Kultur

Ein Bregenzer Wellenreiter im Hurrikan der Geschichte

04.04.2025 • 07:00 Uhr
Franz Plunder
Der Bregenzer Bildhauer und Bootsbauer Franz Plunder führte ein Leben voller Legenden. Furxer

Das Vorarlberg Museum widmet sich einem Mann, der nicht nur mit den Elementen, sondern auch mit der Wahrheit rang.

Ohne Rettungswesen, Reling und Beiboot überquerten drei waghalsige Männer 1923 den Atlantik von Hamburg nach New York. Ihr selbstgebautes Segelboot trug den schillernden Namen „Sowitasgoht V“, (übersetzt: „So weit es geht V“) und hätte sie auf der 5800 Seemeilen langen Strecke mehrfach fast in den Tod geführt. Jetzt widmet sich knapp 100 Jahre später eine neue Sonderausstellung des Vorarlberg Museums dem Leben des durchführenden Initiators der Reise. Sie trägt den Namen „Der atlantische Traum. Franz Plunder – Bootsbauer, Bildhauer, Abenteurer“. Den Besuchenden offenbart sie sich als multimediale Einführung in einen Mythos, den sie gekonnt ins rechte Licht rückt.

Ein Bregenzer Wellenreiter im Hurrikan der Geschichte
Stadtarchiv Bregenz

Grenzschutz am Bodensee

1891 als Sohn eines Seemanns in Bregenz geboren, ließ sich Plunder erst zum Musterzeichner für das Textilgewerbe ausbilden, bevor er mit 19 Jahren in die Bildhauerklasse der Akademie der Bildenden Künste in Wien aufgenommen wurde. Mit dem Bregenzer Künstler Rudolf Wacker, dem die Aufnahme verwehrt wurde, teilte er in den Hauptstadtjahren ein Zimmer. Dabei konnte noch niemand ahnen, wie fundamental verschieden sie die Jahre des Ersten Weltkriegs erleben werden. Denn während Wacker bereits 1915 als Kriegsgefangener in Sibirien ausharren musste, konnte der spätere Bootsbauer sein Studium vertiefen, bis er kurz vor Kriegsende zum Grenzschutz auf dem Bodensee einberufen wurde.

Bereits 1913 mit der Wienerin Hedwig Stern verheiratet, besuchte Plunder in diesem Jahr erstmals die Vereinigten Staaten. Doch bevor ihn die Sehnsucht erneut Richtung westen führte, wurde der Künstler Unternehmer und errichtete nach dem Weltkrieg eine Werft in Hard. Primär für wohlhabende Schweizer tätig, wurde die Firma nach wenigen Jahren an den Auto-Pionier Ferdinand Porsche verkauft.

Ein Bregenzer Wellenreiter im Hurrikan der Geschichte
Die Schiffstaufe in Hard. Stadtarchiv Bregenz

Glück rettete ihnen das Leben

Ein Ende, dem das Abenteuer seines Lebens folgte. Dabei sprang der Funken der Faszination schon vor Reisebeginn auf die Massen über. Denn bevor er mit seinen Freunden Josef Einsle, Fred Jochum und Josef Ledergerber in See stach, wohnten rund 10.000 Schaulustige der Seetaufe in Hard bei. Laut Kurator Markus Barnay, dessen Großmutter mit Plunder befreundet war, wurde er schon damals vor den Gewahren gewarnt.

Ein Bregenzer Wellenreiter im Hurrikan der Geschichte
vorarlberg museum

Ohne Funk und Radio, aber mit viel Glück, überlebten sie zwei Hurrikane. Dank der Begegnung mit einem Frachter, die leere Speisekammer. Von der offensichtlichen Rücksichtslosigkeit Plunders kündet eine umfassende Videoinstallation des aus Götzis stammenden Filmemachers Felix Kalaivanan.

Ein Bregenzer Wellenreiter im Hurrikan der Geschichte
Die “Sowitasgoht V“. Stadtarchiv Bregenz

Diese spiegelt sich im Umgang mit seiner Familie wider. Denn die in Bregenz zurückgelassene Hedwig traf er nach der Rückkehr schwer erkrankt wieder. Sie starb 1928 in einem Sanatorium, der gemeinsame Sohn kam in ein Schweizer Internat. Nach ihrem Tod heiratete der Witwer die junge US-Amerikanerin Olga Law und nahm ihre Staatsbürgerschaft an.

Zunächst laufend die Seiten des Atlantiks wechselnd, floh das Paar kurz nach dem Anschluss vor den Nazis zurück in die USA. Erst am 10. Juni 1945 kehrte Plunder in einem Militärjeep der U.S. Army samt Uniform nach Bregenz zurück, wo er sich ab 1957 fest niederließ. Bis an sein Lebensende soll man ihn dort mit „Herr Oberst“ angesprochen haben, dabei wird der militärische Rang durch keine Quelle belegt. Episoden wie diese illustrieren Plunders dehnbaren Zugang zur Wahrheit, der das Vorarlberg Museum zur gewaltigen Recherchearbeit zwang.

Franz Plunder
Furxer

Deren Frucht ist ab heute Abend ausgestellt. Bevor die Schau im Herbst 2026 schließt, soll sie laufend ergänzt werden. So lässt Barnay wissen, dass kommendes Jahr ein echtes Plunder-Schiff im Bregenzer Hafen ausgestellt wird.