Kultur

Hagen Quartett: Eine Sternstunde der Kammermusik geht zu Ende

24.06.2026 • 14:33 Uhr
Hagen Quartett
Lukas Hagen (l.), Rainer Schmidt, Veronika Hagen und Clemens Hagen verabschieden sich vom Publikum. Schubertiade

Schubertiade: Das Hagen Quartett wurde 1981 von den Kindern des gebürtigen Lustenauers Oscar Hagen gegründet. 45 Jahre später gaben sie ein kraftvolles Abschiedskonzert in Schwarzenberg.

Nun ist es also so weit, das Hagen Quartett hat im Rahmen seiner Abschiedstournee zwei Konzerte bei der Schubertiade, natürlich mit den Hauptwerken Franz Schuberts, gegeben, wird gemeinsam mit Tochter (bzw. Nichte) Julia Hagen noch nach Japan reisen und sich dann als Quartettgemeinschaft von den internationalen Konzertpodien zurückziehen. 1981 war im burgenländischen Lockenhaus beim von Gidon Kremer gegründeten Festival der offizielle Beginn des Hagen Quartetts gewesen, freilich hatten die von ihrem Vater Oscar (der aus Lustenau stammte) ausgebildeten Geschwister schon in den 1970er Jahren bei den Jugendwettbewerben aufhorchen lassen. In der Propstei St. Gerold haben sie auf Einladung von Pater Nathanael musiziert, als Clemens, der Jüngste (1966 geboren), so heißt es, gerade mal knapp größer als sein Cello war…

Hagen Quartett
Schubertiade

Seit 1985 bei der Schubertiade

In dieser langen Zeit haben Lukas, Angelika und Clemens Hagen, zuerst noch mit der ältesten Schwester Angelika, dann mit Annette Bik und seit immerhin 1987 mit dem deutschen Geiger Rainer Schmidt am zweiten Geigenpult, Geschichte geschrieben. Sie wurden von Nikolaus Harnoncourts historisch informierter Aufführungspraxis ebenso geprägt wie von Claudio Abbado, in dessen Lucerne Festival Orchestra sie Gründungsmitglieder waren. Preisgekrönte Aufnahmen entstanden seit 1985 beim Label Deutsche Grammophon, ihr Repertoire erstreckte sich bis in unsere Gegenwart, auch durch die Zusammenarbeit mit György Kurtág und dem deutschen Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann. Der Schubertiade war das Hagen Quartett seit 1985 verbunden, meistens mit dem Kernrepertoire dieses Festivals, ab und zu mit einem Blick ins 20. Jahrhundert zu Schostakowitsch, dessen Werke es zuletzt andernorts zyklisch zur Aufführung brachte. Nun also verabschiedete es sich in Anwesenheit von Familienmitgliedern, zahlreichen Fans und ORF mit einer flammenden Interpretation von Schuberts d-Moll-Quartett „Der Tod und das Mädchen“ und von seinem letzten G-Dur-Werk D 887.

Kraftvoll wie zerbrechlich

Dabei musizierte das Ensemble wie stets auf höchstem Niveau, ebenso kraftvoll wie zerbrechlich, bohrend und mit fahlen Klängen, die Dynamik in beide Richtungen ausreizend und mit geheimnisvollen Übergängen. Das Thema des Variationensatzes im d-Moll-Werk tönte wie ein Gambenquartett, die Variationen entwickelten sich zu brausender Intensität, bäumten sich auf und endeten versöhnlich. Das kontrastreiche Scherzo und die wilde Unisono-Jagd des Finalsatzes führten die Todesangst, die dem Text von Matthias Claudius und dem Lied von Schubert zugrunde liegt, in der beklemmenden Grundstimmung fort. Im G-Dur-Quartett konnte man wieder staunen, wie weit Schubert am Ende seines kurzen Lebens das Tor in das späte 19. Jahrhundert aufgestoßen hat, wie endzeitlich, schroff und modern es klingt, auch wenn zwischenzeitlich sanfte Ländlermelodien erklingen. Über fünf Jahrzehnte Quartettpraxis, Zusammenwachsen, Atmen, sich Einlassen und Freigeben schienen hier gebündelt, als das Hagen Quartett noch einmal alles gab, die letzten Takte auströpfeln ließ und mit einer kernigen Kadenz den Schlusspunkt setzte. Mit Julia Hagen und dem jungen Javus Quartett ist die nächste Generation bereits sehr aktiv, die Latte liegt hoch und auch die Mitglieder des Quartetts werden ihre Instrumente nicht in die Ecke stellen. Danke für viele Sternstunden der Kammermusik, liebes Hagen Quartett!

Katharina von Glasenapp