Evangeliumkommentar: Taten, nicht Worte, zählen!

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Paul Burtscher, Pfarrer von Bildstein und Schwarzach.
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum Ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den Zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der Erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt. Matthäus 21, 28–32
Nehmen wir an: Am Sonntag findet ein Pfarrcafé statt. Die Organisatorin schreibt in die Whatsapp-Gruppe: „Kann heute jemand helfen?“ Die Erste antwortet sofort: „Nein. Keine Zeit.“ Die Zweite schreibt: „Natürlich! Ich bin dabei!“ Dann zu Beginn der Vorbereitungen stellt sich heraus: Die Erste hat ihr Handy weggelegt, nachgedacht und ist doch gekommen. Die Zweite hat nie wieder geantwortet. Zwei blaue Häkchen – aber keine Hilfe.
Vielleicht hätte Jesus heute dieses Beispiel erzählt. Denn im Evangelium geht es gar nicht darum, wer schnell Ja sagt oder die schönsten Worte findet. Es geht um den zweiten Klick – um den Moment, in dem ein Mensch seine erste Reaktion noch einmal überdenkt. Der erste Sohn sagt: „Ich will nicht.“ Ehrlich. Vielleicht trotzig. Vielleicht müde. Vielleicht verletzt. Aber dann arbeitet etwas in ihm. Sein Gewissen. Sein Herz. Und schließlich geht er. Der zweite Sohn sagt alles richtig. Höflich. Respektvoll. Vorbildlich. Aber seine Worte bleiben Worte. Wie oft leben wir genauso? Wir sagen: „Eigentlich müsste ich mich melden.“ Oder: „Ich bete für dich.“ Ausweichend: „Irgendwann engagiere ich mich.“ „Später habe ich mehr Zeit für Gott.“
Aber das Leben wartet nicht. Es zählen die Fakten, nicht der gute Wille. Provokanterweise nennt Jesus ausgerechnet Zöllner und Prostituierte als Vorbilder. Nicht, weil ihr Leben perfekt gewesen wäre. Sondern weil sie den Mut hatten, ehrlich zu sein und ihre Richtung zu ändern. Sie waren Menschen mit einem klaren „Nein“ in ihrer Vergangenheit. Aber irgendwann wurde daraus ein deutliches „Ja“. Die religiösen Führer dagegen hatten das richtige Vokabular. Sie kannten alle Gebete. Aber als Gott ihnen tatsächlich begegnete, änderten sie nichts. Das Evangelium stellt deshalb nicht die moralische Frage „Hast du die Gebote erfüllt?“, sondern die viel wichtigere Frage: „Kannst du heute noch deine Meinung ändern und zum Ruf Gottes JA sagen? Er gibt dir die Chance!“ Das ist die hoffnungsvolle Botschaft dieser Geschichte:
Gott schreibt niemanden ab wegen eines ersten „Nein“. Er wartet auf das zweite Wort. Auf den zweiten Schritt. Auf den zweiten Anfang. Vielleicht gibt es jemanden, dem wir längst vergeben sollten. Oder einen Anruf, den wir seit Wochen verschieben. Vielleicht ein Gebet, das wir wieder aufnehmen könnten. Vielleicht eine Entscheidung, von der wir wissen, dass sie richtig wäre. Der Weinberg Gottes ist nicht irgendwo weit weg. Er beginnt dort, wo wir heute den nächsten richtigen Schritt gehen. Am Ende zählt nicht, was wir Gott versprochen haben, sondern ob wir uns von ihm in Bewegung setzen lassen.
Es kommt immer auf das Tun an, nicht auf die Worte. Diese sind schnell gesagt. Der ernsthafte Entschluss, wirklich ins Handeln zu kommen, kann vielleicht eine Zeitlang dauern, aber letztlich öffnet nur das konkrete Tun die Tür zum wahren Leben.
