Kurz-Comeback? “Ich möchte keinen Bundeskanzler, der den Iran-Krieg befürwortet”

Theologe und Friedensforscher Wolfgang Palaver im NEUE-Interview über Peter Thiel, Sebastian Kurz, Werbung für das Christentum, Völkerrecht, Kriege und Zukunftshoffnung.
Sie sind als „Peter-Thiel-Kenner“ fast bekannter als in Ihren Fachgebieten Theologie und Friedensforschung. Wie gehen Sie mit diesem Label um?
Wolfgang Palaver: Mit gemischten Gefühlen. Ich will nicht als „Thielologe“ in die Weltgeschichte eingehen. Auf der anderen Seite gibt es mir eine Gelegenheit, Themen, die mir wichtig sind, an verschiedensten Orten anzusprechen und Werbung für das Christentum in einem positiven Sinn zu machen.
Sie kennen Peter Thiel privat, vergangenes Jahr war er sogar für ein Abendessen bei Ihnen zu Gast. Wie viel hat die Privatperson Thiel mit dem eiskalten, neoliberalen Tech-Milliardär, den man in der Öffentlichkeit kennt, gemeinsam?
Palaver: Privat ist er sehr umgänglich. Ich kenne Thiel als intellektuell interessierten Menschen, der sich für einige Themen begeistert, die auch mir wichtig sind. Aber seine zweite Seite kenne ich auch nur aus den Medien.

Der ehemalige Bundeskanzler Sebastian Kurz arbeitete für die Investmentfirma von Thiel. Wie ordnen Sie das Engagement ein?
Palaver: Ich kenne Kurz selber nicht. Thiel hat ihm nach seinem Rücktritt eine gute Chance geboten und geholfen, seine Kontakte zu stärken. Also für Kurz hat sich das rentiert. Ich bin aber kein Kurz-Fan und hoffe, dass er nie zurückkehrt, obwohl er momentan medial so präsent ist.
Warum?
Palaver: Ich möchte keinen Bundeskanzler oder Spitzenpolitiker, der ohne Wenn und Aber den Iran-Krieg befürwortet. Denn ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn, der uns auch wirtschaftlich negativ treffen wird und die Welt in eine gefährliche Schieflage bringt.
Die MAGA-Bewegung, zu der auch Peter Thiel gehört, vertritt fundamental christliche Ansichten und sieht Donald Trump als von Gott gesandten Führer. Wie viel hat das mit zentralen Botschaften des Christentums zu tun?
Palaver: Trump als Auserwählten Gottes zu sehen, finde ich geschmacklos und wirklich schlimm. Die MAGA-Bewegung ist eine große Koalition verschiedenster Leute, eine Gegenreaktion auf Strömungen in den USA, die Religion weghaben oder in den Privatbereich abschieben wollten. Ihnen sind Themen wichtig wie Abtreibungsverbot, traditionelle Familienwerte und dass die USA sich wieder stärker als christliche Nation versteht. Da ist eine Spannung, weil man eine universelle Religion in ein enges nationales Korsett hineinzwingt, was eigentlich nicht passt. Aber verständlich ist, dass eine Gesellschaft in Zeiten der Verunsicherung nach einer klaren, abgegrenzten Identität sucht. Das ist ein allgemeines Phänomen: Wir haben auf der ganzen Welt eine stärkere Tendenz zum Nationalismus.

Bei uns in Vorarlberg und in Ihrem Heimatbundesland Tirol ist das Christentum ebenfalls stark mit der Identität der Menschen verknüpft. Wie lange dauert es noch, bis wir auf unser Staatsoberhaupt wie auf einen „gottgesegneten Führer“ blicken?
Palaver: Solche Tendenzen hat es schon gegeben, in der Wiener Messehalle gab es einmal eine große Segnung von Sebastian Kurz. Man darf aber auch die Unterschiede zwischen Europa und den USA nicht übersehen. In den USA sind Menschenrechte und Demokratie im Christentum verwurzelt, während diese Werte in Europa gegen das kirchlich-bürgerliche Establishment erkämpft werden mussten. Obwohl die USA eine strenge Trennung zwischen Kirche und Staat haben, ist Religion immer präsent. Und es gab meines Wissens nach noch nie einen US-Präsidenten, der sich als Agnostiker oder Atheist bezeichnet hätte, was in Europa kein Problem ist. Von daher glaube ich nicht, dass das Amerikanische herüberschwappt, weil die Unterschiede zu groß sind. Aber: Im Christentum nationale Identität zu festigen, das gibt es am rechten Rand der ÖVP, bei der FPÖ und bei der AfD in Deutschland. Das hängt damit zusammen, dass man Nationalismus wieder stärker traditionell sieht. Weil wir zunehmend in einer pluralen Gesellschaft mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen leben, was Verunsicherung herbeiführt, sagen die Leute: Wir gehen zwar nicht in eine Kirche, aber uns ist wichtig, dass wir Christen sind und dass überall ein Kreuz hängt – obwohl wir nicht wissen, was das bedeutet. Aber das Symbol muss sein.
Wie stehen Sie zu dieser Debatte? Braucht es ein Kreuz an der Wand jedes Klassenzimmers?
Palaver: Ich würde das jeder Klasse selbst überlassen. Am Anfang des Schuljahres soll der Klassenvorstand mit der Klasse entscheiden, wie sie das handhaben – vielleicht will man mehrere Symbole haben, vielleicht gar keine. Aus Kirchensicht denke ich mir manchmal, man müsste Kreuze abhängen, weil manche Leute das Kreuz in ein instrumentalisiertes politisches Fahrwasser bringen. Man muss das Kreuz vor politischem und kulturellem Missbrauch schützen. Wichtig ist aber immer die Religionsfreiheit. Ich tue mir auch schwer, wenn Leute, die gar nicht aus dieser Tradition kommen, beim Kopftuch sagen, das darf nicht sein. Das ist eine gefährliche Instrumentalisierung, die beispielsweise die Ministerin Bauer vertritt.

