig die Trauernden“, sagt Jesus in der sogenannten Bergpredigt, aus der wir heute einen Abschnitt gelesen haben. Mich irritiert dieser Satz immer wieder. Selig (also glücklich oder auch bevorzugt) sollen ausgerechnet jene sein, die trauern, die etwas verloren haben, die nicht zufrieden sind? Das widerspricht doch unserer gewohnten Logik. Wir feiern und bewundern doch lieber die Erfolgreichen und Schönen, die Starken und die, die alles im Griff haben.
Trauernde hingegen sind keine Gewinner. Sie stehen nicht auf der Sonnenseite. Aber vielleicht liegt gerade darin ihr Geheimnis. Wer trauert, hat noch nicht abgeschlossen. Wer trauert, hat noch Hoffnung. Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Beziehung. Man trauert nur um das, was einem wichtig war – um Menschen, um Träume, um Zukunftsbilder. Trauer zeigt: Da ist noch etwas offen.
In diesem Sinn sind die trauernden Menschen, die noch etwas erwarten. Sie haben sich nicht eingerichtet in der Überzeugung, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Sie haben sich nicht abgefunden. Sie spüren: Es könnte – es müsste – anders sein. Genau das macht sie empfänglich für Trost und für Veränderung, das macht sie „selig“.
Vielleicht passt dieser Satz Jesu besonders gut in unsere Zeit. Denn wir leben in einem Land, in dem über Jahrzehnte vieles scheinbar nur besser geworden ist. Seit dem Zweiten Weltkrieg ging es in Österreich bergauf: mehr Wohlstand, mehr Sicherheit, mehr Möglichkeiten. Für die meisten von uns wurde Fortschritt zur Selbstverständlichkeit. Heute aber mischt sich in dieses Lebensgefühl eine neue Unsicherheit: Was, wenn es nicht mehr besser wird? Was, wenn die Zukunft weniger verspricht als die Vergangenheit?
Diese Angst macht nicht automatisch traurig. Oft macht sie auch hart oder gar zynisch. Man versucht festzuhalten, was man hat. Oder man tut so, als wäre eh alles verloren. Beide Haltungen verschließen den Blick. Trauer dagegen hält ihn offen. Sie lässt zu, dass etwas fehlt. Sie lässt zu, dass man nicht alles besitzt, nicht alles kontrolliert.
„Selig die Trauernden“ – das ist keine Verherrlichung des Leids (einer der ungerechten Vorwürfe an uns Christen). Es ist eine Einladung zur Ehrlichkeit. Gott, so sagt Jesus, ist nicht zuerst bei denen, die sich selbst genügen, sondern bei denen, die eine Leerstelle spüren. Bei denen, die ihre Fragen an das Leben haben. Bei denen, die hoffen – trotz allem.
Vielleicht sind Trauernde deshalb die „Gewinner“: nicht weil sie weniger leiden, sondern weil sie mehr (von Gott) erwarten. Weil sie sich Trost überhaupt noch vorstellen können. Und weil dort, wo Trauer zugelassen wird, Zukunft (Himmelreich) erst möglich wird. Denn nur wer trauert, rechnet noch damit, dass Gott – und die Welt – noch nicht am Ende sind.
