Ex-Gesundheitsminister Anschober: “Wir haben die Corona-Zeit bis heute nicht aufgearbeitet”

Autor und Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober lässt im NEUE-Interview die Corona-Krise und seinen Rücktritt Revue passieren und erklärt, wie sich die gemäßigten Parteien ändern müssen, um den extremen die Stirn zu bieten.
Ihr neuestes Buch, mit dem Sie nach St. Arbogast gekommen sind, heißt „Ermutigung“. Was ermutigt Sie in Zeiten grassierender Inflation, immer neuen Kriegsherden und dem Erstarken der politischen Ränder?
Rudolf Anschober: Mehrere Punkte: Das Buch zu schreiben, war für mich persönliche ein Akt der Ermutigung. 65 Prozent der europäischen Bevölkerung sagt derzeit, dass es immer schlimmer wird. Ich habe mich deswegen mit Statistikern zusammengesetzt und angeschaut, wie die Situation in wichtigen Bereichen im Jahr 2000 war und wie sie jetzt ist. Wichtige Indikatoren wie Lebenserwartung, Wohlstandsentwicklung, Arbeitslosigkeit, Gesundheitssituation, Bildungszugang und Sicherheit sind seit damals deutlich besser geworden. Das eigentliche Problem unserer Zeit ist, dass wir im Augenblick Krisen haben, die von uns kaum beeinflussbar sind. Überall dort, wo man handeln kann, geht es uns besser, weil Handeln erzeugt Hoffnung. Es hängt an uns selbst, wie wir die eigene Zukunft gestalten.

Und der zweite Punkt?
Anschober: Ich bin recherchieren gefahren und habe mir angeschaut, wo es die Verbesserungen gibt, die zu dieser Statistik geführt haben. Zum Beispiel war in Kopenhagen, um mir diese Welthauptstadt des Radfahrens anzuschauen. Diese Besuche habe ich als Reportagen niedergeschrieben. Das hat mir gezeigt: Ja, es lässt sich etwas bewegen und verändern. Mit dem Buch will ich zeigen, dass nicht alles schwarz ist in der Zukunft. Auch jetzt ist nicht alles schwarz, aber wir nehmen in den sozialen Medien eine Art Wirklichkeitsverzerrung wahr. Weil dort wird Negative, das Empörende, von den Algorithmen priorisiert.

Von diesem Phänomen profitieren insbesondere die Parteien der politischen Ränder. Das Ergebnis sehen wir bei den jüngsten Landtagswahlen in Ostdeutschland, wo jeweils die AfD oder die Linke stärkste Kraft war. Auch in Österreich ist die FPÖ laut den Umfragen mit weitem Vorsprung auf dem ersten Platz. Warum scheitert die politische Mitte in den aktuellen Krisenzeiten daran, breit tragfähige Ideen anzubringen?
Anschober: Das hat zwei Hauptgründe. Mein Eindruck ist, dass es einerseits einen starken Veränderungswunsch in der Bevölkerung gibt, weil das Vertrauen in die Säulen der Demokratie – Politik, Justiz und Medien – kaputt ist. Wenn man das Gefühl hat, dass die Zukunft immer schlimmer wird, ist diese Reaktion absolut nachvollziehbar. Diese Veränderung kann in die Zukunft gehen. Aber die extreme Rechte suggeriert der Bevölkerung, wir könnten zurück in die Vergangenheit. Dieses Angebot ist völlig irreal, aber die Vorstellung ist angenehm für Menschen. Zudem hat sich unsere Aufmerksamkeitsspanne durch die sozialen Medien reduziert. Das führt dazu, dass einfache Parolen leichter ankommen. Der zweite Grund liegt bei der Politik selbst.

