Kultur

Frank Spilker von “Die Sterne” über Pop, Politik und den Verlust der Vernunft

23.03.2026 • 16:26 Uhr
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Frank Spilker ist das einzig erhalten geblieben Mitglied aus der Grundungsgeneration der seit 1991 aktiven Band “Die Sterne”. Jahn

Interview. Mit „Wenn es Liebe ist“ erschien im Jänner das neueste Album von „Die Sterne“. Vor ihrem Konzert am 28. März im Alten Kino Rankweil, sprach Sänger Frank Spilker mit der NEUE.

Das neue Album ist experimenteller als der Vorgänger „Hallo Euphoria“. Stimmt der Eindruck?
Frank Spilker:
Ich finde, wir haben ein lockeres Bandalbum gemacht, bei dem wir uns auf unsere Fähigkeiten verlassen haben, ohne Experimente einzugehen. Das englischsprachige „Open Water“ ist so ein Beispiel. Keyboarderin Dyan Valdés hat den Song vorgespielt und ich habe mir sofort gedacht, dass er super in den Sternekosmos passt. Er knüpft an Songs wie „Zucker“ an, die mehr Geschichten sind als klassische Songformen. Es ist ein persönliches Lied, ihre Geschichte. Wenn sie den Song singt, dann ist sie als Person präsent, nicht als jemand, der auch ein bisschen mitspielen darf. Das ist mir wichtig. Es ist eine Frage der Souveränität, so etwas zuzulassen und beim eigenen Konzept nicht nervös zu werden. Als wir 2020 mit der neuen Besetzung angefangen haben, war das eine andere Ausgangslage, weil es darum ging, dem Erbe von 25 Jahre „Die Sterne“ Kontinuität zu geben. Als einzig verbliebenes Mitglied war alles sehr auf meine Person abgestellt. Das ist jetzt anders.

Die Sterne
Frank Spilker (l.) mit Dyan Valdés, Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch. Braunbarth

Wie viel Punk steckt 2026 in Ihren Songs?
Spilker:
Mit dem politischen Druck, den wir erleben, und mit dieser absurden Diskussion, die ja keine mehr ist, werden einige Dinge wichtiger und andere weniger. Das Internet wird mit Unsinn geflutet und man kann sich dazu kaum mehr rational verhalten. Eine künstlerische Elaboriertheit oder das „L’art pour l’art“ ist für uns weit weg, wenn es darum geht, erst mal Nein zu sagen. Wir wollen mit unserem Publikum rational in Verbindung bleiben. Meine Idealvorstellung ist, dass es viele Leute gibt, die sagen: „Endlich eine Band, die vernünftig geblieben ist und hier nicht am Rad dreht.“

Die Sterne
Braunbarth

Mit dem neuen Song „Immer noch sprachlos“ knüpfen Sie an Instrumentalsongs wie „Unter Geiern“ an. Werden Sie ihn auch live spielen?
Spilker:
Ja, machen wir. Bei den frühen Sternen war uns das Wichtigste an 70er-Jahre-Bands und an deren Praktiken anzuknüpfen. Wir haben uns als Band für Krautrock und Funk interessiert, wir haben „Ton, Steine, Scherben“ gecovert und uns in Krautrock-Instrumentalmusik versucht. Das erzeugt live einen Entspannungs- aber auch einen Emotionsmoment, bei dem die Musik auf einer anderen Ebene funktioniert. Das hat die neuformierten Sterne zusammengebracht, weil die Bandmitglieder „Von Spar“, Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch, Superspezialisten für Beat und Sound der 1970er sind.

Die Sterne
Braunbarth

„Die Sterne“ sind in ihrer mehr als 30-jährigen Bandgeschichte vom Underground zum Mainstream und wieder zurück gegangen. Wie gehen Sie mit diesem Umstand um?
Spilker:
Das hat viel mehr mit der Vermarktung zu tun als mit der Musik. Im Prinzip kann das wellenmäßig auch wieder andersrum gehen. Eine künstlerische Identität oder die einer Band funktioniert anders als der Marketing-Zirkus. Das Chart-System oder die Vermarktung von Popmusik hat viel damit zu tun, dass man ständig News braucht, und die News ist man irgendwann nicht mehr. Trotzdem kann es eine Kontinuität als Band geben und auch ein Publikum, das diese schätzt.

Warum gab es in den 1990er Jahren unter dem Etikett „Hamburger Schule“ vermehrt Bands, die plötzlich mit deutschsprachigen Texten Erfolge feierten?
Spilker:
Die Musik war bei den Bands der Hamburger Schule durchaus unterschiedlich. Sie war orientiert an internationalen Vorbildern. Das war nicht das Verbindende. Es ging nicht darum, eine deutsche Musik zu machen, sondern mehr oder weniger selbstverständlich auf Deutsch zu singen, zu texten. Es gab vom ORF ein Radiokolleg, das ich in der Hinsicht sehr gut und interessant fand, weil es von jüngeren Redakteuren gemacht wurde und mit dem räumlichen Abstand zu Hamburg. Die Sendung hatte den Subtext, dass die Hamburger Schule in gewisser Weise der Soundtrack der Wiedervereinigung war, also als Reaktion auch auf die Veränderung der Gesellschaft. Und das fand ich ziemlich erhellend. Dahinter steckt grundsätzlich der Gedanke „Think global act local.“ Das ist also nicht provinziell, sondern einfach nur auf Deutsch.

Daniel Furxer