Vorarlberg

Gewalt und negative Schlagzeilen: Ist Après-Ski noch immer zeitgemäß?

31.01.2026 • 15:00 Uhr
Gewalt und negative Schlagzeilen: Ist Après-Ski noch immer zeitgemäß?
Die Kelo Bar war beim NEUE-Besuch gut gefüllt. Hartinger (10)

Berichte über Alkoholexzesse, Gewalttaten und problematische Musik rücken Après-Ski-Lokale in schlechtes Licht. Doch ist diese Darstellung überhaupt gerechtfertigt? Ein Lokalaugenschein im Klostertal.

„Freunde, wir sind heut‘ beim Après-Ski, nicht auf einer Beerdigung“, heizt Wolfgang Frank das Publikum in der Kelo Bar an, das noch verhalten zu seiner Performance des Andreas-Bourani-Hits „Auf Uns“ mitsingt. Doch je weiter der Zeiger der Uhr wandert und je mehr Getränke über die Theke wandern, desto besser wird die Stimmung der Gäste.

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Wolfgang Frank sorgte Live in der Kelo Bar für gute Stimmung.

Beispiele aus anderen Lokalen zeigen, dass so eine Stimmung schnell kippen kann: In Riezlern im Kleinwalsertal gerieten vergangene Woche drei Urlauber in einen Streit, am Ende musste ein 53-Jähriger mit einer schweren Schnittverletzung am Hals ins Spital gebracht werden. Ein 36-Jähriger hatte ihm diese mit einem Glaskrug zugefügt.

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Eine solche Dynamik ist an jenem Nachmittag, als die NEUE am Sonntag für einen Lokalaugenschein im Klostertal vor Ort ist, in der Kelo Bar aber keineswegs erkennbar. Von den Gästen scheint hier, in der familiengeführten Bar hinter der Talstation der Sonnenkopfbahn, dem Après-Ski gegenüber niemand negativ eingestellt – im Gegenteil. „Das ist ganz wichtig. Für den Après-Ski kommen wir extra aus den Niederlanden hier her, denn in der Schweiz und in Frankreich gibt es das in dieser Form nicht“, erklärt Erich Poortman. „Hier ist immer gute Stimmung, immer gute Laune“, fügt er hinzu.

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Erich Poortman (l.) und seine Kollegen aus den Niederlanden sind für eine Woche auf Skiurlaub in Vorarlberg.

Einen noch weiteren Anreiseweg hatten Sam Gilbert und Dylan Moskowitz: Sie sind für ihren Skiurlaub sogar aus New York angereist. „Die Atmosphäre ist großartig – was kann man an Après-Ski nicht mögen?“, fragt Gilbert und lacht.

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Sam Gilbert (2. v.l.) und Dylan Moskowitz (außen r.) haben sich mit anderen Partygästen angefreundet.

„Wenn wir uns schon den Berg herunter quälen, können wir zumindest danach noch etwas Spaß haben“, scherzt Dirk Heyden, der mit einer Gruppe Freunden hier ist. „Seit 24 Jahren kommt unsere Skitruppe aus der Nähe von Heidelberg in Deutschland jedes Jahr hier her.“ Angesprochen auf gewalttätige Vorfälle in anderen Après-Ski-Lokalen, erklärt Heyden: „Das Einzige ist: Wir wollen gewaltig feiern!“

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Dirk Heydel (r.) und seine Skitruppe kommen seit 24 Jahren jeden Winter ins Klostertal.

Noch länger, nämlich schon seit 35 Jahren, kommt die Familie von Jules Augustinus aus den Niederlanden nach Vorarlberg für den Skiurlaub. Er und sein Kollege Sven Ramakies aus Belgien sind sich einig, dass Après-Ski immer noch „en vogue“ ist. „Hier, in dieser Bar, ist Gewalt kein Problem. Die Party dauert nicht so lange und wer noch mehr feiern und trinken will, geht in einen Klub. Ich habe zwei Kinder und möchte am nächsten Tag wieder auf der Piste stehen, also gehe ich nachher ins Hotel und dann schlafen“, schildert Augustinus.

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Jules Augustinus (l.) und Sam Ramakies befinden, dass Après-Ski nach wie vor im Trend ist.

Hannah Schnur und Lara Braun aus Radolfszell am Bodensee betonen ebenfalls: „Das ist auf jeden Fall noch zeitgemäß. Wir gehen öfter Skifahren und da gehört Après-Ski auf jeden Fall dazu.“ Erfahrungen mit Gewalt haben sie in diesem Bereich noch keine gemacht.

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Gute Laune und ein breites Grinsen bei Hannah Schnur (l.) und Lara Braun.

