Kammermusik im Generationenwechsel

Schubertiade: Während das Hagen Quartett Abschied nimmt, feiert das Javus Quartett ein starkes Debüt.
Während man draußen unter der Hitze ächzt, pustet die Klimaanlage im Angelika-Kauffmann-Saal zur Juni-Schubertiade kühlenden Sturmwind: Bewundernswert ist und bleibt unter diesen klimatischen Bedingungen die Kunst der Interpretation, die wieder höchst spannende Begegnungen bringt.

Alfred Brendel gewidmet
Der britische Lockenkopf Paul Lewis widmet das Konzert seinem verstorbenen Lehrer Alfred Brendel, der dem Festival über Jahrzehnte verbunden gewesen war und der nicht nur in der auf Mozart und Schubert konzentrierten Programmauswahl, sondern auch in der Klarheit von Lewis‘ Spiel allgegenwärtig scheint. Das kristalline Leuchten der C-Dur-Sonate KV 330 und die Dramatik der c-Moll Sonate KV 457 umrahmen die drei späten Klavierstücke D 946 und eine der a-Moll-Sonaten (D 537) von Schubert. Das Mozartspiel von Paul Lewis wirkt wunderbar natürlich, dicht und fein artikuliert, ist durchsetzt von sachten Rubati in den Übergängen, wirkt rund und in sich kreisend mit fein ausgeleuchteten Modulationen und Übergängen. In den einzelnstehenden drei Schubertstücken greift Lewis die drängende Energie auf, spielt ebenso mit Licht und Schatten, mit Vorwärtsstürmen und Innehalten. Ein Höhepunkt ist der langsame Satz der c-Moll-Sonate von Mozart, in dem Paul Lewis über dem gleichmäßigen Fluss der linken Hand den frei fließenden Figuren und Verzierungen der Oberstimme nachspürt und die Dimension der Zeit aufgehoben scheint.
Umjubelt
Das Hagen Quartett gibt bekanntlich dieser Tage seine letzten Konzerte bei der Schubertiade, bevor es sich nach einer Japanreise auflöst. Doch wie stark und präsent bereits die nächste Generation ist, merkt man nicht nur mit Cellistin Julia, auch ihr Cousin Oscar, der Sohn von Primarius Lukas Hagen, hat das Cello gewählt und feierte mit seinem Javus Quartett ein umjubeltes Debüt bei der Schubertiade. Vor zehn Jahren haben sich die beiden Geigerinnen Marie-Therese Schwöllinger und Alexandra Moser, der Bratschist Marvin Stark (seit 2023) und eben Oscar Hagen zum Quartett gefunden. Die hervorragende Ausbildung bei Lukas Hagen, Johannes Meissl und nun Gregor Sigl ist mit jedem Takt spürbar, sei es im herrlich „kratzfüßigen“ Haydn-Quartett op. 77/1 oder im risikofreudigen c-Moll-Quartettsatz von Schubert.

Die existentialistisch brennende Hingabe an Felix Mendelssohns letztes Quartett ist schlicht fulminant – sie erzählt nicht nur vom Schmerz um die verstorbene Schwester Fanny, sondern auch von der eigenen Todesangst des Komponisten.
Katharina von Glasenapp