Kultur

„Ihr macht immer so kleine Schnippel-Schnippel-Sachen. Denkt groß!“

16.02.2026 • 19:08 Uhr
Selina Reiterer im FRO des ORF
Selina Reiterer vor ihre Arbeit in der Kunsthalle FRO. neue

Textilkünstlerin Selina Reiterer zeigt in der Kunsthalle FRO, Dornbirn, ihre Arbeit „Everything Is Unreal“.

Der „Blaue Bildschirm des Todes“ ist eine scherzhafte Bezeichnung für dysfunktional gewordene Benutzeroberflächen, mit denen User der Betriebssysteme von Windows wohl vertraut sind. Die neue Ausstellung der Bregenzer Künstlerin Selina Reiterer (Jahrgang 1985) ist an dieses Bild der Störung angelehnt und geht gleichzeitig weit darüber hinaus.
Seit dem 27. Jänner steht die Arbeit „Everything Is Unreal“ in der Kunsthalle FRO im ORF-Landesfunkhaus, Dornbirn, zur Schau. Der einem gleichnamigen Song der dänischen Sängerin Astrid Sonne entnommene Titel ist eine offenkundige Anspielung an die Vertrauenskrise der Medien. Wie jetzt Reiterer, nur ganz anders, widmete sich bereits die letzte Ausstellung im FRO diesem Thema. Denn während der Medienkünstler Stefan Kainbacher vom Teletext inspirierte KI-News ohne Inhalt präsentierte, setzt die Bregenzerin auf subtilere (Farb-)Töne.

Selina Reiterer im FRO des ORF
Die Metallkonstruktion wurde von der Firma Semmernegg Biegetechnik aus Klaus geformt. neue

Mannigfaltiges

Besuchern offenbart sich eine von Ketten getragene Metallkonstruktion, die jeweils mit einer Schicht aus Bio-Baumwolle und Kunstseide bespannt ist. Die Blautöne und darüber liegenden abstrakten Figuren verschränken sich zu einem optischen Spiel, das den Betrachtenden je nach Standpunkt äußerst unterschiedliche Eindrücke offenbart. „Manche sehen Vasen, Schachfiguren, Körperteile und natürlich die bewusst von mir ins Motiv eingebrachten Lüftungsrohre“, berichtet Reiterer von den mannigfaltigen Reaktionen der Besucher. Die Spannweite der Projektionen ist auch Ausdruck der tiefenpsychologischen Dimension der Farbe. „Blau ist eine Farbe der Sehnsucht, des Ozeans und Himmels. Sie ist etwas Wunderschönes, Weites, aber auch unendlich und beängstigend“, schildert die Künstlerin. So wandelt sich ein statisches Objekt zu einem metaphorischen Spiegel, der einem mehr zeigt, als der Sehnerv registriert.

Techniken der Kunst

Die Bregenzerin studierte von 2007 bis 2013 Textildesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und dem École Nationale Supérieur de Création Industrielle in Paris.

Entgegen einem verbreiteten Missverständnis hat ihre künstlerische Praxis mit dem Handwerk einer Schneiderin wenig gemein. Statt an der Nähmaschine wirkt die Künstlerin am Computer, mit dem sie die materialtechnischen und ästhetischen Ränder ihres Mediums auslotet. Während eines Projekts an der ETH Zürich (2015-2016) konnte sie die dahinterliegenden wissenschaftlichen und künstlerischen Kompetenzen weiter vertiefen.

Selina Reiterer
Selina Reiterer. Bischof

Erweiterte Malerei

Das in Dornbirn ausgestellte Werk ist laut Reiterer Teil einer langen Serie „erweiterter Malerei“. Unter diesem Begriff versteht sie das bewusste Kombinieren verschiedener Materialien und Formen, die „irgendwie einen coolen Effekt“ erzeugen, wie Reiterer bescheiden erklärt. Während sie bei einer Ausstellung in der Frankfurter Galerie des gebürtigen Vorarlbergers Jean-Claude Maier noch mit kleinen Formaten arbeitete, ist in der Kunsthalle FRO Größe gefordert.

Ein Umstand, der Reiterer an die Worte einer ihrer Professoren aus Berlin erinnert: „Ihr macht immer so kleine Schnippel-Schnippel-Sachen. Denkt groß!“
Angehenden Künstlern rät sie stattdessen: „Werdet Nerds! Spezialisiert euch! Ich wäre gerne nerdiger, als ich es jetzt schon bin. Damit die guten Ideen kommen, muss man nahe an den Dingen sein.“