Jonas Schäfer aus Konstanz hat hingegen schon einmal eine Auseinandersetzung in einem anderen Après-Ski-Lokal erlebt: „In der Schweiz sind ein paar Leute sauer geworden und haben sich geprügelt. Aber das liegt nicht am Après-Ski, sondern am Alkohol. Die waren dort seit 14 Uhr durchgehend am Trinken.“ Er und seine Kollegen Uwe Schepperle und Larissa Müller halten Après-Ski deshalb nicht aus der Zeit gefallen. „Die Musik, die Stimmung und die Menschen hier sind toll“, befindet das Trio.

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Jonas Schäfer (Mitte) führt Gewaltexzesse im Après-Ski auf den Alkohol zurück. In Nachtklubs könne das auch passieren, pflichten ihm Larissa Müller und Uwe Schepperle bei.

Die beiden Brüder Hannes und Walter Fritz führen seit 27 Jahren die Kelo Bar. Gewalttaten, meint Ersterer, habe es in all den Jahren in ihrem Lokal nie gegeben. „Man kann die Dynamik steuern. Wenn wir – so wie heute – Live-Musik haben, wählen wir Künstler aus, die Niveau haben und nicht nur Après-Ski-Hits, sondern auch ‚gemäßigte‘ Lieder dazwischen spielen.“ Sein Bruder ergänzt: „Wenn die Stimmung zu kippen droht, reagieren wir. Bei uns dürfen die Gäste auf den Bänken stehen, aber wenn sie auf die Tische klettern, geht sofort die Musik aus und wir bitten sie herunter. Und wenn sich die Leute nicht ordentlich aufführen, bekommen sie keinen Alkohol mehr, so praktizieren wir das.“

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Wenn sich Gäste in der Kelo Bar daneben benehmen, schenkt Walter Fritz ihnen keinen Alkohol mehr aus.

Die Öffnungszeiten sind an eine sanftere Form des Après-Ski angepasst. Auch hier könne man steuern, erklärt Hannes Fritz: Wenn es Zeit zu gehen ist, frage das Barpersonal nach einer letzten Runde und die Musik werde leiser gedreht, womit man ein abruptes Ende der Party und Proteste der Gäste vermeide. „Wir weisen die Gäste ebenfalls darauf hin, wenn der letzte Skibus fährt, denn wenn sie ein Taxi kommen lassen, kostet alleine 50 Euro für die Anfahrt aus Bludenz hier her“, so der Gastronom.

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Hannes Fritz verweist auf Steuerungsmaßnahmen, die eine Gewaltspirale verhindern.

Walter Fritz macht bei der Frage nach problematischen Liedtiteln deutlich: „L‘amour Toujours von Gigi D‘Agostino spielen wir weiterhin. Nur weil das ein paar Besoffene umgetextet haben – an sich bleibt es ein gutes Lied, das zum Après-Ski passt.“ Sicher sind sich die beiden Brüder jedenfalls: Après-Ski ist nach wie vor beliebt. „Es hat einen gewissen Flair“, sagt Hannes Fritz. „Viele sagen, es ist kitschig, aber die Leute schätzen das schon noch. Après-Ski gehört einfach dazu.“

Polizei zu Gewalt im Après-Ski-Bereich

Noch vor dem jüngsten Vorfall in Riezlern beantwortete die Landespolizeidirektion (LPD) Vorarlberg eine Anfrage der NEUE am Sonntag zum Thema. „In den vergangenen fünf Wintersaisonen ist kein signifikanter Anstieg von Einsätzen wegen Gewalt in Après-Ski-Lokalen in Vorarlberg feststellbar. Die Fallzahlen bewegen sich seit Jahren auf einem niedrigen Niveau und beschränken sich überwiegend auf vereinzelte Vorfälle. Größere oder ausufernde Ereignisse stellen Ausnahmen dar“, teilt die LPD mit. Bei den Anzeigen gehe es um Körperverletzungen oder Raufhandel, zudem Verwaltungsanzeigen etwa wegen Ordnungsstörung, Anstandsverletzung oder aggressiven Verhaltens. Insbesondere in touristischen Regionen seien großteils ausländische Gäste an Vorfällen beteiligt, in anderen Bereichen Ausländer und Einheimische gleichermaßen. „Insgesamt zeigt sich kein einheitliches Beteiligungsmuster für ganz Vorarlberg“, so die LPD.
Überwiegend stünden die Einsätze mit übermäßigem Alkoholkonsum in Zusammenhang. Präventiv setzt die Polizei auf lageangepasste Maßnahmen: „Dazu zählen unter anderem eine verstärkte Streifentätigkeit, insbesondere an Wochenenden, sowie bei Bedarf eine frühzeitige Nachalarmierung zusätzlicher Einsatzkräfte.“