Imelda Wachter: „Mir geht es um eine Wertschätzung für das Alltägliche“

In ihrer Ausstellung im dô in Lustenau lädt Imelda Wachter dazu ein, vertraute Dinge mit anderen Augen zu betrachten.
Jedes Kind kennt das faszinierende Chaos, mit dem sich in einer Buchstabensuppe Wörter bilden. Viele Erwachsene haben diesen zauberhaft-neugierigen Blick längst verloren. Imelda Wachter hat ihn hingegen zu einer regelrechten Kunstform erhoben.

Davon zeugt ihre aktuelle Schau im Lustenauer Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, dô, in dem Wachters Werke bis zum 26. März ausgestellt sind.

„Mir geht es um eine Wertschätzung für das Alltägliche“, schildert die Künstlerin. So schöpft sie aus profanen Mitteln wie Papiertaschentüchern, Zeitungen oder besagten Suppennudeln zarte Formen und Objekte, die scheinbar Vertrautes neu erblicken lassen.

Beispielhaft dafür sind ihre Würfel-Werke. Wahlweise mittels 3D-Drucker aus Kunststoff geformt oder aus Blei und Aluminium gegossen, zeugen sie vom unterschiedlichen Gewicht vorgeblich identischer Dinge. Als Amalgam von Buchstaben wirken sie wie der Rohstoff der Kommunikation, verweigern in ihrer Anordnung gleichzeitig jegliche bewusste Aussage.

Schöpferisches Unbehagen
Viktor Frankls Einsicht „Auch Unfertiges hat Gültigkeit, Vollendung und Länge machen nicht den Sinn“ ist ihr von zentraler Bedeutung. Ein Mantra, das durch die Schilderung ihrer Biografie strahlt. 1957 in Dornbirn geboren, pflegte sie schon als Kind eine intensive Liebe zum Zeichnen. Doch trotz lobender Worte ihrer Lehrer blieb stets ein Gefühl der Unzufriedenheit. Ein produktives Unbehagen, aus dem Wachter bis heute schöpft. Das Zeichnen erschien ihr nie als abgeschlossener Akt, sondern als Annäherung – als Prozess, der Tiefe und Zeit verlangt.

Zur ersehnten Professionalisierung und Vertiefung fand sie schließlich am anderen Ende der Welt. 1986/87 besuchte sie eine Zeichenklasse an der Sydney Art School. Der Aufenthalt war Teil einer Weltreise, die sie mit ihrem Mann und ersten Kind antrat und ein Kind reicher zurück nach Lustenau führte. 1991/92 folgte ein Lehrgang an der Schule für Gestaltung in St. Gallen.
Hotel-Gründerin
Für eine Künstlerin überraschend unternehmerisch, gründete Wachter 2005 ein Hotel in Marrakesch. Eine Faszination für orientalische Architektur und der Reiz, sich als Frau in Marokko zu beweisen, beflügelte das erfolgreiche Unterfangen. Während sich die Künstlerin aus dem operativen Bereich zurückgezogen hat, leitet mittlerweile Neo-Vorarlberger Brahim Telhaoui die Geschäfte.

Eröffnet Möglichkeiten
In ihrer Ausstellung im dô verbinden sich all diese Erfahrungen zu einer stillen, konzentrierten Formensprache. Zwischen Garn, haptischer Vitrine und plastischen Buchstabenobjekten entsteht ein Gefüge, das zum Mitdenken und Mitspielen einlädt. Wachters Arbeiten formulieren keine fertigen Antworten. Sie eröffnen Möglichkeiten, und erinnern daran, dass im scheinbar Einfachen wesentlich mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermutet. Um den von ihr geschätzten Psychotherapeuten Alfried Längle zu zitieren: „Kompliziert wird das Leben dann, wenn man das Einfache nicht mehr sieht.“