Kultur

Alle Erinnerungsorte auf einer Karte

11.11.2021 • 19:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
V.l.: Gerald Lamprecht, Victoria Kumar und Patrick Siegele bei der Präsentation. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
V.l.: Gerald Lamprecht, Victoria Kumar und Patrick Siegele bei der Präsentation. Klaus Hartinger

Mit dem Projekt Derla wurde eine digitale Landkarte aller Gedenkorte erstellt.

Das Ende der Zeitzeugenschaft des nationalsozialistischen Terrors stellt eine Herausforderung für die Vermittlungs- und Dokumentationsarbeit jener Institutionen dar, die die Erinnerungen an diese Zeit aufarbeiten und an künftige Generationen weitergeben. Im Jüdischen Museum Hohenems, das diesbezüglich ein bedeutender Vermittlungsort in Vorarlberg ist, wurde ein neues zukunftsgerichtetes Projekt präsentiert, das auch der Digitalisierung Rechnung trägt: Die Digitale Erinnerungslandschaft (Derla) ist eine Website, die gemeinsam von erinnern.at mit Sitz in Bregenz, dem Centrum für Jüdische Studien und dem Zentrum für Informationsmodellierung der Karl-Franzens-Universität Graz entwickelt wurde. Als Pilot-Bundesländer dienten die Steiermark und Vorarlberg, an der Aufnahme weiterer Bundesländer wird gearbeitet. Das Land Vorarlberg hat das Projekt unterstützt.

Erinnerungswege

Mit der Website kann die Öffentlichkeit unter anderem auf eine digitale Landkarte zugreifen, in welcher alle Erinnerungsorte in Vorarlberg vermerkt sind. Auch Vermittlungsmaterial für Schulen wurde erarbeitet. Mit der Gestaltung von Derla soll diese Schnittstelle von Dokumentation und Vermittlung, von Forschung und Erinnerungspraxis leicht zugänglich sein, wie Patrick Siegele, Geschäftsführer von erinnern.at erklärte. Auf der Vorarlberg-Landkarte sind derzeit 130 „Erinnerungszeichen“ vermerkt, die mit 250 Kurzbiografien, etwa von Opfern des Nationalsozialismus, verknüpft sind. Nicht nur für Pädagogen und Jugendliche, sondern für alle Interessierten sind auch die „Wege der Erinnerung“ spannend: Dort werden Routen dargestellt, die Erinnerungsorte von Städten oder Gemeinden miteinander verknüpfen.

Blick auf die Landkarte.<span class="copyright"> Screenshot</span>
Blick auf die Landkarte. Screenshot

Verschiedene Rubriken gliedern die Erinnerungszeichen, wie die Gruppe von Opfern, derer gedenkt wird, wie Projektleiter Gerald Lamprecht von der Universität Graz demonstrierte. Generell unterrepräsentiert zeigen sich nach wie vor Gedenkzeichen für Roma und Sinti oder für Menschen, die wegen ihrer Homosexualität sterben mussten. Manche Erinnerungszeichen gedenken kollektiv allen Opfern der Nazi-Herrschaft – laut Lamprecht eine gängige Methode der Nachkriegszeit. Auch die Art des Zeichens, etwa ein Stolperstein, ein Straßenname oder eine künstlerische Intervention, ist vermerkt. Wem, wie, von wem und warum gedenkt wird, soll laut Lamprecht so dokumentiert werden.

Gipfelkreuz

Projektmitarbeiterin Victoria Kumar hat zwei Jahre lang die Vorarlberger Erinnerungsorte dokumentiert und dabei von Gemeinden, Institutionen wie Museen, der Zivilgesellschaft und Wissenschaftern Unterstützung erhalten. Dennoch sei das Erfassen der Erinnerungsorte nicht immer einfach gewesen, wie sie erzählte. So hätten Passanten in Bregenz beim Finden von Straßen oft selbst nicht gewusst, wo sich diese befinden. Die Dokumentation des Carl-Lampert-Gipfelkreuz am Kreuzjoch im Montafon verknüpfte Kumar mit einer Wanderung auf über 2300 Meter Seehöhe.

Zwangsarbeiter

Nicht immer handelt es sich bei den vermerkten Objekten um „manifeste“ Erinnerungsorte, also solche, die etwa mit einer Gedenktafel ausgewiesen sind. Eines davon ist das Gasthaus „Zur hohen Kugel“ Götzis. Der damalige Betreiber, der Kommunist Tobias Feurstein, verhalf zahlreichen von den Nationalsozialisten verfolgten Menschen zur Flucht. Noch stärker ins Bewusstsein rücken könnte man laut Kumar das Schicksal der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Montafon. Im Vergleich zu der großen Anzahl an Zwangsarbeitern (rund 20.000 von 1938 bis 1945) könnte es hier noch mehr Erinnerungsorte geben. Laut Lamprecht können mit Derla auch Leerstellen der Erinnerungskultur aufgezeigt werden.

Derla

Ein Projekt von erinnern.at (das Holocaust Education Institut des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung), dem Centrum für Jüdische Studien und dem Zentrum für Informationsmodellierung (beide Karl-Franzens-Universität Graz). Zu finden sind die digitale Landkarte und weitere Materialien unter www.erinnerungslandschaft.at.

Während interessierte Erwachsene selbstständig den Zugang zu Derla finden, müssten die meisten Jugendlichen über die Schule an das Tool herangeführt werden, so Lamprecht weiter. Demnächst sollen Seminare etwa an der Pädagogischen Hochschule in Feldkirch zukünftige Lehrende in das Projekt einführen.

Wie Winfried Nußbaummüller, Leiter der Kulturabteilung des Landes, und Landesstatt­halterin Barbara Schöbi-Fink anmerkten, sei es von großer Bedeutung, die Geschichte in der Region für die Bewohner sichtbar und zugänglich zu machen. Nußbaummüller betonte die Rolle der Kunst in dieser Sache. Zu finden in der Landkarte ist zum Beispiel das von Hubert Lampert gestaltete Kreuz an der Kirche in Fontanella, das an die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen erinnert.

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