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Wirbel um Bludenzer Stadtpolizei-Chefposten

16.08.2026 • 07:00 Uhr
Rathaus Bludenz
Im Rathaus Bludenz, in dem sich auch die städtische Sicherheitswache befindet, hängt wieder einmal der Haussegen schief. Rhomberg

Besetzung der Sicherheitswache sorgt für Diskussionen. Bisherige interimistische Leiterin fühlt sich benachteiligt und beschwerte sich beim Landesvolksanwalt. Dieser prüft nun eine mögliche Diskriminierung.

Mit 1. September bekommt die Stadtpolizei Bludenz einen neuen Kommandanten. Walter Bitschnau (57) übernimmt die Führung der Gemeindesicherheitswache. Um den Posten hatte sich auch Sonja Berchtold-Niedermesser (54) beworben. Sie leitete die Dienststelle zuletzt interimistisch und fühlt sich benachteiligt. Deshalb wandte sie sich an den Landesvolksanwalt Klaus Feurstein. Dieser bestätigte der NEUE, dass er den Fall prüft. Er hat Bürgermeister Simon Tschann (ÖVP) und das Amt der Stadt Bludenz um Auskunft ersucht. Die Frist läuft bis 11. September. Der Landesvolksanwalt ist in Vorarlberg auch als Antidiskriminierungsstelle tätig. An ihn können sich unter anderem Landes- und Gemeindebedienstete wenden, die sich im Arbeitsleben diskriminiert fühlen.

Wirbel um Bludenzer Stadtpolizei-Chefposten
Sonja Berchtold-Niedermesser leitet die Stadtpolizei Bludenz seit der Pensionierung des früheren Kommandanten Mario Leiter, auf dessen Liste sie 2020 kandidierte. Privat

Der Fall ist heikel, weil mehrere Dinge zusammenkommen. Berchtold-Niedermesser arbeitet seit Jahrzehnten bei der Stadtpolizei, war Stellvertreterin und führt die Dienststelle derzeit. Sie sieht sich als Frau benachteiligt. Hinzu kommt ihre frühere politische Tätigkeit: 2020 kandidierte sie im Team von Mario Leiter und saß in der vergangenen Periode in der Stadtvertretung. Der frühere Polizeikommandant und SPÖ-Landesparteivorsitzende war viele Jahre lang Tschanns politischer Erzfeind, zweimal trat er gegen ihn bei Bürgermeisterwahlen an und unterlag.

Damit stellen sich nun mehrere Fragen: War das Auswahlverfahren fair und wurden beide Kandidaten nach denselben Maßstäben beurteilt? Spielten Geschlecht oder politische Vergangenheit eine Rolle? War das Vertrauensverhältnis zwischen Tschann und Berchtold-Niedermesser belastet? Oder überzeugte Bitschnau am Ende schlicht mehr? An der Bestellung selbst wird die Prüfung des Landesvolksanwalts nichts mehr ändern. Sollte der Landesvolksanwalt eine Diskriminierung festgestellen, könnte eine Schadenersatzklage folgen.

Wirbel um Bludenzer Stadtpolizei-Chefposten
Mario Leiter war bis August 2025 Kommandant der Stadtpolizei Bludenz. Hartinger

Seit 1991 bei Stadtpolizei Bludenz

Berchtold-Niedermesser arbeitet seit 1991 bei der Stadtpolizei Bludenz. Sie begann in der Parkraumüberwachung, eine Polizeischule absolvierte sie nicht. Später folgten ein Verwaltungslehrgang und 2021/2022 die Ausbildung zur dienstführenden Beamtin bei der Bundespolizei. Seit 2022 war sie Stellvertreterin der städtischen Sicherheitswache. Als Leiter am 1. August 2025 in den Ruhestand trat, übernahm sie die Führung der Dienststelle. Zunächst in ihrer Funktion als Stellvertreterin und mit einer entsprechenden Leitungszulage. Im November 2025 verfügte Bürgermeister Tschann ihre interimistische Leitung. Berchtold-Niedermesser kennt damit nicht nur die Dienststelle seit Jahrzehnten, sondern auch die Stadtverwaltung und deren Akteure. Eine interne Nachfolge, so wie jüngst bei der Stadtpolizei Feldkirch, lag deshalb nahe. Aber es sollte anders kommen.

