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Keramik statt Klinik: Belastung wurde zu groß, die Kunst soll Abhilfe schaffen

23.09.2026 • 16:14 Uhr
Keramik statt Klinik: Belastung wurde zu groß, die Kunst soll Abhilfe schaffen
In ihrem Studio in Lauterach baut sich Joëlle Berchtold einen Neuanfang auf. stiplovsek

Joëlle Berchtold (34) hatte ihr Leben als Oberärztin eigentlich der neonatologischen Intensivmedizin verschrieben. Nun wagt sie mit ihrem Keramikstudio „Studio Caolína“ in Lauterach einen Neuanfang.

Oberärztin der Neugeborenen- und Kinderintensivstation in einem Krankenhaus in der Schweiz. Mehr als zehn Jahre Studium und Ausbildung – ein Lebenstraum. Für Joëlle Berchtold (34) war es das. Schon als Kind wollte sie Ärztin werden, war schon immer an der Medizin interessiert. „Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mir irgendwann in den Kopf gesetzt: Ich werde Ärztin“, erinnert sich Berchtold zurück. Als sie zu Weihnachten einen Arztkoffer zum Spielen geschenkt bekam, war es endgültig um sie geschehen. Von da an bestand der Traum, den die Vorarlbergerin auch in die Tat umsetzte. 

Während des Studiums fing sie Feuer für ihre Fachrichtung, die Neonatologie. „Für mich sind es die schönsten Momente, wenn Kinder wieder gesund werden und gemeinsam mit ihren Eltern zu den Türen der Intensivstation hinausspazieren.“ Insgesamt 16 Jahre prägten Ausbildung und Arbeit in der Medizin ihr Leben, bevor sich für Berchtold auf eigenen Wunsch alles veränderte.

Schlafstörungen

Vergangene Woche hat die 34-Jährige ihr eigenes Keramikstudio in Lauterach eröffnet. „Kreativ war ich immer schon“, erzählt sie. „In den letzten fünf Jahren ist die Arbeit mit Keramik immer mehr zu meinem Rückzugsort geworden. Sie hat für mich als Ausgleich zur fordernden Arbeit im Krankenhaus funktioniert.“ Irgendwann wurde die Belastung, die ihr die Arbeit auf der Intensivstation abverlangte, einfach zu groß. 

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Ihre Kursteilnehmerinnen und Teilnehmern will sie vor allem dazu ermutigen, sich etwas neues zu trauen. stiplovsek

Gesundheitliche Beschwerden und Schlafstörungen machten es ihr unmöglich, ihren Beruf so zu erledigen, wie es wollte und auch musste. „Ich liebe den Job über alles, das ist auch nach wie vor so. Gleichzeitig merke ich aber, dass ich nicht mehr ich selbst bin. Die Arbeit ist mir so wichtig und liegt mir extrem am Herzen, aber ist es mir das wert, mich dafür selbst kaputt zu machen? Die letzten Jahre haben mir beigebracht, wie kurz das Leben sein kann.“ Durch die Arbeit mit schwer kranken Kindern lernte Berchtold, wie wenig Zeit schlussendlich bleibt, um ihre Träume und Ziele zu verwirklichen. „Ich habe Kinder begleitet, die nur wenige Jahre oder Tage gelebt haben. Ich durfte Kinder begleiten, wenn sie sich entschieden haben, die Welt zu verlassen. Da wird einem selbst nochmal ganz anders bewusst, worum es in diesem Leben eigentlich geht.“ Irgendwann fragte auch sie sich, ob in ihrem eigenen Leben nicht noch mehr stecken könnte. Doch der Beruf bleibt weiterhin ein fixer Bestandteil von Berchtolds Leben. Bis auf Weiteres will sie der Medizin, zumindest als Freelancerin, treu bleiben, also nach wie vor ein paar Schichten im Monat arbeiten, bevor sie endgültig die Routine verliert und ihre Tätigkeit niederlegen muss.

