Evangeliumkommentar: Er hält uns

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Erich Baldauf, Pfarrer in Hard und Bibelreferent der Diözese.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen. Matthäus 10,26-33
Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Aber unzählige Male lesen wir in der Bibel: Fürchtet Gott. Bemerkenswert ist, dass dies in den Büchern der Weisheit mehrfach thematisiert wird. So heißt es im Buch der Sprichwörter: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (9,10).
Bei der biblisch geforderten Gottesfurcht geht es nicht um die Angst vor einem Gott, der willkürlich oder demütigend agiert oder mit Adleraugen jedes Vergehen und jeden Fehltritt verfolgt und bestraft.
Die Gottesfurcht wird als Weg zur inneren Freiheit und als Kraftquelle zum gewaltlosen Widerstand gesehen. Besonders autoritäre Systeme neigen dazu, Menschen einzuschüchtern und zu demütigen. Die Gottesfurcht hält dagegen:
Sie trägt zur Achtung meiner selbst bei. Jeder Mensch ist ein Abbild Gottes, ein einmaliges, einzigartiges Original. Niemand muss oder soll andere Menschen kopieren.
Die Furcht des Herrn zeigt sich weiter im Respekt und in der Achtung gegenüber den Mitmenschen. Niemand ist Herr über einen anderen Menschen, das sollen und dürfen wir Gott überlassen. Sie steht damit dem Hochmut und Herrschaftsdenken, aber ebenso der Unterwürfigkeit entgegen.
Die Furcht vor Gott halte hoch, um nicht der Furcht vor den Menschen, vor Autoritäten, vor jenen, die dir schaden können, zu verfallen. In der Furcht vor Gott bewahre den aufrechten Gang.
Du darfst dich von ihm getragen wissen. Jesus verwendet ein eindrückliches Bild: gezählte Haare. Es ist eine Metapher mit einer theologischen Wahrheit. Sie spricht von einer persönlichen, fürsorgenden Gottesbeziehung. Er kennt den Menschen nicht nur im Allgemeinen, er kennt ihn im Einzelnen, im Konkreten, im Verletzlichen. Nichts ist ihm zu klein, zu unbedeutend oder zu alltäglich. Er, der Herr über den ganzen Kosmos ist, kennt und liebt dich bis ins Kleinste.
Dieses Wissen ist Kraftquelle, wenn das Eintreten für die Würde von Menschen, für Gerechtigkeit und Recht gefragt ist und dieser Einsatz mit Drohungen, Verfolgung und Lebensgefahr verbunden ist.
Jesus setzt damit der Logik der Angst die Logik der Beziehung entgegen. Er verweist nicht auf äußere Sicherheit, sondern auf die Nähe des Lebendigen: gezählte Haare. Angst verliert ihre Macht dort, wo der Mensch erkennt, dass das Leben Geschenk ist und vom tiefen Wissen getragen wird: Ich bin in seiner Hand. In dieser Beziehung wächst Freiheit. Sie befreit vom Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen. Sie befreit von inneren Ängsten und Zwängen. Nicht weil die Welt problemlos und leicht geworden ist, sondern weil das Vertrauen trägt: Er hält uns.
