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Zwischen Stall und Verantwortung: Der Alltag einer jungen Bäuerin aus dem Bregenzerwald

18.04.2026 • 10:36 Uhr
Zwischen Stall und Verantwortung: Der Alltag einer jungen Bäuerin aus dem Bregenzerwald
Matina Berchtold ist Landwirtin aus Leidenschaft. Hartinger

Was steckt hinter dem Leben am Bauernhof? Martina Berchtold (35) aus Schnepfau führt einen Heumilchbetrieb im Bregenzerwald. Sie erzählt von ihrer vielfältigen Arbeit und davon, warum sie sich jetzt auch in der Landwirtschaftkammer engagiert.

Kürzlich trafen im Montforthaus in Feldkirch mehr als 700 Bäuerinnen aus ganz Österreich zusammen. Sie nutzten die Gelegenheit zum Austausch, sprachen über agrarpolitische Themen und das gemeinsame Anliegen, ihre Arbeit sichtbarer zu machen. Auch die junge Landwirtin Martina Berchtold aus Schnepfau möchte genau das vorantreiben. An diesem Tag ist sie allerdings alles andere als zu übersehen. In ihrer stattlichen Bregenzerwälder Tracht zieht die 35-Jährige viele Blicke auf sich, als sie sich während einer kurzen Pause mit der NEUE am Sonntag in einem nahegelegenen Kaffeehaus zum Gespräch trifft.

Zwischen Stall und Verantwortung: Der Alltag einer jungen Bäuerin aus dem Bregenzerwald
Martina und Johannes Berchtold bewirtschaften gemeinsam einen Heumilchbetrieb in der Bregenzerwaldgemeinde Schnepfau. Hartinger

Hochschwanger elterlichen Hof übernommen

Die Landwirtschaft prägte Martina Berchtold von klein auf. Gemeinsam mit zwei jüngeren Geschwistern wächst sie auf dem elterlichen Hof auf. Schon als junges Mädchen ist ihr klar, dass sie den Betrieb einmal übernehmen möchte. Traditionell kommt diese Aufgabe meist den Söhnen zu. Ihr Bruder ist jedoch noch minderjährig, als der Vater im Jahr 2016 plötzlich und viel zu jung stirbt. Die Entscheidung fällt damit schneller als erwartet. Gemeinsam mit ihrem Partner Johannes, mit dem sie schon seit 2009 den Sommer über auf der Alpe arbeitete, übernimmt sie den Hof. „Das ging alles sehr schnell, und ich war damals hochschwanger, mit Zwillingen“, erinnert sich die aufgestellte Bregenzerwälderin.

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Die 35-jährige Landwirtin Martina Berchtold, hier in Bregenzerwälder Tracht, übernahm den elterlichen Hof im Jahr 2016. Am radne des Bundesbäuerinnentags in Feldkirch traf sich sich mit der NEUE am Sonntag. NEUE/STadler

Arbeit und Alltag

Rund 22 Milchkühe samt Nachzucht, dazu Ziegen und etwa 70 Hühner gehören zum Betrieb. Bewirtschaftet wird der Hof nach dem Prinzip der Drei-Stufen-Landwirtschaft mit Heimbetrieb, Maisäß und Alpe. Im Jahresverlauf verlagert sich damit nicht nur die Arbeit, sondern auch der Lebensmittelpunkt der Familie. Besonders im Sommer auf der Alpe Mittelhirschberg wird deutlich, wie eng Arbeit und Alltag miteinander verflochten sind. Der Tag beginnt früh, meist zwischen halb vier und vier Uhr. Zuerst wird gemolken, danach folgt die Arbeit im Stall. Im Anschluss werden die Kinder für die Schule fertig gemacht. Der Weg ins Tal verbindet beides, Arbeit und Familie. „Wir bringen die Kinder in die Schule und nehmen die Milch mit“, schildert Berchtold. Am Nachmittag bzw. Abend geht es dann wieder zurück auf die Alpe.

