Evangeliumkommentar: Mehr Meer als wir begreifen können

Gottes Liebe ist größer als unser Verstehen – und lädt uns ein, ihr zu vertrauen.
Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Johannes 3,16-18
In der Zeit, als der heilige Augustinus von Hippo an seinem großen Werk „De Trinitate“ über die Dreifaltigkeit schrieb, erzählt eine Legende Folgendes: Augustinus ging eines Tages am Meer entlang und dachte über Gott nach. Da sah er einen kleinen Jungen, der mit einem Löffel Meerwasser in eine kleine Sandgrube schöpfte. Augustinus lächelte und sagte: „Das wird dir nie gelingen.“ Der Junge antwortete: „Eher habe ich das Meer in diese Grube geschöpft, als du das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes vollständig erklären kannst.“
Vielleicht liegt genau darin eine tiefe Wahrheit unseres Glaubens: Gott ist größer, als wir ihn begreifen können. Und dennoch versucht er immer wieder, uns nahe zu kommen.
Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab …“. Gott liebt alle! Nicht nur die Perfekten und die ein frommes gottgefälliges Leben führen und alles richtig machen.
Gott liebt diese Welt genauso wie sie eben ist. Mit all ihrer Schönheit und ihren Brüchen, mit allem Gelingen und allem Scheitern. Seine Liebe ist nicht an Bedingungen geknüpft, sondern umfasst jeden Menschen, unabhängig von Herkunft, Leistung oder Glauben. Gott sieht uns mit barmherzigen Augen an und lädt uns ein, uns seiner Liebe zu öffnen.
Der spirituelle Lehrer Thomas Keating beschreibt Gott als Gegenwart, die alles durchdringt. Gott ist für ihn kein kalter Beobachter, sondern Liebe, die sich verschenkt. Vielleicht ist das auch der tiefste Sinn der Dreifaltigkeit: Gott ist Beziehung. Vater, Sohn und Heiliger Geist leben in einem ständigen Geben und Empfangen von Liebe.
Und genau in diese Bewegung möchte Gott den Menschen hineinnehmen.
Darum sagt Jesus auch: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“
Viele Menschen tragen heute schwer an sich selbst. Sie fühlen sich nicht gut genug, nicht gläubig genug, nicht stark genug. Vielleicht beginnt Glaube dort, wo ein Mensch aufhört, ständig gegen sich selbst zu kämpfen und langsam lernt, sich von einem liebenden und barmherzigen Gott anschauen zu lassen.
Denn Gott kennt unsere Zerbrechlichkeit längst. Das Kreuz Jesu ist deshalb Ausdruck einer Liebe, die sogar das Dunkel des Menschseins mitträgt. Gott bleibt nicht auf Distanz. Er geht hinein in Angst, Einsamkeit und Tod. Thomas Keating sagte einmal: „Du kannst nicht zu viel an Gottes Liebe glauben.“
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung des Glaubens: weniger Angst zu haben und mehr Vertrauen zu wagen. Nicht alles verstehen zu müssen. Nicht das Meer Gottes in unsere kleine Sandgrube pressen zu wollen. Sondern still zu werden und zu ahnen: Wir sind längst getragen von einer Liebe, die größer ist als alles, was wir denken können. Wer sich dieser Liebe öffnet, findet Hoffnung, Trost und einen festen Halt im Leben. Das Evangelium lädt uns ein, diese Liebe immer wieder neu zu entdecken und weiterzugeben – in unseren Worten, in unseren Taten und im Miteinander. So wird Gottes Liebe lebendig unter uns.