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Floristik und Keramik wird zusammen im Atelier ausgestellt. stiplovsek

Passion für das Handwerk Keramik

Was also ursprünglich als Ausgleich zum klinischen Alltag funktionierte, wurde für Berchtold schrittweise zum neuen beruflichen Schwerpunkt. „Ich habe meinen Hauptberuf zum Hobby gemacht und mein Hobby zum Hauptberuf.“ Wenn Joëlle Berchtold über die Arbeit mit Keramik spricht, wird die tiefe Passion spürbar, die die 34-Jährige für das Handwerk hegt. In der „Säge“ in Lauterach findet diese Leidenschaft nun eine Form. Seit Donnerstag vergangener Woche ist das „Studio Caolína“ offiziell geöffnet. Der Name ist Programm, denn „Kaolin“ bezeichnet Porzellanerde, ein feines, weißes Tonmineral und ist ein Bestandteil von Porzellan. „Caolín“ ist die spanische Version ebendieses Tonminerals. Das A am Ende des Wortes ist lediglich eine Spielerei, ein Ausdruck der Kunstfreiheit. Ihr Atelier fusioniert mit dem von Floristin Fabienne Waibel („Natürlich Fabienne“), die mit Blumen und Gestecken arbeitet. 

Keramik statt Klinik: Belastung wurde zu groß, die Kunst soll Abhilfe schaffen
stiplovsek

Möchte Kursteilnehmende inspirieren

Neben ihren eigenen Werken will Berchtold hier auch Workshops anbieten. Wichtig ist ihr dabei, dass die Teilnehmenden zur Ruhe kommen und einen Raum finden, in dem sie etwas Neues ausprobieren können. Die Kurse sollen gewissermaßen auch als Gegenpol zum digitalen Alltag funktionieren. „Wichtig ist, dass man keinerlei Vorwissen oder Können benötigt, um teilnehmen zu können“, betont sie. „Ich hoffe schon, dass ich mit meiner Geschichte inspiriere.“ Sie möchte dazu ermutigen, sich selbst neue Möglichkeiten zu eröffnen. Zwischen vier und acht Teilnehmende soll ein Kurs umfassen, im Vordergrund stehen freies Arbeiten und eigene Ideen statt fester Vorgaben von Berchtold. 

Bei ihren eigenen Arbeiten mit Keramik greift sie gerne auf bereits verbrauchtes, medizinisches Material zurück. Pinzetten zur Einmalverwendung oder Skalpelle helfen dabei, die Keramik zu formen. Auch die Ruhe und die Fertigkeit, unter höchster Konzentration sehr detailliert zu arbeiten, sind Fähigkeiten, bei denen die 34-Jährige von ihrem früheren Beruf profitiert.

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Der Austellungs- und Verkaufsraum in Lauterach. stiplovsek

Idee entstand während Auszeit

Zum Studio selbst gekommen ist die Medizinerin über Instagram. Als sie in einer Story erfuhr, dass der Atelierplatz frei geworden war, nutzte sie ihre Chance. Schon als sie zur Türe ins Studio gekommen sei, habe sie die besondere Energie dieses Ortes gespürt. Der lichtgeflutete Raum und die Holzdielen verleihen dem „Studio Caolína“ eine ganz besondere Atmosphäre. „Ich dachte zuerst, dass das Atelier eine Nummer zu groß für mich ist“, erzählt sie. Doch während einer Auszeit von ihrem Beruf im Krankenhaus hatte sie Zeit, ihre Gedanken zu sortieren und sich klarer darüber zu werden, was sie will. Sie entschied sich, es zu probieren. „Für die Menschen in meinem Umfeld, die mich gut kennen, war das keine große Überraschung. Die haben alle schon damit gerechnet, dass ich etwas Verrücktes machen werde“, schmunzelt Berchtold. „Und ich würde es jedes Mal wieder so machen.“

Studio Caolína in lauterach

Adresse: Hofsteigstraße 4, 6923 Lauterach

Telefonnummer: T +43 664 1408471 

Mail: hallo@studiocaolina.com

Web: studiocaolina.com

Öffnungszeiten: Donnerstag von 9 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung

Von Hannah Swozilek (NEUE)