Evangeliumkommentar: Die richtige Seite wählen

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Norman Buschauer, Vikar in Bregenz.
In jener Zeit offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tibérias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Dídymus, Natánaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war. Johannes 21,1-4
Gleich vorweg eine Reaktion von einem mitdenkenden Kind, als ich diese Perikope im Reli-Unterricht erzählt hatte: „Wieso hat sich Petrus angezogen, bevor er ins Wasser gesprungen ist?“ Herrlich, wie Kinder biblische Texte aufnehmen beziehungsweise sich in sie hineindenken und -fühlen können. Ja, die Reaktion von Petrus war etwas konfus. Aber der Reihe nach.
Die Jünger sind scheinbar nach all der Aufregung rund um Kreuzestod und Auferstehung prompt wieder in ihren früheren Alltag zurückgekehrt. Einige von ihnen waren ja Fischer am See Genesareth. Aber an diesem Morgen hatten sie kein Glück. Und dann geschieht das erste Fragwürdige: Ein Unbeteiligter, der am Ufer steht, ruft ihnen, den Fischer-Profis einen klugen Ratschlag zu. „Werft das Netz auf der rechten Seite aus!“ Ich bin kein Fischer und weiß nicht, ob rechts oder links so eine Auswirkung hätte. Ich frage mich, ob mit „rechte Seite“ nicht eher die „richtige Seite“ gemeint war. Und das zweite Fragwürdige: Die Profis tun, was der Mann am Ufer geraten hat, und das Netz war voll. Jetzt, nachdem sie wohl zuerst nur gestaunt hatten, begreifen sie: „Es ist der Herr!“
Ich denke in diesem Moment an die vielen Initiativen, mit denen seit Jahren – Jahrzehnten? Jahrhunderten? – versucht wird, die Frohe Botschaft nicht nur als Wort, sondern auch als Lebensanweisung unter die Menschen zu bringen und wie trotzdem ein ständiger Kirchenschwund zu vermerken ist. Ja, ich weiß, die Kirchlichkeit nimmt ab, nicht unbedingt die Gläubigkeit. Aber muss se uns nicht sehr zu denken geben, wenn nach einer deutschen Studie nur mehr rund ein Drittel jener, die sich als gläubig outeten, daran glauben, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist? Wie viel Engagement steckt zurzeit etwa in der Begleitung und Vorbereitung der Kommunionkinder und in der Gestaltung der Erstkommunionfeiern, aber wo sind die Kinder (und deren Eltern, Geschwister etc.) am Sonntag danach und weiterhin?
Jesus hat die Jünger damals zu Menschenfischern berufen – dieser Auftrag gilt doch grundsätzlich auch für die Kirche von heute: Menschen die Frohe Botschaft so zu verkünden und vorzuleben, dass es für sie zum Lebensgewinn wird.
„Werft das Netz auf der rechten – richtigen? – Seite aus!“ Soll, ja muss, dann nicht die Frage nach eben dieser rechten/richtigen Seite immer wieder neu vor uns stehen? Herr, was willst du heute von uns und mit uns?
