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Warum im Bregenzerwald perfektes Handwerk nicht mehr genug ist

06.10.2026 • 16:16 Uhr
Eine internationale Jury mit Expertenblick aufs Handwerk und dessen Zukunft.
Eine internationale Jury mit Expertenblick aufs Handwerk und dessen Zukunft. Michael Felder-Fontain, Werkraum

91 Arbeiten standen zur Wahl. Doch die Jury bewertet Qualität heute nach Kriterien, die weit über perfekte Verarbeitung hinausgehen.

Geschäftsführer Cornel Hess ist auch ein Wälder, ein Schwarzwälder und kein Bregenzerwälder, und bei ihm spürt man die Liebe zum Handwerk und dem Bregenzerwald. Mit viel Stolz und Überzeugung präsentiert er die diesjährigen preisgekrönten Objekte. Aber nicht nur diese, sondern alle Objekte würden aufzeigen, dass an diesem Ort Wissen weitergegeben werde und gleichzeitig Neues in Kooperation mit Designern entstehe. Das sorge dann immer wieder für Überraschung, warum welche Objekte ausgezeichnet wurden. Die spannendste Frage sei aber nicht, was bereits entstanden sei – das sei ein guter und notwendiger Boden – sondern: „Was machen wir jetzt daraus?“ Genau deshalb sei die neue Kategorie „U21“, also der unter 21-jährigen Handwerker, wichtig. Was zu beweisen war.

So ist diese Ausstellung und dieser Wettbewerb im Bregenzerwald nicht nur ein Zeichen von Kooperationen zwischen Handwerksbetrieben im Tal, sondern auch ein Lernraum für eine übergreifende Zusammenarbeit mit Designern aus dem In- und Ausland. Die international besetzte Jury wiederum ermöglicht ein Reflektieren des Arbeitens mit wertvollen Impulsen von außen. Werkraum-Obmann Alois Berchtold erklärt, dass der Bregenzerwald seit jeher für gelebte Handwerkstradition steht, für hohe Qualität und Raffinesse, aber es gehe auch darum, die Zukunft des Bregenzerwälder Handwerks gemeinsam zu gestalten. Wissensvermittlung, Kooperation und Austausch seien zentrale Säulen, genauso wie die Verbindung von traditionellen Werten mit Innovation, Kreativität mit einem gemeinsamen Willen, Neues zu schaffen.

Mit „Verbinden und Trennen“ schufen Entwerfer Daniel Burtscher und „Gerola Metalltechnik“ ein nutzvolles Sitzmöbel im öffentlichen Raum für oft ungeliebte und unschöne Straßenpoller.
Mit „Verbinden und Trennen“ schufen Entwerfer Daniel Burtscher und „Gerola Metalltechnik“ ein nutzvolles Sitzmöbel im öffentlichen Raum für oft ungeliebte und unschöne Straßenpoller. Bereuter

Die Preise

Am Freitag wurden bei vollem Haus die Preisträger präsentiert, die von einer Jury ausgezeichnet wurden. Alle 91 eingereichten Objekte, die in den verschiedenen alten und neuen Handwerksräumen besichtigt werden können, werden in schönem Rahmen vorgestellt. Auf welche Objekte die Publikumsgunst am meisten anspreche, lasse sich nicht so einfach sagen, erklärt der Geschäftsführer. Sehr gut angekommen sei tatsächlich die Ausstellung der Objekte der „Unter 21-Jährigen“, gibt sich Hess stolz. Dass so ein Wettbewerb auch Mut zur Teilnahme erfordere, verstehe sich vor dem Hintergrund von Design und Nachhaltigkeit selbst, erklärt Hess. Dass ein „Busch-Stock“ als Sitzmöbel beim High-End-Tischler, der sich auch durch modernste Technik bei der Präzision helfen lässt, zu Kritik motiviert, scheint verständlich, ist aber wichtig. Denn Qualität ist mehr als nur handwerkliche Objekte, die nicht berührt werden dürfen. Sie sollen im Alltag praktikabel sein und ein Kratzer an der Oberfläche soll das Stück nicht wertlos machen. Oft ist die handwerkliche Qualität nicht auf den ersten Blick sichtbar und wird erst beim genaueren Hinsehen erkennbar. Ein Geselle habe es bei der Eröffnung auf den Punkt gebracht, erklärt Hess: „Um so sensibel arbeiten zu können, muss man handwerklich sehr gut sein.“ Vergleichbar vielleicht mit Künstlern wie Picasso oder Mondrian, schlägt Hess einen Bogen zur Kunst.

