“Bild”-Vize und Kurz-Biograf: “Er wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt”

Paul Ronzheimer, einer der bekanntesten Reporter Deutschlands, spricht im NEUE-am-Sonntag-Interview über die fragile Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran, den aus seiner Sicht miserablen Zustand Deutschlands und warum er mit einem Comeback von Ex-Kanzler Sebastian Kurz rechnet.
Wir treffen Paul Ronzheimer in einer der heimeligen Stuben im Bergrestaurant Nova Stoba, das in rund 2000 Metern Seehöhe im Silvretta-Gebirge thront. Hier ging am Freitag das „Versus Festival“, eine Art Gipfeltreffen der kontroversen Meinungen, über die Bühne. Kurz vor dem Interview hat der bekannte Journalist, Kriegsberichterstatter und Podcaster aus Deutschland gemeinsam mit der geopolitischen Strategin Velina Tchakarova über Krieg und Frieden diskutiert. Bevor der rasende Reporter weiterzieht, nimmt er sich eine knappe halbe Stunde Zeit für die Fragen der NEUE am Sonntag.
Wie gefällt es dem Ostfriesen in den Vorarlberger Bergen?Paul Ronzheimer: Extrem gut. Ich bin gerne in Österreich. In Vorarlberg war ich schon einmal, aber meinen Winterurlaub verbringe ich meistens in Bad Gastein. Dort habe ich eine kleine Wohnung. Mittlerweile liebe ich die Berge mehr als das flache Land.
Warum gerade Bad Gastein?
Ronzheimer: Mein Ex-Freund ist Hotelier in Österreich. So bin ich überhaupt nach Österreich gekommen. Ich bin auch oft in Wien, verfolge nach wie vor die Nachrichten und habe eine echte Beziehung zum Land, natürlich auch noch aus der Zeit von Sebastian Kurz. Interessant ist: Seit Kurz weg ist, interessiert sich in Deutschland kaum noch jemand für Österreich. Viele könnten nicht einmal sagen, wer Christian Stocker ist. Das hat eigentlich schon bei Nehammer begonnen.
Sie haben 2018 eine Biografie über den damaligen Kanzler Sebastian Kurz veröffentlicht. Wie blicken Sie heute auf dieses Buch?
Ronzheimer: Das Buch ist vor allem nicht mehr aktuell. Vielleicht war es ein wenig früh für eine Biografie. Eigentlich sollte man sie erst später schreiben. Damals war er, glaube ich, 34 oder 35 Jahre alt. Es war klar, dass sich noch etwas entwickeln würde, nur die Richtung war natürlich nicht absehbar. Ich bin mir aber absolut sicher, dass Sebastian Kurz in die Politik zurückkommt.
Warum sind Sie sich da so sicher?
Ronzheimer: Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern ergibt sich aus dem, was ich wahrnehme und wie ich ihn als Politiker erlebt habe. Jemand, der so abgetreten ist, hat mit diesem Kapitel noch nicht abgeschlossen. Ich habe ihn immer als absolutes „political animal“ wahrgenommen und sehe ihn auch noch ab und zu. Natürlich sagt er, dass er nicht zurückkommt, aber mein Eindruck ist ein anderer. Wer so in die Politik eingestiegen ist, wie er, so viel erlebt hat, und auch in Deutschland diese Anerkennung bekommen hat, der hat damit nicht abgeschlossen. E wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt.

Weil wir hier in den Bergen sind, sei mir dieses Bild erlaubt: Wie schwer wiegt denn der Rucksack, den Sie aus den Krisen- und Kriegsgebieten mitbringen?
Ronzheimer: Ich kann damit eigentlich gut umgehen. Manchmal wundere ich mich selbst darüber. Ich habe viele Leichen gesehen, selbst Gefahr erlebt und auch Freunde verloren. Trotzdem gehe ich nicht irgendwohin und sage: „Um Gottes Willen, wie könnt ihr hier Skifahren, während ich gerade aus einem Kriegsgebiet komme?“ Ich habe mir diesen Job ja selbst ausgesucht. Ich kann jederzeit sagen, dass ich nicht mehr hinfahre. Es zwingt mich niemand. Insgesamt bin ich ein positiver Mensch und meist gut drauf.
Wie gefährlich sind Ihre Reportereinsätze?
