Die Poesie von Zweifel und Entstellung

Im Bildraum Bodensee verlieren vertraute Ordnungen ihre Zweckmäßigkeit und gewinnen neue Bedeutung.
Eine gleichermaßen verspielte wie ernste Meditation über das Verhältnis von Abstraktion, Ordnung und Wirklichkeit bietet der Bildraum Bodensee mit der neuen Ausstellung „system_flaw_exception“. Sie wird heute um 18 Uhr eröffnet und zeigt die Arbeiten der Wienerin Sophie Dvořák und des aus Bregenz stammenden Philipp Leissing.
Die Künstler kennen sich seit der gemeinsamen Studienzeit an der Akademie für bildende Künste Wien, wo sie Mitte der 2000er-Jahre die Klassen von Peter Kogler (Kunst und Digitale Medien) und später Mona Hahn (Kunst im öffentlichen Raum) belegten. Gut 20 Jahre später offenbart die gemeinsame Schau in Bregenz, wie tiefgründig ihre grundverschiedenen Arbeiten miteinander korrespondieren.
Zur Kenntlichkeit entstellt
Im Zentrum steht der Umgang mit Systemen, die unsere Welt ordnen und zugleich verstellen. So vermitteln Karten, Geldscheine oder Verpackungen den Eindruck objektiver, standardisierter Übersicht und Vergleichbarkeit. Dvořák wie Leissing setzen genau hier an, indem sie diese Systeme zerlegen, ihrer Funktion berauben und gerade dadurch Unerwartetes freilegen. „Wenn etwas weggenommen wird, kommt immer etwas dazu, da ein neuer Raum entsteht“, bringt es Dvořák auf den Punkt.
Auch Leissing kann als Künstler der schöpferischen Entstellung begriffen werden. Er schält Kartonagen, Verpackungen oder bedruckte Oberflächen Schicht für Schicht ab, bis alle Logos, Schriften und Bilderwelten von der Wellpappe verschwinden.

Mit der sechsteiligen Werkgruppe „Das Tauschmittel mausert sich zum Selbstzweck“ zeigt er große Flächen, deren jeweilige Farbe der durchschnittlichen Kolorierung von Euro-Geldscheinen entnommen ist.

Der Künstler stellt zudem seine 126 Minuten lange Videoarbeit „Inhaltsbasiert gefüllt (Playtime)“ zur Schau, die einem architektonischen Fiebertraum gleicht. Wo in der Vorlage Menschen über den Bildschirm wandern, werden sie in seiner Montage durch umsichgreifende Raum-Elemente ersetzt.
Die Ordnung auf den Kopf stellen
Dvořák war vor ihrem Studium als Berufsfotografin tätig. Dieser Umstand spiegelt sich in ihrer skeptischen Faszination für Träger vermeintlicher Objektivität wider. Während sie früher stark mit Pressefotos und Enzyklopädien arbeitete, dekonstruieren die Werke im Bildraum das Feld der Kartografie. Da der Erdball auf flachen Karten nur verzerrt gezeigt werden kann, ist die Objektivität von Weltkarten notwendigerweise makelhaft.

Mit „Geolog“ zeigt die Künstlerin von Landkarten losgelöste Legenden. Gemeinsam bilden sie eine Zeichensystem, das ohne empirischen Anker die Praxis der Einordnung auf den Kopf stellt.
Die raffinierte Glätte des Abstrakten findet in Dvořáks Gips-Serie „Residual Fragments“, wie auch Leissings Karton-Collage „Peek“ ihr Gegenteil. Wo der Gips die Lebenswelt in Form beschädigter Fassaden widerspiegelt, entblößt der Bregenzer die sinnliche Kraft brauner Verpackungen.
Bildraum Bodensee zeigt „system_flaw_exception“ vom 7. Februar bis zum 3. April.