Die Leuchte aus der Tischlerei Wolfgang Lässer ist aus Holz, Fichtenharz und Brennesselfasern hergestellt und lässt sich vollständig kompostieren. Entworfen von Pius Kaufmann, Martin Lingg, Elias Bruno Meusburger.
Die Leuchte aus der Tischlerei Wolfgang Lässer ist aus Holz, Fichtenharz und Brennnesselfasern hergestellt und lässt sich vollständig kompostieren. Entworfen von Pius Kaufmann, Martin Lingg, Elias Bruno Meusburger. Michael Felder-Fontain, Werkraum

Die Jury

Die international besetzte Jury ist gut gewählt, nicht nur Architektinnen, Architekten und Designerinnen und Designer, sondern auch eine junge Frau, die im deutschen Rottweil zeigt, wie es andernorts gehen kann. Adelina Dodolli ist Geschäftsführerin und Inhaberin einer ausgezeichneten Manufaktur, die vormacht, dass gerade für „Bauen im Bestand“ die Kooperation von Architektur, Handwerk und Design entscheidend ist. „Denkmalpflege“ im weitesten Sinn ist damit auch ressourcen- und klimaschonend und fördert individuelle Lösungen zutage, die ein einzigartiges Ambiente mit sich bringen. Das Statement der Jury zielte konsequenterweise auf die Zukunftsfähigkeit ab: „Im Zentrum stehen Werte, Kontext und Entscheidungen – zwischen Präzision, Unvollkommenheit, Technik und Einfachheit“. Das habe mit Haltungen zu tun, die Handwerk und Experiment verbinden. Zukunftsfähigkeit entstehe aus der Neubewertung von Materialien, Ressourcen, Wissen und Kultur. Hohe handwerkliche Qualität steht dann mitunter gleichwertig an der Seite von Bestandserhaltung, Ressourcenschonung, Funktionalität und eben Unvollkommenheit für ein einzigartiges Unikum, sei es nun ein Haus oder ein Möbel.  

Sehenswert und zukunftsoffen

Auf alle Fälle wieder ein lohnender Besuch für Menschen, die sich für hochqualitatives Handwerk, verbunden mit mutigem Design, interessieren, aber auch für die Zukunft von Handwerk, Region sowie Bauen und Wohnen. Die „Bühne“, die den jungen Handwerkern geboten wird, wertet die Ausstellung enorm auf, zeigt sie doch, dass Handwerk nicht stehenbleibt und stehen bleiben darf und sich auch den gesellschaftlichen Themen wie Klima-, Ressourcenschutz und veränderten Wohnvorstellungen annehmen muss. Eine Kategorie, die unbedingt fortgesetzt gehört. Es gehört nicht nur im Handwerk selbst die Zukunft dem Nachwuchs, sondern auch der Markt wird sich durch die Werte, Haltungen und Einstellungen der jungen Generation verändern. Dem muss Rechnung getragen werden. Klug war deshalb die Entscheidung, für die ganz jungen Handwerker eine eigene Jury aufzustellen, der auch ein junger Banker und DJ angehörte, Andreas Fetz aus Au. Neben ihm begutachteten Markus Manser, Vizeeuropameister im Bodenlegen aus Bezau, und Tobias Voppichler, Ofenbauer und Industrial Designer aus Egg, die eingereichten Arbeiten.