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Pflegeheim Hohenems: Jakob Nagel über Liebe, Demenz und Abschied

20.03.2026 • 18:30 Uhr
Pflegeheim Hohenems: Jakob Nagel über Liebe, Demenz und Abschied
Pfleger Jakob Nagel im Sozialzentrum Hohenems. Stiplovsek

Jakob Nagel ist seit über acht Jahren als Altenpfleger tätig – eine Zeit, die unzählige Eindrücke hinterlassen hat. Mit der NEUE sprach er über seine Freude am Beruf, Berührungsängste, Demenz und die Liebe am Ende des Lebens.

Jakob Nagel begleitet eine Patientin mit Rollator. Er passt sich ihrem Tempo an, spricht mit ihr, begleitet sie Schritt für Schritt. Sie möchte auf die sonnige Terrasse, nur ein paar Meter entfernt. Die beiden gehen langsam, doch Nagel weiß: Geduld ist wohl die wichtigste Fähigkeit als Pfleger.

Die NEUE am Sonntag hat Nagel im Sozialzentrum Hohenems getroffen. Dort arbeitet der zweifache Familienvater bereits seit seiner Pflegeausbildung. Vor acht Jahren hat er diese abgeschlossen. Selbst nach dieser langen Zeit mache ihm der Job „extrem viel Spaß“. Er lässt uns teilhaben an seinen schönsten Erinnerungen und seinem Arbeitsalltag.

Pflegeheim Hohenems: Jakob Nagel über Liebe, Demenz und Abschied
Pfleger Jakob Nagel im Sozialzentrum Hohenems. Stiplovsek

Berührungsängste und Bewusstseinsbildung

Der Einstieg fällt allerdings auch Pflegekräften nicht immer leicht. Nagel hat das zu Beginn seiner Ausbildung selbst erfahren. “Am Anfang hatte ich diese Berührungsängste ganz klar. Ich glaube, die kommen meistens von Unwissenheit und Unsicherheit.”

Gerade in seinem Beruf haben junge Leute auch oftmals Angst etwas falsch zu machen. Da es allerdings keine einheitlichen Lösungen gibt, müsse jeder seine eigenen Methoden im Umgang mit Bewohnern finden. Wichtig sei, dass sich junge Kollegen Zeit nehmen. Dazu zählt auch Fehler zu machen.

Er weiß aus eigener Erfahrung aber auch um den negativen Ruf von Pflegeeinrichtungen und wie nachhaltig dieser wirken kann. Bevor er selbst im Sozialzentrum anfing, wollte er nämlich niemals in ein Pflegeheim.

“Aber nicht, weil ich irgendein Pflegeheim im Speziellen kenne, sondern weil das einfach so im Kopf von vielen Leuten ist. Und das war es bei mir auch. Dann war ich in der Ausbildung hier, im Praktikum. Ich war in dem Haus, wo ich jetzt arbeite. Und ich habe gesehen, dass das ganz anders ist. Ich habe gesehen, was man verändern kann, wie schnell man auch etwas verändern kann, wie positiv das schon läuft, und was die schönen Sachen an einem Pflegeheim sind.”

Seiner Einschätzung nach könne eine frühere Bewusstseinsbildung den Ruf des Pflegeberufs verbessern. Vor Kurzem sei eine Volksschulklasse zu Besuch gewesen. Die Kinder seien den Heimbewohnern sehr offen begegnet, einfach, weil ihre Meinung noch nicht so vorgefertigt sei.

Pflegeheim Hohenems: Jakob Nagel über Liebe, Demenz und Abschied
Pfleger Jakob Nagel im Sozialzentrum Hohenems. Stiplovsek

Heimkommen

Jakob Nagel ist sich bewusst, welche Verantwortung jeder neue Patient vom ersten Tag an bedeutet. Menschen kommen von Zuhause oder aus dem Krankenhaus ins Sozialzentrum. Die Umstellung fällt manchen schwer. Sie wollen keine Hilfe, sind abgeneigt.

“Ich glaube, wichtig ist einfach zu sehen, das sind alles Menschen und genauso wie wir es kennen, wie wir miteinander umgehen, muss ich mit ihnen auch umgehen. Ich muss zuhören, ich muss schauen, was sie quält, was ihnen nicht passt. Ich muss vielleicht dahinter schauen, warum passt das heute jemandem nicht.”