Sogenannte „Christfluencer“ werben in sozialen Medien für das Christentum, vertreten aber oft erzkonservative Positionen, die die MAGA-Bewegung teilt. Ist das für junge, progressive Menschen nicht eher Anti-Werbung gegen die Religion?
Palaver: Das befürchte ich auch. Das dick aufgetragene Christentum wird ins Gegenteil umschlagen. Wenn man Gott für Kriegsführung ins Spiel bringt, wird das die Leute langfristig davon abhalten. Auf der anderen Seite finde ich es schon gut, dass man öffentlich über das Christentum redet. Es gibt jetzt in Texas einen interessanten jungen Senatskandidaten der Demokraten, der einer protestantischen Kirche angehört und in einer sympathischen Weise wichtige christliche Werte entgegen der Art, wie Trump den Glauben auslegt, vertritt. Er hat sich gegen eine Kandidatin der Republikaner, die von prominenten Leuten unterstützt wurde, durchgesetzt.
Sie sind auch in der Friedensforschung wissenschaftlich tätig. Bei einem Auftritt im Bregenzerwald haben sie 2024 vor einem „faulen Frieden“ gewarnt und stattdessen einen „gerechten Frieden“ eingefordert. Wie kann man in der Ukraine einen solchen „gerechten Frieden“ erreichen, den aber auch Kriegstreiber Putin akzeptiert?
Palaver: Sie formulieren die Frage so, dass man keine Antwort darauf geben kann (lacht). Wenn Sie fragen, wie man einen gerechten Frieden machen kann und das auch realistisch Putin verklickert, dann weiß ich es nicht. Der Grundgedanke der Vereinten Nationen ist ja, dass Krieg verboten ist. Wenn die ganze Welt zusammenstehen würde, könnte man Putin vielleicht in die Schranken weisen, indem es wirklich globale Sanktionen gibt. In Wahrheit ist das schon lange gespalten und die wichtigste westliche Nation interessiert sich gar nicht dafür. Wir wissen, dass ein gerechter Friede einer sein muss, dem die Ukraine zustimmt. Vielleicht ist sie sogar bereit, das hört man ja, gewisse Teile des Landes abzugeben. Sicher nicht mehr, als die Russen jetzt schon besetzt haben. Zu sagen, jetzt gibt es einen Waffenstillstand und als Belohnung kriegen sie noch ein Land dazu, ich glaube, das wäre für die Ukrainer in der momentanen Situation nicht annehmbar.
Vielleicht hätte man die Frage auch so formulieren müssen: Kann es überhaupt einen gerechten Frieden mit Putin geben?
Palaver: Das weiß ich auch nicht. Die Frage ist immer, wie die Situation in Russland aussieht. Man hört, dass sie Schwierigkeiten haben, genug Soldaten zu finden. Die Hinopferung von Menschen, die Putin da betreibt, ist absoluter Wahnsinn. Es hängt ein bisschen davon ab, wie sehr die russische Situation ihn kompromissbereit macht. Der Schlüssel liegt bei Putin. Die andere Frage ist, wie lange die Ukraine durchhält.

