74 Millionen Aufrufe: Bregenzer Künstler lässt das Internet an seinen Gemälden zweifeln

Künstler Domingo Mattle erntet auf Social Media einen spektakulären Erfolg.
“Ich war kurz davor, meine Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können”, schildert der in Bregenz arbeitende Künstler Domingo Mattle das Risiko hinter seiner von langer Hand geplanten Bilderserie. Sie trägt den Titel “Painting Famous Paintings Backs” (Englisch für “Die Rückseite berühmter Gemälde bemalen”) und sprengt nicht nur Begriffe wie Autorenschaft oder Autonomie, sondern nötigte ihn dazu, die Benachrichtigungen von Instagram und TikTok auf Stumm zu schalten.
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Viral
Der Grund dafür sind Zahlen, die selbst in der Welt sozialer Medien ungewöhnlich hoch erscheinen. So erreichte sein Beitrag “Portrait of Louise Vernet” rund 74 Millionen Aufrufe und ca. 3,2 Millionen Likes auf Instagram. Gleichzeitig diskutierenTausende Nutzer darüber, ob die gezeigten Werke von Mattle stammen, Künstliche Intelligenz im Spiel oder ein besonders geschickter Fälscher am Werk sei.
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Der “Fake” ist echt
“Es ist alles gemalt”, bekräftigt Mattle. Die Bilder existieren also tatsächlich und wurden nicht einfach digital auf eine leere Leinwand eingespielt. Das geübte wie das ungeübte Auge wird schnell Fehler entdecken. Sie erstrecken sich von falschen Lichtverhältnissen über leicht verzerrte Körpermaße bis hin zu gespiegelten Hintergrundlandschaften.
“Die Fehler sind Teil der Arbeit, genauso wie die Aufregung”, gesteht der Medienkünstler. Genau diese Aufregung treibt die Serie an. Wer durch die Kommentarspalten scrollt, sieht nicht nur Bewunderung, sondern auch Misstrauen, Spott und detektivischen Ehrgeiz.
Im Tanz mit dem Spektakel
Ein “Gossip Dude”, erzählt Mattle im für ihn typischen “Denglisch”, habe behauptet, alles sei KI. Für den Künstler war das weniger Kränkung als Bestätigung. Die Arbeit funktioniert. Mattle gibt sich bewusst so, als sei Künstliche Intelligenz beteiligt. Die Gemälde werden am Computer vorbereitet und skizziert, bevor sie mit Ölfarben umgesetzt werden. Manche malt er selbst, andere lässt der Künstler von spezialisierten Malern aus China und Italien ausführen. Entscheidend ist nicht die romantische Vorstellung des einsamen Schöngeists vor der Leinwand, sondern das System, das um das Bild herum entsteht: Entwurf, Ausführung, Inszenierung, Irritation, Kommentarspalte. Kurzum: der Versuch, im Tanz mit dem Spektakel subversiv zu sein, ohne dabei aus Angst vor Kitsch zu versteinern.
Krise der Originalität
Mattle nennt seine Haltung “post-narrative” und “post-authorship”, also nach der Erzählung und nach der klassischen Autorenschaft. In einer Gegenwart, in der jeder Stil sofort kopierbar scheint, sei Originalität kein sicherer Ort mehr. Bilder wie Jacques-Louis Davids “Der Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer im Tuilerien-Palast” werden dabei ihrer Bedeutung entrissen. Seine Strategie scheint dennoch erhellend, denn sie legt eine Beziehungs- und Ahnungslosigkeit der Gesellschaft zu ihrem künstlerischen Erbe offen.
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Art Basel
Die Anfänge des Projekts lassen sich auf die Art Basel 2025, also vor gut einem Jahr, datieren. Damals entwarf der Medienkünstler Plakate mit der Überschrift “The Artist Is Not Present”, deren Sujets die Rückseite von Künstlern wie Maurizio Cattelan zeigen. Bereits damals beschäftigte ihn die Frage, wie sich Kunst in einer Gegenwart behaupten kann, in der Bilder permanent reproduziert, kommentiert und weiterverarbeitet werden.
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Wer zuerst malt
Gleichzeitig spürte er den Druck, mit der Idee möglichst schnell an die Öffentlichkeit zu gehen. “Wenn ich damit nicht viral gehe, werden es andere”, zeigt sich Mattle sichtlich gehetzt. In der Vergangenheit habe er mehrfach erlebt, dass Ideen, an denen der Künstler arbeitete, von anderen mit größeren Ressourcen oder größerer Reichweite schneller umgesetzt wurden. Wer in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit zu spät komme, verliere die Deutungshoheit über die eigene Arbeit.
Die eigentliche Herausforderung bestand für Mattle nie darin, Millionen Nutzer auf Instagram zu erreichen. Viel schwieriger gestalte sich für ihn die Frage, wie Galeristen, Kuratoren und Sammler reagieren würden. Zu groß erschien ihm die Gefahr, dass die Arbeiten als bloßer Social-Media-Gag oder als dekorativer Kitsch missverstanden werden könnten.
“Ich bin super überrascht, dass es so angenommen wird”, zeigt sich der Familienvater erleichtert. Besonders erfreut habe ihn, dass sich zahlreiche seriöse Galeristen und Kunsthändler meldeten. Inzwischen sei die Flut an E-Mails sogar zu einem eigenen Problem geworden, wie er mit Augenzwinkern berichtet.
SAV