Ronzheimer: Es ist nicht wie bei einem Soldaten. Ich bin nicht 365 Tage an der Front. Selbst in der Ukraine bin ich teils in Kiew, teils an der Front, aber auch oft in Regionen, in denen ich keine unmittelbare Gefahr spüre. Nehmen wir Israel als Beispiel: Natürlich gibt es dort Gefahr, aber die Wahrscheinlichkeit, persönlich getroffen zu werden, ist sehr gering. In der Ukraine ist das anders. Die größte Gefahr für Reporter ist derzeit die Berichterstattung an der Front, vor allem wegen der Drohnen. Das war in den Jahren 2022 bis 2024 noch anders: Man ist an die Front gefahren, und dort war es gefährlich, je nachdem, wie lange man geblieben ist. Heute ist vor allem der Weg zur Front und zurück lebensgefährlich, auch für die Soldaten.
Die Erlebnisse scheinen Sie im Alltag also nicht allzu sehr zu belasten. Sie sind sehr umtriebig und es wirkt fast so, als bliebe Ihnen gar keine Zeit zum Nachdenken.
Ronzheimer: Das stimmt. Vielleicht ist das auch ein Stück weit ein Rezept. Aber es ist nicht so, dass das eine Flucht ist im Sinne von: Ich muss mich ständig beschäftigen. Vielmehr ist es so, dass mich viele Dinge interessieren und ich regelrecht besessen bin vom Versuch, guten Journalismus oder einen guten Podcast zu machen. Ich arbeite einfach gern.
Und doch stehen dann plötzlich die Russen vor Ihrer Tür und wollen sie holen, zumindest im Traum.
Ronzheimer: Ja, diesen Traum hatte ich schon öfter, vor allem nach längeren Aufenthalten an der Front. Ich wache meist mitten in der Szene auf. Einmal habe ich meine AirPods (Kopfhörer) aus dem Ohr gerissen und gegen die Wand geworfen, um mich zu wehren.

Sie haben einmal gesagt: „Das wirklich Schlimmste für mich war in meinem Leben nicht das Berufliche, sondern tatsächlich privat.“ Gemeint war das Schicksal Ihres besten Freundes Carl Jakob Haupt, der 2019 sehr jung an Krebs gestorben ist. Wie sehr beschäftigt Sie das heute noch?
Ronzheimer: Sehr. Ich bin mit seiner Frau bis heute eng befreundet, wir begehen den Todestag am 19. April jedes Jahr gemeinsam. Vor allem die Erinnerungen an die Arztbesuche beschäftigen mich immer wieder. Wenn man dabei ist, wenn eine Ärztin deinem besten Freund sagt, dass er nur noch wenige Tage zu leben hat und sich eine Therapie nicht mehr lohnt, dann prägt das. So enge menschliche Bindungen hinterlassen Spuren, besonders wenn jemand so früh stirbt, mit 34. Das rückt vieles im Leben in ein anderes Licht.
Ein anderer sehr enger Freund von Ihnen war ihr früherer Chef bei Bild, Julian Reichelt, der nach öffentlich gewordenen Vorwürfen von Machtmissbrauch und Sexismus seinen Posten räumen musste.
Ronzheimer: Dazu sage ich nichts mehr, tut mir leid.
Aber sie waren wie Brüder, wie sie selbst einmal sagten. Da stellt sich natürlich schon die Frage, was Sie damals gewusst haben.
Ronzheimer: Wie gesagt, ich rede über die Sache nicht mehr.
Sie haben sich als Journalist auf die Fahnen geschrieben, kritisch nachzufragen und für Klarheit zu sorgen. Wenn Sie jetzt an meiner Stelle wären, würden sie doch auch hart nachfragen.
Ronzheimer: Klar, fragen Sie hart nach. Das verstehe ich auch. Aber es ist eben schon fünf Jahre her.
Reden wir über die Ukraine. Wie lange wird dieser Krieg noch dauern?
Ronzheimer: Er wird dieses Jahr nicht enden. Es hängt stark von der Entwicklung an der Front und von der wirtschaftlichen Lage ab – und vor allem von der Frage, ob Donald Trump bereit ist, Sicherheitsgarantien nicht nur zu versprechen, sondern auch verbindlich zu geben. Entscheidend ist, ob die Ukrainer den Eindruck haben, dass sie sich darauf verlassen können, im Falle eines erneuten Angriffs geschützt zu werden. Meine Theorie ist: Wenn sie wirklich glauben würden, dass sie nach möglichen Gebietsabtretungen – etwa im Donbass – verlässliche Sicherheitsgarantien hätten, dann wären sie zu weitreichenden Kompromissen bereit. Was sie aber nicht akzeptieren, sind territoriale Zugeständnisse ohne jede Garantie für ihre Sicherheit.

