Kurze Rückkehr der Bregenzer Bahnhofsspelunke

Die Architekturtage verwandeln den Bahnhof Bregenz bewusst in einen Ort des Verweilens. Mit dabei Food-Designerin Brini Fetz, die das einstige Bahnhofslokal „Zum Hans“ für einen Tag bewirtet.
Obwohl das Lokal „Zum Hans“ seit vielen Jahren geschlossen ist, offenbart ein einfacher Blick, dass es sich hierbei um eine Bahnhofsspelunke wie aus dem Bilderbuch gehandelt haben muss.

Jetzt wird die einstige Gaststätte im Rahmen der Architekturtage mit neuem Lebenshauch erfüllt – wenn auch nur für einen Tag.

Das bundesweite Format steht heuer unter dem Motto „Was uns verbindet – Infrastruktur des Alltags“. Österreichweit beschäftigen sich rund 300 Veranstaltungen in neun Bundesländern mit Bahnhöfen, Kraftwerken, Verkehrswegen oder anderen meist übersehenen Strukturen des täglichen Lebens.

Der entscheidende Impuls für den Bregenzer Beitrag stammt vom Architekturtheoretiker Fabian Tobias Reiner (Jahrgang 1994). Über eineinhalb Jahre hinweg dokumentierte er den Bahnhof fotografisch, recherchierte dessen Geschichte und finanzierte gemeinsam mit Unterstützern sogar eine eigene Publikation. Die Ausstellung in der ehemaligen Kassenhalle wird am Freitag, dem 29. Mai, um 18 Uhr eröffnet und bleibt anschließend den Sommer über zugänglich.
„Das ist ein wirklich freies Projekt“, betont Verena Jakoubek-Konrad, Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts (VAI). Der an der ETH in Zürich unterrichtende Reiner habe große Teile der Arbeit praktisch ehrenamtlich umgesetzt und selbst den Fotografen aus den wenigen Fördermitteln bezahlt.
Kein Konsumzwang
Parallel dazu wird auch das ehemalige „Zum Hans“ temporär wiederbelebt. Die Food-Designerin Brini Fetz verwandelt den verlassenen Raum einmalig, nur am Freitag, dem 29. Mai, in einen Treffpunkt für Gespräche, Getränke und Erinnerungen. Obwohl sorgfältig ausgewählte Produkte wie Bier und Gulasch lokaler Produzenten angeboten werden, besteht kein Konsumzwang. Einlass ist ab 9 Uhr früh. Um 22 Uhr ist Zapfenstreich.

Fetz verbindet den Bahnhof, wie viele Bregenzer, mit starken Gefühlen. „Als Platz des Abfahrens und Ankommens ist der Bahnhof immer der erste Ort, den ich sehe, wenn ich wieder daheim in Bregenz bin. Hier warte ich mit Vorfreude auf Freunde, die mich besuchen kommen“, schwärmt sie mit leichter Wehmut. Gerade deshalb sei der Bahnhof für sie „ein extrem emotionaler Ort“, der sich nicht auf den Titel „hässlichster Bahnhof“ reduzieren lässt.
Postmodern
Der heutige Bahnhof entstand nach einem Großbrand und wurde am 15. September 1989 eröffnet. Türkise Metallprofile, Sichtziegel, geometrische Ornamente und strenge Symmetrien verleihen ihm jene eigentümliche postmoderne Ästhetik, die laut Jakoubek-Konrad heute wieder neu entdeckt wird. Gerade jüngere Generationen würden beginnen, jene Baustile wertzuschätzen, die lange als geschmackliche Verirrung galten.
Kuratiert wird das Vorarlberger Programm heuer von den Architekten Valerie Rainer und Vincent Kogler, die zur jungen Generation des Büros Rainer+Amann zählen. Jakoubek-Konrad spricht dabei von einer „schönsten Generationenübergabe“, die sie in der Vorarlberger Architekturszene erlebt habe. Speziell Rainer sei besonders stark im Bereich Partizipation und soziale Prozesse versiert.
Weiteres Programm
Neben dem Bregenzer Bahnhof umfasst das Vorarlberger Programm fast 30 Veranstaltungen. Am Freitag, dem 29. Mai, ist von 10 bis 15 Uhr eine Besichtigung des CCT-Terminals in Wolfurt möglich. Ebenfalls am Freitag gibt es um 15 Uhr im Depot des Vorarlberg Museums die Führung „Verlegt. Verbaut. Versorgt.“ zur Infrastrukturgeschichte des Landes. Um 15.30 Uhr folgt in Klaus die Führung „Wie baut man heute eine Haltestelle?“.
Am Samstag, dem 30. Mai, steht Feldkirch im Zeichen der „Route 68°°“. Dazu gehören unter anderem das Kraftwerk Mühletorplatz von 10 bis 12 Uhr, die Kapfschlucht von 10.30 bis 12 Uhr, eine Baustellenführung bei der ÖBB-Haltestelle Feldkirch-Tosters um 14.15 Uhr sowie das „Pop-up Quartier“ in der Magdalenastraße 9 von 15 bis 17 Uhr. Dort geht es konkret um Wohnen, Versorgung, Freiraum, Mobilität, Nachbarschaft und Klimaanpassung.
Am Sonntag, dem 31. Mai, führt Architekt Thomas Hennerbichler von 9.30 bis 11 Uhr von Bürs nach Bludenz. Der Spaziergang startet in der Bremschlstraße 1 und führt entlang von Fluss-, Fuß- und Radwegen zum neuen Umspannwerk in Bürs und zum Bauhof Bludenz von Atelier Ender. Um 13.30 Uhr folgt in Tschagguns die Führung „Unter Strom“ durch das Kraftwerk Latschau der illwerke vkw.
Hinter den Architekturtagen stehen die Architekturstiftung Österreich sowie die Ziviltechnikerkammern. Laut Jakoubek-Konrad wurde das Infrastrukturthema bewusst gewählt, um die oft übersehene Arbeit von Ingenieuren, Verkehrsplanern und technischen Büros stärker sichtbar zu machen.
SAV