Reine Routine? Funktioniere nicht. Patenlösungen? Gebe es keine. Was Nagel als das “Allerschönste” bezeichnet, passiert oder passiert nicht, nämlich: Wenn Bewohner das Sozialzentrum als ihr Zuhause erachten. Wenn sie zum Beispiel einmal für eine Untersuchung ins Krankenhaus müssen und nach dem Termin zurück möchten, sagen: “Ich will jetzt wieder heim.”

Pflegeheim Hohenems: Jakob Nagel über Liebe, Demenz und Abschied
Pfleger Jakob Nagel im Sozialzentrum Hohenems. Stiplovsek

Selbstbestimmung und ein Mensch, der es gut meint

Jedoch darf nicht vergessen werden: Alle Bewohner haben eine Vergangenheit. Es sind Menschen, die Fähigkeiten verloren haben, nun auf Hilfe angewiesen sind. Menschen, die selbstbestimmt lebten. Nagel sieht darin einen schmalen Grat in der Pflegearbeit inmitten der täglichen Fixpunkte. Denn Selbstbestimmung bedeutet Lebensqualität. Das heißt, Zeit für das einzuräumen, was Patienten Freude bereitet. Manchmal bringt dies mit sich Rücksicht auf bekannte Eigenheiten zu nehmen, flexibel zu bleiben, mit Gefühl statt Zwang zu reagieren. Vor allem bedeutet es aber da zu sein.

Letztlich benötigen Patienten eine emotionale Betreuung. Nagel betont dies speziell im Hinblick auf Demenzpatienten. Wobei er klarstellt, dass die Symptome dieser Krankheit unterschiedlich sind. Es gebe nicht diese “eine Person mit Demenz”. Manche Demenzpatienten erinnern sich an die Namen aller Pflegekräfte, sind aber zugleich orientierungslos. Wieder anderen ist die eigene Tochter fremd und trotzdem unterhalten sie sich herzhaft mit ihr. Weil sie merken: Da ist ein Mensch, der es gut mit mir meint.

Pflegeheim Hohenems: Jakob Nagel über Liebe, Demenz und Abschied
Pfleger Jakob Nagel im Sozialzentrum Hohenems. Stiplovsek

Eine letzte Liebe

Im Wohnbereich, wo Jakob Nagel arbeitet, bleiben Patienten oftmals längere Zeit. Pfleger und Bewohner kennen sich. Dabei entstehen bestimmte Dynamiken, auch unter den Bewohnern.

Nagel erzählt von einer seiner schönsten Erinnerungen: “Wir hatten eine Dame und einen Herrn. Die sind jetzt leider beide verstorben. Die haben sich davor nicht wirklich gekannt, vielleicht einmal gesehen und sind aber im Pflegeheim zuerst gute Freunde geworden. Dann wurden sie ein Paar. Das habe ich ganz schön gefunden, vor allem weil die Familie der Dame den Herrn so extrem nett in die Familie eingebunden und überall mitgenommen hat.”

Eben jener Dame sei es anfangs schwer gefallen, sich an ihr neues Umfeld zu gewöhnen. Sie sei oft traurig gewesen. Besonders durch die Beziehung zu ihrem Mitbewohner, der selbst am Sterbebett noch bei ihr saß, habe sie ihre letzte Zeit genießen können.

Deshalb wünscht sich Jakob Nagel, dass Menschen stärker auf Nuancen achten. Pflege könne einen Unterschied machen, etwas verändern. Er denkt dabei an Personen, die in ihrem Leben oft unzufrieden waren.

“Manchmal merkt man das im Alter, vielleicht in der Demenz. Jetzt, zwei Jahre später, kann die Person nicht mehr so gut laufen, braucht Hilfestellung beim Essen, aber oftmals ist sie zufrieden. Sie lacht wieder, man sieht sie mal grinsen.”

Für ihn bedeutet dies selbstverständlich auch, ihnen ihre Eigenheiten zu lassen: “Ab und zu kommt das Alte durch und dann schimpft sie mal wieder, aber das ist auch in Ordnung.”