Ihnen wird oft vorgeworfen, zu nah an der Ukraine zu sein und eher als Aktivist denn als Journalist zu agieren. Was entgegnen Sie dieser Kritik?
Ronzheimer: Ich bin “truthful, not neutral“ (wahrhaftig, nicht neutral). Das ist ein Zitat von Christiane Amanpour (Anm.: britisch-iranische Journalistin und internationale Chefkorrespondentin bei CNN). Ich habe eine klare Haltung. Es ist ein russischer Angriffskrieg und natürlich stehe ich auf der Seite der Ukrainer, vollkommen klar. Was aber nicht bedeutet, dass ich die Ukraine unkritisch begleite, weder Selenskyj noch das ukrainische Militär noch das Geschehen an der Front. Gab es Momente, in denen ich vielleicht nicht die gebotene emotionale Zurückhaltung hatte? Ganz sicher. Ich würde im Rückblick bestimmte Kommentare, etwa zu Waffen, heute so nicht mehr schreiben. Auch wenn ich persönlich diese Überzeugung habe, würde ich stärker trennen zwischen meiner Rolle als Reporter und jemandem, der Forderungen stellt. Da kann ich die Kritik nachvollziehen. Aber generell habe ich auch viel Kritisches über die Ukraine berichtet, etwa zu Korruption oder Einberufungen. In meinem Podcast kommen immer wieder Gäste zu Wort, die das anders sehen. Ich habe nie Propaganda verbreitet. Ich habe die Dinge immer hinterfragt. Insofern habe ich mir nichts vorzuwerfen.
ZUR PERSON
Paul Ronzheimer (40) ist stellvertretender Chefredakteur der “Bild” und einer der bekanntesten deutschen Kriegsreporter. Er berichtet regelmäßig aus Krisen- und Kriegsgebieten wie der Ukraine, Israel oder Afghanistan und betreibt den Podcast „Ronzheimer“. Für seine journalistische Arbeit, besonders als Kriegsreporter, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Der gebürtige Ostfriese lebt offen homosexuell.
Sie sagen von sich selbst, dass Sie Menschen gerne über längere Zeit beobachten und ihre Entwicklung verfolgen. Wie sehr hat sich Selenskyj im Laufe dieses Krieges verändert?
Ronzheimer: Ich habe ihn 2019 kennengelernt, als er Präsident wurde, und damals auch das erste Interview mit ihm geführt. Die Ukrainer werden ihm für immer dankbar sein, dass er am Tag des Kriegsbeginns geblieben ist. Danach hat er sich natürlich verändert. Wenn man kritisch darauf schaut, hat er nach der Verteidigung Kiews zu sehr versucht, in militärische Fragen einzugreifen. Zudem hat er in seinem Umfeld teilweise auf die falschen Leute gesetzt. Korruption ist weiterhin ein großes Problem, gerade im Militär, aber auch darüber hinaus. Wer täglich in einem Krieg Verantwortung trägt, bleibt nicht derselbe. Aktuell ist es zwar nicht möglich, aber das Land braucht dringend Neuwahlen.
Die Feuerpause zwischen den USA und dem Iran lässt viele Fragen offen. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Ronzheimer: Eine schnelle Einigung sehe ich nicht. Die Positionen liegen zu weit auseinander – etwa bei der Urananreicherung, dem Atomabkommen oder der Straße von Hormus. Es gibt viele Streitpunkte und kaum Ansätze für eine Einigung. Der Iran steht unter Druck, zeigt sich aber nach innen stark. Auf amerikanischer Seite ist die Lage ebenfalls kompliziert, auch wegen Donald Trump. Wenn es keine konkreten Schritte Richtung Atomabkommen gibt, kann er schwer von einem Erfolg sprechen, gleichzeitig will er als Sieger dastehen. Hinzu kommt die schwierige innenpolitische Lage bei den Republikanern, die die Situation zusätzlich verkompliziert. Ich rechne eher mit einer veränderten Form des Konflikts, etwa durch eine Blockadepolitik der USA und verdeckte Operationen Israels.