Inwiefern?
Anschober: Sie kann derzeit zwei Dinge nicht: Erstens, sich selbst schnell zu verändern, und das braucht es im Augenblick. Wenn ich bei meinen Veranstaltungen mit jungen Leuten rede, dann höre ich als erstes: „Ich will nicht Parteimitglied werden, weil ich dann mein ganzes Leben dabei bin.“ Wenn es die Möglichkeit gäbe, dass man sich drei Monate in einer offenen Kultur für ein bestimmtes Thema einbringen kann, um einen Beitrag zu leisten in der Demokratie, dann würden viele das tun. Junge Leute sind nicht uninteressiert an Politik, aber sie wollen diese Strukturen nicht mehr. Das Zweite ist: Parteien müssen lernen, dass wir die liberale Demokratie verbessern und erweitern müssen, um sie zu verteidigen. Die Politik muss die Bürger, die sich engagieren wollen, zum Mitmachen einladen, anstatt sie als Bedrohung zu sehen.

Sie haben die Corona-Krise als Gesundheitsminister an vorderster Front miterlebt. Was würden Sie im Umgang mit der Pandemie rückblickend anders machen?
Anschober: Österreich war damals, so wie alle anderen Staaten, nicht vorbereitet. Jetzt könnten wir bei einer neuen Pandemie vorbereiteter sein, weil wir nicht erst während der Pandemie die Strukturen schaffen Ich glaube, wir haben in den ersten drei, vier Monaten sehr gut zusammengehalten. Alle Parteien haben allen Maßnahmen zugestimmt, auch die FPÖ. Es hat niemandem Spaß gemacht, auch mir nicht, aber durch die Maßnahmen war die erste Welle bei uns vergleichsweise klein. Danach ist uns das nicht mehr gelungen. Die Regierung hätte stärker daran arbeiten müssen, dass der Rückfall in die Parteipolitik, der ab Sommer 2020 geschehen ist, nicht passiert.

War es in der Kommunikation naiv, im Sommer 2020 den Menschen Entwarnung zu signalisieren, während im folgenden Herbst noch restriktivere Maßnahmen kamen?
Anschober: Ich habe keine Entwarnung gegeben, im Gegenteil. Es ist etwas eingetreten, was sich in der Wissenschaft das Präventionsparadoxon nennt. Wir unterschätzen eine Gefahr, wenn wir merken, dass im ersten Moment das Risiko nicht eingetreten ist. An einem Beispiel erklärt: Ihr Arzt sagt, Sie haben 70 Kilo zu viel und müssen schauen, dass Sie 30 Kilo abnehmen, weil sonst das Infarktrisiko steigt. Jetzt schaffen Sie es mit größter Disziplin, diese 30 Kilo herunterzubringen. Im Nachhinein denken Sie sich: Es ist nichts passiert. Vielleicht wäre es trotz 30 Kilo mehr gut gegangen. So ähnlich ging es uns bei der Pandemie: Bei der ersten Welle waren wir gemeinsam sehr erfolgreich. Aber weil durch unseren Erfolg die Prognosen nicht eingetreten sind, haben viele geglaubt, das Virus ist eh nicht so gefährlich.

Warum hat man auf dem späteren Weg durch die Pandemie so viele Menschen an Verschwörungstheorien verloren? Und wie kann man sie wieder “zurückholen”?
Anschober: Einerseits waren viele politische Geschäftemacher aus unterschiedlichen Extremrichtungen am Werk, die davon teils bis zum heutigen Tag profitieren. Andererseits ist es ein psychologisches Phänomen: Wenn man so einen Kontrollverlust – und so fühlte sich die Pandemie für viele an – erlebt, sucht sich das menschliche Gehirn einen Ausweg. Die einen haben dann gesagt, das Virus sei erfunden, weil wir in der Politik die Diktatur einführen wollten. Woran dann die 20 Millionen Menschen weltweit gestorben sind, ist eine andere Frage, aber das glauben die ja auch nicht. Aber es gibt auch viele Maßnahmenkritiker, die ich von den Corona-Leugnern unterscheide und sehr ernst nehme. Meine Kritik im Nachhinein ist, dass wir es bis zum heutigen Tag nicht geschafft haben, eine gemeinsame Aufarbeitung dieser Zeit durchzuführen.