Im März 2026 beschloss der Stadtrat die öffentliche Ausschreibung. Die Bewerbungsfrist endete am 26. April. Drei Personen bewarben sich. Neben Berchtold-Niedermesser und Bitschnau bewarb sich auch ein weiterer Mitarbeiter der Stadtpolizei Bludenz. Alle drei erfüllten die formalen Ausschreibungsvoraussetzungen, teilte das Amt der Stadt Bludenz im Auftrag von Vizebürgermeisterin Andrea Mallitsch mit (Bürgermeister Tschann befindet sich derzeit im Urlaub).

Der Stadtamtsdirektor, selbst ein ehemaliger Polizist, und Personalleiter führten mit allen drei Bewerbern Gespräche. Berchtold-Niedermesser und Bitschnau wurden anschließend zu einem Hearing vor dem Stadtrat eingeladen. Das politische Gremium hatte dabei nach Angaben des Amtes beratende Funktion. Tschann habe den Stadtrat beigezogen, um eine breite Basis für die Entscheidung zu schaffen, wie es heißt. Die Mehrheit empfahl den externen Bewerber Walter Bitschnau. Nach Informationen der NEUE fiel das Votum mit vier (3 ÖVP, 1 FPÖ) zu zwei Stimmen (SPÖ) für Bitschnau aus. Ein ÖVP-Stadtrat kam offenbar verspätet zum Hearing und enthielt sich der Stimme.

Führungserfahrung?

Warum die Stelle überhaupt ausgeschrieben wurde, erklärt das Amt der Stadt Bludenz mit einer veränderten Personalpolitik. In den vergangenen Jahren sei zunehmend davon Abstand genommen worden, frei werdende Führungsfunktionen unmittelbar mit der bisherigen Stellvertretung zu besetzen. Führungspositionen würden daher intern und extern ausgeschrieben. Hinzu kam der Finanzstrukturprozess 2025. Seither müsse jede frei werdende Planstelle vor einer Nachbesetzung vom Stadtrat freigegeben werden.

Die Ausschreibung verlangte unter anderem „mehrjährige Exekutivdienst- und Führungserfahrung“ sowie „Erfahrung in der Erstellung und Bearbeitung von Verordnungen und Bescheiden“. Bei Bitschnau stellt sich die Frage, wie diese beiden Anforderungen im Auswahlverfahren bewertet wurden. Anders als Berchtold-Niedermesser hat er bislang weder eine Polizeidienststelle geleitet noch war er stellvertretender Kommandant. Als Führungserfahrung machte er jedoch unter anderem geltend, als Einsatzleiter bei Großveranstaltungen tätig gewesen zu sein. Bitschnau ist Bundespolizist und war früher bei der Polizeiinspektion Bludenz tätig. Seit knapp zehn Jahren ist er Lehrer an der Polizeischule in Feldkirch-Gisingen. Für den Wechsel zur Stadtpolizei gibt der Bundesbeamte seine Pragmatisierung auf. Zuvor soll sich Bitschnau bereits erfolglos um die Leitung der Polizeiinspektionen Bludenz und Schruns beworben haben. Auch dort gehörte Führungserfahrung selbstverständlich zum Anforderungsprofil.

Die NEUE fragte im Rathaus Bludenz deshalb nach, welche Tätigkeiten Bitschnau konkret als Führungserfahrung angerechnet wurden und welche Erfahrung der Bundespolizist bei der Erstellung und Bearbeitung von Verordnungen und Bescheiden vorweisen kann. Die Antwort blieb allgemein. Das Amt schreibt, alle drei Bewerber hätten die „formalen Ausschreibungsvoraussetzungen“ erfüllt. Die engere Auswahl sei anhand der im Verfahren festgelegten Kriterien erfolgt. Alle geeigneten Bewerber seien nach einheitlichen Kriterien beurteilt worden.
Aus informierten Kreisen heißt es zugleich, Bitschnau habe im Hearing deutlich besser abgeschnitten. Berchtold-Niedermesser sei bei der Anhörung nervöser gewesen. Dabei müsse nach Darstellung ihrer Unterstützer allerdings auch die damalige Situation berücksichtigt werden: Schon vor dem Hearing soll sich herumgesprochen haben, dass sie den Posten nicht bekommen werde. Zudem habe Berchtold-Niedermesser ein Konzept für die Führung der Stadtpolizei ausgearbeitet.

