Fragen an einen Sternkundigen – wie Robert Henseling die Rätsel der Sonne erklärte

Muss die Sonne einmal erkalten? Astrophysiker haben diese Frage im Detail beantwortet.
Robert Henseling (1883 – 1964) war ein deutscher Astronom und Schriftsteller. Er war Mitbegründer der Sternwarte Stuttgart, regte den Bau von Planetarien an und verfasste allgemein verständliche Schriften über Astronomie. Er förderte die Amateurastronomie und konnte viele Menschen dafür begeistern. 1939 erschien im Kosmos Verlag sein Buch mit dem Titel „Laienfragen an einen Sternkundigen“. Darin werden 40 Fragen, die bei Führungen auf Sternwarten und nach Vorträgen an ihn gerichtet wurden, beantwortet. Das Werk spiegelt nicht die Interessensgebiete der Besucher wider und bildet den Wissensstand und der damaligen Zeit ab.
Muss die Sonne einmal erkalten?
Die Frage ist berechtigt. Es gilt nach Prozessen zu suchen, die der Sonne über Jahrmilliarden ihre Energie verleihen. Henseling schloss es aus, dass sie dauerhaft existieren würde „wie eine ewige Lampe und Lebensspenderin der Welt“. Doch woher bezieht sie die Energie? Sie würde schon nach wenigen Tausend Jahren ihre Energie aufgebraucht haben, wenn sie einfach abkühlen würde oder mit der Verbrennung von Holz oder Steinkohle auskommen müsste. Der Sternkundige Henseling erläutert weiter, dass Wärme gewonnen werden kann, wenn sich die Sonne zusammenziehen würde. Nach Henseling würde dieser Vorgang die Leistung der Sonne für maximal ein bis zwei Dutzend Millionen Jahre aufrechterhalten können.
Kernenergie
Vermutlich hat Henseling das Experiment von Otto Hahn und Fritz Strassmann aus dem Jahre 1938 nicht in seine Erklärungen einbauen können. Die beiden beschossen Uranatome mit Neutronen und wiesen die Zerfallsprodukte nach. Schon in den frühen1930ern befassten sich Enrico Fermi, Irène Joliot-Curie, Lise Meitner, John Cockroft, Ernest Walton und andere mit der Kernspaltung und führten Experimente durch. Henseling wusste, dass nur ein Bruchteil der Sonnenmasse in Energie umgewandelt werden müsste, damit die Sonne Energie für 100 Millionen Jahre hätte.

Auch die Kernfusion, also die Verschmelzung zweier Atome, zog er als Energiequelle für die Sonne in Betracht und schätzte damit eine Lebensdauer der Sonne auf Jahrmilliarden Jahren. Astrophysiker kannten damals Erklärungen für die gewaltigen Energievorräte der Sonne über Jahrmilliarden hindurch. Henseling weiter: „Auch der Sonne wird ein letztes Stündlein schlagen … Ein sehr verkleinertes, dichtes, erkaltetes Gestirn mag zurückbleiben … vielleicht! Es ist wenig Hoffnung, dass wir bei Fragen dieser Art überhaupt jemals über ein ‚Vielleicht‘ hinausgelangen können.“
Entwicklung der Sonne
Heute, 87 Jahre später, würde Henseling diese Frage an einen Sternkundigen etwas anders beantworten. Die Kernfusion liefert der Sonne Energie für Jahrmilliarden Jahre. Andere Erklärungen kann man getrost vergessen. Die Sonne nimmt wie alle anderen Sterne ihren Anfang in einer Wolke aus Gas und Staub. Sternengeburten dieser Art können wir beispielsweise im Orionneben beobachten. Nach einer langen stabilen Phase, in deren Mitte sich die Sonne zurzeit befindet, wird sie pulsieren und dabei Gasmassen in den Weltraum blasen. Im Zentrum verbleibt ein extrem dichter weißer Zwergstern von der Größe der Erde, der ständig weiter abkühlen wird. Die abgeblasenen Gasmassen formen einen planetarischen Nebel, der sich ausdehnt und schließlich verblasst.
Einzig Henselings Vorsicht, dass wir über ein „Vielleicht“ bei unseren Erkenntnissen nie hinauskommen werden, war völlig falsch. Auf den ständigen Fortschritt der Wissenschaft ist Verlass.