Wie kann diese Aufarbeitung aussehen?
Anschober: Es gibt die europäische Gesundheitskontrollbehörde ECDC, deren Chefin mit Pamela Rendi-Wagner eine Österreicherin ist. Es wäre ein schöner Zugang, dass wir die Behörde mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung für ganz Europa beauftragen. Mit diesem Bericht sollte man in die Gemeinden gehen und das Gespräch suchen, auch mit den Maßnahmenkritikern.

Immer wieder wird über eine Rückkehr von Sebastian Kurz gemunkelt, unter dessen Kanzlerschaft Sie Minister waren. Was würden Sie davon halten?
Anschober: Er hat gesagt, er will kein Comeback und ich gehe davon aus, dass es ehrlich meint.

Im April 2021 sind Sie aus gesundheitlichen Gründen vom Ministeramt zurückgetreten. Wie geht es Ihnen heute?
Anschober: Heute geht es mir gut, aber es hat schon eine Zeit gedauert. Damals hatte ich Kreislaufzusammenbrüche gehabt und extreme Zucker- und Blutdruckwerte. Das waren Stressindikatoren, die meinem Körper signalisiert haben, dass ich ausgepowert war. Es war kein Burn-out, wie manche falsch geschrieben haben, sondern ich war einfach völlig ausgepowert. Meine Ärzte in haben gesagt: „Am besten wäre, du fährst jetzt drei, vier Wochen auf Urlaub.“ Das kann man als Pandemie-Manager aber nicht machen, das hätten die Menschen nicht verstanden. Deswegen war die einzige Möglichkeit, einen Schnitt zu machen und aus der Bundesregierung zurückzutreten. Nach einigen Wochen kam tatsächlich langsam meine Kraft wieder zurück.

Haben Sie nach dem Rücktritt jemals mit Ihrer Entscheidung gehadert?
Anschober: In den allermeisten Zeiten bin ich damit sehr im Reinen. Ich lebe als Selbstständiger von meinem Einkommen, brauche keine Parteiabsicherung und das Gefühl, etwas Neues in meinem Leben aufzubauen, hat mir sehr gut getan. Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich nicht sagen würde, dass es schon Momente gibt, wo ich gerne mit dabei wäre. Es geht mir wie den Menschen, die bei einem Match der Fußballnationalmannschaft vor dem Fernseher sitzen und rufen: „Das muss der Teamchef doch sehen, den Pass muss er anders spielen!“

Damit wir das Interview positiv abschließen: Welche Person hat Ihnen zuletzt Hoffnung bereit und warum?
Anschober: Die Bürgermeisterin von Paris zum Beispiel. Sie hat die Stadt in zwei Legislaturperioden total umgebaut, hin zu einer verkehrsberuhigten, begrünten und dadurch gekühlten Stadt. Im Jahr 2003 sind dort viele tausend Menschen an der Hitze verstorben und einige Jahre später wurde darauf reagiert. Bei den Hitzespitzen, als es in Wien 40 Grad im heurigen Sommer waren, hatten die im Schnitt um fünf Grad weniger – ein weltweites Vorbild.

Zur Person
Rudolf Anschober (*1960 in Wels) tourt mit seinem Buch „Ermutigung – Erfolgsgeschichten für eine bessere Welt“ durchs Land und kam für einen gemeinsamen Vortrag mit Psychotherapeut Bertram Strolz diese Woche ins Bildungshaus St. Arbogast. Der gelernte Pädagoge kam über Nationalrat und Landtag in die Oberösterreichische Landesregierung, wo er für die Grünen als Landesrat für Umwelt, Energie, Wasser und Konsumenenschutz tätig war. Von Jänner 2020 bis zu seinem Rücktritt April 2021 managte er Gesundheitsminister in der schwarz-grünen Bundesregierung die Corona-Pandemie. Aktuell ist Anschober selbstständiger Autor, Berater und Vortragender.
(NEUE am Sonntag)