Scharfes Anwaltsschreiben

Ein ÖVP-Stadtrat soll in Berchtold-Niedermesser die Kompetenzen für den Kommandantenposten abgesprochen haben. Die Aussage soll über einen anderen Stadtrat zu ihr gelangt sein. Daraufhin schaltete sie einen Anwalt ein, der sich noch vor dem Hearing mit einem scharfen Brief an Bürgermeister Tschann wandte. Nach Informationen der NEUE soll in dem Schreiben auch ein Vergleich zur Causa Wöginger gezogen worden sein. Aus informierten Kreisen heißt es, dass der Brief bei der späteren Entscheidung gegen Berchtold-Niedermesser eine Rolle gespielt habe. Zuvor soll sie noch als mögliche Besetzung in Betracht gezogen worden sein. Unterstützer der Unterlegenen halten dies für vorgeschoben und glauben, dass man Berchtold-Niedermesser von Anfang an nicht auf dem Chefposten haben wollte. Berchtold-Niedermesser selbst sprach aus dienstrechtlichen Gründen nicht mit der NEUE. Rückhalt erhielt sie auch aus der eigenen Dienststelle. Die Belegschaft der Stadtpolizei stellte sich geschlossen hinter Berchtold-Niedermesser und teilte dies Bürgermeister Tschann in einem Schreiben mit.

Das Amt der Stadt Bludenz weist einen Zusammenhang zwischen ihrer früheren politischen Tätigkeit und der Personalentscheidung zurück. Maßgeblich seien ausschließlich die Anforderungen der ausgeschriebenen Führungsfunktion und das Ergebnis des Auswahlverfahrens gewesen, heißt es auf Anfrage.

Kritik von Leiter

Der frühere Chef der Stadtpolizei Bludenz und SPÖ-Landesvorsitzende Mario Leiter zeigt sich von der Entscheidung enttäuscht. Berchtold-Niedermesser sei aus seiner Sicht für die Funktion mehr als geeignet.
Er verweist darauf, dass Tschann Berchtold-Niedermesser nach seinem Ausscheiden selbst mit der interimistischen Leitung betraut habe. „Wenn jemandem über einen längeren Zeitraum die Verantwortung für eine Dienststelle übertragen wird und die dabei geleistete Arbeit vom Bürgermeister als Dienstgeber Anerkennung findet, dann muss aus meiner Sicht besonders nachvollziehbar erklärt werden können, weshalb diese Person bei der endgültigen Besetzung der Führungsfunktion nicht zum Zug kommt.“ Deshalb halte er die Prüfung durch den Landesvolksanwalt für „wichtig und richtig“.

Wirbel um Bludenzer Stadtpolizei-Chefposten
Dass Bürgermeister Simon Tschann die Stelle nun mit einem Externen besetzt, sorgt für Diskussionen und Unverständnis. Hartinger

Die Diskussion um die Besetzung der Stadtpolizei trifft Tschann in einer Zeit, in der der Bürgermeister juristisch unter Druck steht. Im Februar wurde der ÖVP-Politiker am Landesgericht Feldkirch in einer Bausache wegen Amtsmissbrauchs zu acht Monaten bedingter Haft und einer Geldstrafe von 60.000 Euro verurteilt. Tschann bekämpft den Schuldspruch, der Fall liegt beim Obersten Gerichtshof.

Daneben läuft gegen Tschann ein weiteres Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Feldkirch wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs, wiederum wegen einer Bauangelegenheit.