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Evangeliumkommentar: Wem gehörst du?

18.10.2026 • 09:00 Uhr
Evangeliumkommentar: Wem gehörst du?
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In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Andrea Geiger, Projektassistentin im Pastoralamt der Katholischen Kirche Vorarlberg.

In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denár hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Matthäus 22,15-21

Oje, das kann nur schiefgehen. Manche Fragen sind tatsächlich eher so eine Art Mausefallen. Steuern. Ein Thema, bei dem sich die Begeisterung auch nach 2000 Jahren in Grenzen hält. „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ Sagt Jesus Ja, macht er sich beim Volk unbeliebt. Sagt er Nein, bekommt er Ärger mit Rom. Doch Jesus lässt sich einfach eine Münze zeigen und fragt: „Wessen Bild ist darauf?“ – „Das des Kaisers.“ Seine Reaktion auf diese Antwort: „Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Klingt erstaunlich pragmatisch. Zahl deine Steuern und vergiss Gott nicht.

Mich interessiert an dieser Geschichte weniger die Steuerfrage. Die klärt das Finanzamt ohnehin recht zuverlässig. Viel spannender finde ich: Was gehört dann wohl Gott? Auf der Münze ist das Bild des Kaisers. Damit ist diese Sache klar.

Die Bibel erzählt uns – ganz am Anfang, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist – voller Sehnsucht, ins Leben geliebt. Wenn das stimmt, tragen wir alle Gottes Prägung. Nicht als Tattoo auf der Stirn, sondern in unserer Würde und Einzigartigkeit. Jeder Mensch – jede und jeder – ist ein Abbild Gottes. Genau da wird es unbequem. Denn wenn jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, kann ich mir nicht aussuchen, wem ich würde zugestehe und wie viel. Vor wem ich Respekt habe und mit wem ich respektvoll umgehe. ALLE. Auch der Kollege, der mich regelmäßig auf die Palme bringt. Die Nachbarin, die alles besser weiß. Oder jener Zeitgenosse, bei dem ich mich frage, ob Gott bei seiner Erschaffung möglicherweise kurz abgelenkt war. Und auch, wenn ich jemanden für einen kompletten Idioten halte.

Dafür mag ich diesen Jesus. Er lässt sich nicht vor irgendeinen Karren spannen. Er verweigert einfache Antworten auf falsche Alternativen. Und er stellt Fragen, die uns bis heute herausfordern.

Hier beginnt etwas, das man Christsein nennen kann: wenn ich aufhöre, Gott für meine Meinung zu beanspruchen, und anfange, im anderen Menschen viel mehr zu sehen als seine Fehler. Auch wenn mir das bei manchen wirklich schwerfällt. Und ja, natürlich: Ich darf widersprechen, Grenzen ziehen, laut Nein sagen. Nächstenliebe ist kein spirituelles Weichspülprogramm. Aber sie verbietet mir, den anderen kleinzumachen, bis von Gottes Bild nur noch eine Karikatur übrigbleibt.

Vielleicht beginnt „Gott geben, was Gott gehört“ ganz konkret so: Ich nehme einen Leuchtstift und bring alles Gute in meinen Mitmenschen zum Leuchten, indem ich nur gut über andere rede. Und ich erinnere mich: Der Mensch vor mir trägt Gottes Bild. So wie ich. An guten Tagen. Und an den anderen erst recht.

Andrea Geiger
Andrea Geiger ist Projektassistentin im Pastoralamt der Katholischen Kirche Vorarlberg.