Kultur

Jubel für ein Meisterwerk der Bewegung

01.06.2026 • 11:35 Uhr
Bregenzer Frühling Cheng Tsung-lung
Zwischen Individuum und Gemeinschaft entfaltet Cheng Tsung-lungs Choreografie ihre besondere Kraft. Mittelberger(4)

Das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan begeisterte beim Bregenzer Frühling mit beeindruckender Körperbeherrschung und feinen Klängen.

Als letzte Tanztheaterproduktion des diesjährigen Bregenzer Frühlings nahm das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan mit „Sounding Light“ das begeisterte Publikum mit in eine Welt der Stille, des fließenden Atems, der feinen zirpenden Geräusche, in der ein Sprung, ein Händeklatschen fast wie ein Erdbeben wirkt: Die faszinierende Arbeit des Choreographen und künstlerischen LeitersCheng Tsung-lung entstand während der erzwungenen Isolation der Pandemie und spiegelt je sechs Tänzerinnen und Tänzer als einzelne Wesen, als symbiotische Paare (mit Abstand) und als Gruppe. Auf der großen Bühne des Festspielhauses erlebte das Stück seine österreichische Erstaufführung.

Bregenzer Frühling Cheng Tsung-lung
Die Tänzerinnen und Tänzer des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan erschaffen mit „Sounding Light“ eindrucksvolle Körperlandschaften.

Wie ein großes, atmendes Tier

In einem grauen Bühnenraum mit sparsam eingesetzten Lichtschleiern entfaltet die Produktion sofort ihre Sogkraft, das anfangs noch unruhige Publikum lässt sich ein auf die langsamen, weit gedehnten Bewegungen einer Tänzerin, die sich aus dem Knäuel der kauernden Gruppe herausgelöst hat: Qi Gong, Tai Chi, asiatische Kampfkunst und Modern Dance verbinden sich in einer wunderbaren Körperbeherrschung, die vom Fluss des Atems getragen wird. In der Stille hebt sich die Gruppe wie ein großes atmendes Tier, zunächst sieht man nur die mit bunten Streifen bemalten Rücken, die sich recken und wieder krümmen. Kurze Vogelrufe, leises Pochen, Flüstern und Pfeifen bilden die zurückhaltende Tonspur. Die Bewegung der Tänzerin weitet sich aus, sie wird durchlässig, rollt durch den Körper in die Streckung und Dehnung. Die Gruppe findet sich in einer Kreisbewegung, jeder Finger, jede Zehe wird bewusst geführt. Ganz subtil sind die Veränderungen, die feinen klackernden Geräusche, die stummen Rufe. Ein Mann und eine Frau finden sich zu synchron abgestimmter Spiegelbewegung, eine andere Tänzerin hat eine eckigere, dynamischere Bewegungssprache.

Bregenzer Frühling Cheng Tsung-lung
Der Atem der Gruppe wird zur treibenden Kraft der Choreografie.

Symbiotische Gruppendynamik

Immer mehr entwickelt sich die symbiotische Gruppendynamik, tief in der Hocke schwingen und watscheln sie, das Trommeln auf dem Boden und das Klatschen auf den leichten Stoffen ihrer weiten beigen Hosen erzeugt einen ganz eigentümlichen wispernden und raschelnden Klang, als würde Regen auf dichten Bambuswald fallen. Bei aller meditativen Ruhe ist man doch fasziniert von der Vielfalt und Fantasiefülle der Körpersprache, der Begegnungen, der Klänge von asiatischen Saiteninstrumenten und der feinen Stimmen, die die Tänzerinnen und Tänzer selbst erheben. Wie immer sind die Bilder auf der Bühne und im Kopf enorm vieldeutig, möchte man das Flüchtige der Bewegung festhalten. Über eine Stunde entwickelt sich der Spannungsbogen von Ruhe, dynamischem Höhepunkt und Beruhigung, sphärische Klänge und konzentriertes Gehen verbinden sich, fast unmerklich verlassen die Tänzerinnen und Tänzer die Bühne, bis nur noch eine im gleißenden Licht zurückbleibt.

Bregenzer Frühling Cheng Tsung-lung
Jubel, Begeisterung, Dankbarkeit für das Erlebte vom Publikum und leuchtende Pfingstrosen für das Ensemble und seinen Meister aus den Händen von Judith Reichart.

Katharina von Glasenapp