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Hartinger

Auch Büroarbeit

Mit der Übernahme des Betriebs hat sich auch ihr Blick auf die Arbeit verändert. Vieles kannte die Landwirtin von klein auf, anderes zeigte sich erst mit der Verantwortung. „Man meint, alle Bauern gehen am Morgen in den Stall und dann können sie tun, was sie wollen. Aber das ist nicht so.“ Ein großer Teil spiele sich im Büro ab. Kälber müssen gemeldet werden, Zu- und Abgänge dokumentiert, Tiere bei Alpauftrieb registriert. Dazu kommen Buchhaltung und laufende Meldungen. Arbeit, die von außen kaum sichtbar sei, aber zum Alltag gehöre.

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Berchtolds Arbeit beginnt frühmorgens im Stall. Hartinger


Martina Berchtold, die eine Ausbildung zur Gasttonomiefachfrau absolviert hat und in einem Sportgeschäft jobbte, führt den Hof bereits in vierter Generation. Der ehemalige Aussiedlerhof wurde Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet, zuvor lag er im Dorf. Nach der ­Übernahme haben die Berchtolds auch baulich investiert. Am bestehenden Standort entstand ein Wohnhaus, dazu ein Heulager und eine Garage. „Wir sind sehr stolz darauf“, sagt Berchtold.

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Neben Millkühen samt Nachzucht finden sich auf Berchtolds >Hof auch Ziegen und Hühner. Hartinger

Weitere Standbeine

Neben der Landwirtschaft braucht es weitere Standbeine. Johannes Berchtold, dessen Großeltern ebenfalls Bauern waren, arbeitet als selbstständiger Forstarbeiter. Zusätzlich betreibt die Familie seit 2021 eine Ferienwohnung. Auch Direktvermarktung gehört dazu, etwa über einen kleinen Kühlschrank mit eigenen Produkten.

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Martina berchtold betreibt auf ihrem Hof auch eine Ferienwohnung, die stets gut gebucht ist. hartinger

Im Kreislauf der Natur

Die Arbeit ist vielfältig und fordert jeden Tag aufs Neue, das ganze Jahr hindurch. „Du kannst nichts planen, und wenn du etwas planst, kommt bestimmt etwas dazwischen.“ Trotz der Arbeitsbelastung stellt Berchtold ihre Entscheidung nicht infrage. „Das ist eine Leidenschaft, eine Herzensangelegenheit.“ Besonders gefalle ihr die Arbeit im Kreislauf der Natur. Auch die Veränderungen in der Natur beschäftigen sie. Weniger gefrorene Böden begünstigen Mäuse, die große Schäden an den Wiesen verursachen. Beim ersten Schnitt könne das 40 bis 50 Prozent Ausfall ausmachen.

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Der ehemlige Aussiedlerhof wurde ausgebaut. Hartinger

Engagement in der Landwirtschaftskammer

Seit kurzem sitzt die 35-Jährige für den Bauernbund in der Landwirtschaftskammer. Angestoßen hat das eine Kollegin, die sie ermutigte, sich einzubringen. Im Zuge dessen hat sie den Lehrgang „Professionelle Vertretungsarbeit im ländlichen Raum“ absolviert. Aber auch ihre eigenen Erfahrungen bringt sie ein. „Die Bäuerin ist die Managerin vom Hof“, weiß sie. Familie, Organisation und Betrieb laufen zusammen, vieles müsse gleichzeitig funktionieren. „Es wird unterschätzt, was eine Bäuerin alles macht.“

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Hartinger

Der schön gelegene Bauernhof in Schnepfau ist und bleibt jedenfalls Lebensmittelpunkt für die Familie. Ob ihre Kinder den Betrieb einmal übernehmen werden, ist offen. Für Berchtold ist allerdings wichtig, dass sie von klein auf mitbekommen, was die Arbeit am Hof ausmacht, so wie es auch für sie selbst schon früh selbstverständlich war.