US-Präsident Donald Trump hat mit der Präsidenten-Festnahme in Venezuela und dem Krieg im Iran das Völkerrecht zwei Mal gebrochen. Sanktionen gab es praktisch keine. Wie sehen Sie diese Aufweichung des Völkerrechts?
Palaver: Das ist die größte Katastrophe, die passiert. Putin und jetzt Trump – diesen ganz Mächtigen scheint das Völkerrecht völlig egal zu sein. Putin hat den Angriffskrieg in der Ukraine nie Krieg genannt, sondern als Sonderoperation bezeichnet. Und Trump hat bei Venezuela von einem polizeilichen Strafvollzug gesprochen, obwohl extrem viel militärisches Equipment – Flugzeuge, Schiffe und so weiter – im Dienst war. Ich sage da immer, man muss das klar ansprechen: Was Krieg ist, muss auch als Krieg benannt werden. Eine der wenigen Stimmen, die hier sehr klar ist, ist Papst Leo. Die Europäer waren mit Ausnahme von Spanien schwach, beim Iran-Krieg haben alle herumgedruckst, wollten Trump nicht brüskieren und hatten nicht den Mut, den Völkerrechtsbruch als solchen zu benennen. Ich bin begeistert von der Stimme, die man aus dem Vatikan hört. Der Papst hat vor Kurzem gesagt, wer Krieg führt, soll zur Beichte gehen. Also: Wenn man schon glaubt, das man zu dieser kriegerischen Gewalt greifen muss, ist dass ein höchst problematisches und letztendlich schuldhaftes Verhalten.
“Was Krieg ist, muss auch als Krieg benannt werden. Eine der wenigen Stimmen, die hier sehr klar ist, ist Papst Leo.”
Wolfgang Palaver
Im Iran-Krieg scheint es zwei Seiten zu geben: Einerseits den Völkerrechtsbruch von Trump und Netanyahu, andererseits die iranische Bevölkerung, die nach 47 Jahren der Unterdrückung eine Chance auf Befreiung hat und Trump dafür dankbar ist. Wie nehmen Sie diese Differenz wahr und wie groß ist die Chance, dass die Menschen im Iran tatsächlich vom Regime befreit werden?
Palaver: Wir wissen nicht genau, wie groß die Dankbarkeit der iranischen Bevölkerung ist. Ein Großteil der Exil-Iraner ist dankbar, aber die leben nicht dort und müssen das auch nicht erleiden. Ich glaube nicht, dass man ein solches Regime von außen stürzen kann. Ein großartiges Beispiel ist der Sturz von Ferdinand Marcos auf den Philippinen, der auf gewaltfreie Weise von innen heraus passiert ist. Ich war 2015 im Iran und das war genau zu jener Zeit, als der Atomvertrag mit Obama abgeschlossen worden ist. Vor Ort war eine hoffnungsvolle Stimmung. Aber damals hätte man schnell die Sanktionen aufheben und dem Iran die Möglichkeit geben sollen, wieder in die Weltgesellschaft integriert zu werden. Das hätte den liberalen Kräften Aufwind gegeben und dann wären wir in einer anderen Situation. Später hat Trump dem Atomvertrag einseitig gekündigt. Das hat bewirkt, dass die Gegner vorwärtsgebracht wurden, die gesagt haben: Wir sind naive Idioten, denn ihr lasst euch auf einen Vertrag mit den USA ein, die damit sowieso machen, was sie wollen. Damit sind die Hardliner wieder gestärkt worden. Jetzt reagiert Trump mit Bomben auf etwas, das er selber mitgeschaffen hat.
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Wie stehen Sie zur Idee einer gemeinsamen EU-Armee?
Palaver: Das wäre mir lieber als die Nato. Aber wir sollten auch gewaltfreie Mittel stärken, Es gibt das Konzept der sozialen Verteidigung und die sollte der Pfeiler der europäischen Verteidigung sein. Soziale Verteidigung heißt nicht, man verteidigt vor allem Grenzen und Territorien, sondern Lebensweisen. Das anzutrainieren, wäre die Aufgabe. Ein Land kann nur besetzt werden, wenn die Leute mitspielen.
Ich möchte das Gespräch mit einer positiven Frage schließen: Was macht Ihnen zwischen Krieg, Konflikten und negativen Entwicklungen trotzdem Hoffung für die Zukunft?
Palaver: Wir brauchen eine Hoffnung des Dennoch. Auf der einen Seite müssen wir ganz nüchtern auf die Lage der Welt schauen. Es wäre schlecht, mit rosa-roter Brille durch die Welt zu gehen und zu sagen, es wird eh alles passen – weil das führt uns dem Abgrund näher. Andererseits: Verlieren wir die Hoffnung, führt uns das auch dem Abgrund näher. Die Hoffnung des Dennoch ist, jene kleinen Schritte zu machen, die richtig sind, die man heute tun muss, auch wenn man nicht weiß, ob das in zehn Jahren zur Lösung aller Probleme führen wird oder nicht. Und was gibt mir Kraft? Alle Menschen, auf die man trifft, die solche kleinen Schritte machen.

Zur Person
Wolfgang Palaver (*1958) ist ein römisch-katholischer Theologe, Friedensforscher und Sozialethiker. Er lehrte bis September 2023 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. 2025 wurde er zum „Persönlichen Vertreter der OSZE Vorsitzenden zur Bekämpfung von Intoleranz, Rassismus und Diskriminierung, auch gegenüber Christen und Mitgliedern anderer Religionen“ ernannt. Zudem ist er Präsident von Pax Christi Österreich. Diese Woche trat er für einen Vortrag im Bildungshaus St. Arbogast auf.
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)