90 Stühle und ein Hochdruckreiniger

Theater ist etwas Schönes. Man erzählt Geschichten, schenkt Menschen – im besten Fall – eine gute Zeit und bewegt manchmal sogar etwas in ihren Köpfen. Emotionen, neue Erkenntnisse oder gar Reflexionen. Das mag ich sehr. Zum Theater gehören aber nicht nur Stück, Inszenierung und Spiel, sondern auch die Vor- und Nacharbeit. Die ist nicht immer prickelnd, gehört aber dazu.
Wie schon mein Uni-Professor sagte: Egal, was man liebt, es gibt immer Teile davon, die einem gewaltig auf die Nerven gehen können. Damals war das für mich der Lehrgang „Recht“ für Theaterschaffende. Himmel, ist mir dieses Semester auf den Senkel gegangen. Heute weiß ich: Es gibt noch andere Kandidaten.
Nicht ganz so liebenswert ist es nämlich, nach einem Open-Air-Theater in kiesig-sandiger Umgebung die für das Publikum bereitgestellten Stühle wieder zu reinigen. Die waren ausgeliehen und sollten natürlich möglichst im Originalzustand zurückgegeben werden. Ursprünglich dunkelblau, präsentierte sich der Großteil des Stuhlwerkes zeigte sich inzwischen Saft umhüllt von Schmutz in einem eleganten Kiesstaubgrau.
Zu viert nahmen wir uns der Sache an. Bewaffnet mit Hochdruckreiniger und Putzfetzen. Das kann doch nun wirklich kein Aufwand sein. In einer halben Stunde haben wir das erledigt! Zumal die dezent schwüle Luft uns dazu animierte, unsere Freizeit nicht allzu großzügig mit körperlicher Arbeit im Freien zu verbringen.
Also wurden fünf Stapel Sitzgelegenheiten auseinanderdividiert, ausgeklappt und mit möglichst effizientem Wasserstrahl bearbeitet. Einer spritzte, drei weitere – mich eingeschlossen – trockneten ab, klappten zusammen und stapelten neu. Nach einer halben Stunde hatten wir exakt ein Viertel der zu bewältigenden Sessel geschafft. Es wurde kurz bis länger Blickkontakt aufgenommen. In den Augen aller Beteiligten war dieselbe Erkenntnis zu lesen: Das dauert noch.
Um die Stimmung zu heben, wurde ein Stuhlgang-Witz nach dem anderen in die Runde geworfen. Gleichzeitig richtete sich der Wasserstrahl mit zunehmender Entschlossenheit gegen die Stühle, die dem Putzdruck nicht standhalten konnten und rasant über den nassen Boden tanzten.
„Ich werde nie wieder einen Stuhl in mein Leben lassen können!“, offenbarte ich schwitzend, während ich Putztuch Nummer 45 auswrang.
Zwei Stunden später platzierten wir die letzte – nun wieder dunkelblaue – Sitzgelegenheit auf dem Stapel. Einstimmig wurde beschlossen, dass zur Verarbeitung dieses Traumas nun dringend ein Gastgarten nötig sei. Und etwas Hopfiges zu trinken.
Dort angekommen stellte ich fest, dass ich eigentlich nicht im Schneidersitz auf dem Boden sitzen wollte. Mein Stuhltrauma war damit überraschend schnell überwunden. So schlimm war es eigentlich gar nicht gewesen. Im Gegenteil. Spaß hatten wir sogar. Zumindest in der Nachschau. Und einige neue Witze für unser Repertoire an Unanständigkeiten gibt es jetzt auch.