Der Politologe Robert Pape von der Universität Chicago spricht von der größten Niederlage für die USA seit Vietnam. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ronzheimer: Bei solchen Zuspitzungen bin ich sehr vorsichtig. Wenn man bedenkt, dass in Vietnam zehntausende amerikanische Soldaten gefallen sind, sehe ich diese Dimension hier nicht. Ob es tatsächlich eine so große strategische Niederlage ist, wird man erst in Monaten oder Jahren beurteilen können. Es kommt darauf an, was jetzt passiert: Bestätigt sich das, was die Kritiker sagen, dass das Regime stärker wird, die Amerikaner sich zurückhalten und der Iran der Bombe näher kommt? Oder ist das Regime so geschwächt, dass es mittelfristig fallen könnte? Ein Regime, das keine Perspektive aufbaut, kann sich – egal wie repressiv es ist – auf Dauer kaum gegen die eigene Bevölkerung stellen.

Reisen wir gedanklich weiter in Ihre Heimat. Wie geht es Deutschland?
Ronzheimer: Schlecht, tatsächlich schlecht. Die Koalition ist in einem miserablen Zustand. Wir erleben einen Bundeskanzler, der Versprechungen macht und sie wieder bricht, der mit seinem Koalitionspartner nicht zurechtkommt. Das Management der Koalition funktioniert nicht, Reformen werden angekündigt, aber am Ende nicht umgesetzt. Auch außenpolitisch schlingert er. In der Ukraine wurde er zunächst gelobt, jetzt beim Iran wirkt der Kurs unklar. Erst sagt er, Donald Trump mache unsere „Drecksarbeit“, dann heißt es plötzlich, man telefoniere mit dem Iran. Deutschland geht es auch deshalb schlecht, weil es keine Antworten auf die Zukunft der Arbeitsplätze gibt. Die Industrie ist in der Krise. Dass wir trotzdem keine so hohe Arbeitslosigkeit wie etwa 2003 sehen, liegt vor allem an der demografischen Entwicklung. Die wirtschaftliche Schwäche schlägt sich noch nicht voll am Arbeitsmarkt nieder. Die entscheidende Frage ist, ob sich diese Koalition auf einschneidende Maßnahmen einigen und sie auch umsetzen kann. Das sehe ich bislang nicht.
In Ihrer TV-Reihe „Ronzheimer – Wie geht‘s Deutschland“ hören Sie Menschen zu, die sich nicht ernst genommen fühlen von der Politik. Was haben in Erfahrung gebracht?
Ronzheimer: Der Frust der Menschen darüber, nicht gehört zu werden, hat in den letzten Jahren massiv zugenommen – etwa durch die Spätfolgen der Flüchtlingskrise, Fehler beim Bürgergeld und das Ausbleiben von Reformen.
Eine bedenkliche Stimmung?
Ronzheimer: Ja sehr. Gleichzeitig stellt sich natürlich die Frage: Wo ist der Optimismus, den wir brauchen? Denn es gibt nach wie vor viele großartige Menschen. Wir Medien haben eine Verantwortung, die positiven Entwicklungen stärker sichtbar zu machen. Es ist ja auch unsere Aufgabe, neben dem Beschreiben der Probleme auf die Lösungen zu schauen.
Gerade darin glänzt die “Bild“, deren stellvertretender Chefredakteur sie sind, aber überhaupt nicht. Ihr Blatt steht in der Kritik, gesellschaftliche Spaltung, Verunsicherung und Ressentiments zu fördern. Zudem führen Persönlichkeitsrechtsverletzungen immer wieder zu Rügen des Presserats. Womit haben Sie denn in diesem System denn selbst ein Problem und bei welchen Punkten halten Sie die Kritik für nicht gerechtfertigt?
Ronzheimer: Wenn es um Grenzüberschreitungen geht, die es sicherlich gab, oder um die Veröffentlichung von Fotos, sollte man immer auf konkrete Fälle schauen.
Können wir. Sie erinnern sich sicher an das Familiendrama in Solingen: Die „Bild“ veröffentlichte damals private WhatsApp-Nachrichten eines Elfjährigen, die er schrieb, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter seine fünf Geschwister getötet hat.
Ronzheimer: Man darf dabei nicht vergessen, dass andere Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder RTL ebenfalls darüber berichtet haben. Trotzdem wird dann immer nur über die “Bild” gesprochen.