Evangeliumkommentar: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Katharina Weiss, Schriftleitung „Dein Wort – Mein Weg“.
Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach. Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder. Matthäus 9, 9-13
Die Texte der Evangelien wurden erst Jahrzehnte nach dem Tod Jesu verschriftlicht. Von Menschen, die Jesus nicht persönlich gekannt haben. Jesus und seine Jünger sprachen und dachten in ihrer aramäischen Sprache. Das Matthäusevangelium wurde aber in Griechisch abgefasst. Im 4. Jahrhundert etablierte sich Latein als Kirchensprache. Die lateinische Übersetzung des Hieronymus prägt bis heute unser Bibelverständnis.
Antoine de Saint-Exupéry schreibt im „Kleinen Prinzen“, dass die Sprache Quelle von Missverständnissen sei, dann erst recht Übersetzungen. Im Zentrum des heutigen Evangeliums steht der Begriff „Barmherzigkeit“. Das lateinische Wort für Barmherzigkeit ist „misericordia“. Es setzt sich aus den Wörtern „miseriae“ (Elend) und „cordia“ (Herz) zusammen. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an. Dies entspricht immer noch sehr stark unserem Verständnis von Barmherzigkeit.
In der griechischen Ursprungsvorlage heißt Barmherzigkeit „eleos“. Es bedeutet Güte oder zärtliches Mitgefühl. Damit zielte der Verfasser des Evangeliums allgemein auf menschliche Zuwendung ab, nicht zwangsläufig auf Personen in Leid und Elend, wie der lateinische Begriff suggeriert.
Das Aramäische ist eine semitische Sprache und damit vieldeutiger. Vokale werden meist nicht geschrieben. Damit vermitteln die Leerräume zwischen den Buchstaben mindestens so viel Bedeutung wie die Buchstaben an sich. Daraus ergibt sich ein anderer Umgang mit den biblischen Texten, als wir ihn kennen. Nicht umsonst diskutieren Juden teilweise heftig und ausführlich über die biblischen Stellen, denn so eindeutig, wie sie uns als deutsche Übersetzung scheinen, sind sie nicht.
Jesus und seine Weggefährten sprachen und dachten semitisch. Barmherzigkeit bezeichneten sie als „Rachamim“. Dieses Wort leitet sich ab vom (Mutter-)Schoß, was eine tief empfundene, schützende und im Ursprung verbundene Liebe meint: Barmherzigkeit als tiefes (Mit-)gefühl oder zärtliche Liebe. Es ist nicht nur ein Empfinden, das einen nicht unbeteiligt lässt, sondern sie drängt zum Handeln. Sie ist wie der Mutterschoß Grundlage menschlichen Lebens.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschäftigt sich mit der Frage, warum sich unser Tun trotz ständiger Aktivität oft sinnlos anfühlt. Er sieht dies als Folge einer entfremdeten Weltbeziehung. Sinnlosigkeit entsteht, wenn wir Tätigkeiten nur noch abarbeiten, statt uns mit der Welt und den Menschen in Beziehung zu bringen. Barmherzigkeit als tiefes Mitgefühl für unsere Umwelt macht unser Leben lebenswert und ist eine Haltung, die wir für ein gesundes Leben brauchen. Jesus fordert auf: geht und lernt zärtliche Liebe zu euch und zu den Mitmenschen, nicht das sich Aufopfern in einer lediglich nach Gewinn und Optimierung strebenden Leistungsgesellschaft.
