Mozart ohne Sicherheitsabstand

Tobias Grabher und die Camerata Musica Reno zeigen „Così fan tutte“ im Theater Kosmos als lebendige Oper im Nahbereich.
Kurz vor Beginn der Bregenzer Festspiele zeigte auch der junge, aus Altach stammende und in Wien ausgebildete Dirigent Tobias Grabher mit seinem hochmotivierten Orchester Camerata Musica Reno und einem tollen Gesangsensemble seinen frischen Zugang zur Kunstform Oper: Im Theater Kosmos, das ja nur wenig Raum für Auftritte und Abgänge bietet und bei dem die Sängerinnen und Sänger im Rücken des Dirigenten agieren, entfalten sich die Emotionen von Mozarts Meisteroper „Così fan tutte“ auf mitreißende Weise. Das Orchester mit Konzertmeister David Kessler und den Musizierenden aus Vorarlberg und den angrenzenden Regionen, und die fünf Sängerinnen und Sänger geben ihr Herzblut, beflügelt von Mozarts wunderbar sprechender und dramatischer Musik.

Große Emotionen
Grabher präsentiert in der „szenischen Einrichtung“ des jungen Regisseurs Eli Eisenmann, der am Theater Ulm als Regieassistent wirkt, und mit den verbindenden Worten von Sabine Lorenz „Mozart pur“: Die Rezitative sind gestrichen und durch kurze deutsche Dialoge und Überleitungen ersetzt, mit ihrer feinen Sprachmelodie und den gekonnt gesetzten Zwischentönen oder Pausen bringt die in Lindau lebende Schauspielerin Sabine Lorenz das Publikum immer wieder zum Schmunzeln. Gestrichen ist auch die Partie der Despina, die als Handlangerin von Don Alfonso die Fäden ziehen soll: Zwar vermisst man damit manche charakteristische Musik, die Mozart ihr in den Mund und ins Orchester gelegt hat, doch konzentriert sich so alles auf die großen Emotionen der beiden Hauptpaare und die Intrige des Don Alfonso. Dass aus der zynisch bösartigen Wette der drei Herren – kurz gesagt „alle Frauen sind untreu“ – und dem feixend übertriebenen Gehabe von Guglielmo und Ferrando bitterer Ernst wird und alle in ihren Grundfesten erschüttert werden, verstärkt sich in dieser Konzentration vielleicht noch.
Dramatische Wucht
Für die Sängerinnen und Sänger ist diese halbszenische gekürzte Fassung eine wunderbare Möglichkeit, ihr Können zu zeigen: Ekaterina Spivakovskaja, ausgebildet in St. Petersburg und Wien, meistert die schwere Partie der Fiordiligi mit flammenden Koloraturen und dramatischer Wucht, findet aber auch innige lyrische Töne im Duett mit ihrer „Schwester“ Dorabella. In dieser Partie glänzt die deutsch-britische Mezzosopranistin Laura Hemingway mit Wärme und feiner Beweglichkeit ebenso wie mit reizender Mimik, ist Dorabella als die lebenslustigere der Schwestern doch leichter verführbar durch die Avancen ihres charmanten Verehrers. Ferrando und Guglielmo, die beiden Verlobten, die auf Geheiß von Don Alfonso die jeweils andere Frau umschwärmen, überbieten sich gegenseitig: Andrew Turner mit seinem strahlenden und geschmeidigen Tenor als Ferrando und der siegesgewiss spielfreudige Bariton Tobias Lusser als Guglielmo sind gleichermaßen überzeugend und haben hier ihre Traumpartien gefunden. Auch Clemens Seewald begibt sich mit Verve in die Rolle des Strippenziehers Don Alfonso, wirkt auf Grund seiner Jugend aber eher wie ein Bruder als der ältere Zyniker, den Mozarts genialer Librettist Lorenzo da Ponte (vielleicht) im Sinn gehabt hat.

Ein herrliches Orchester
Getragen wird dieses Ensemble von den herrlich beweglichen Streichern und Bläsern der Camerata Musica Reno, die nach intensiver Probenarbeit unter Tobias Grabher Mozarts so affektreiche und wahrlich „viel-sagende“ Partitur lebendig machen. Der Dirigent zeigt einmal mehr seine Vielseitigkeit und Inspirationskraft, dazu die enge Verbindung mit den Sängerinnen und Sängern, mit denen er oft nur aus dem Augenwinkel kommunizieren kann. Die Proben und Aufführungen haben den jungen Menschen sicher unvergessliche Erfahrungen beschert und man darf gespannt sein, wie der Weg des Richard-Wagner-Stipendiaten weitergeht.
Katharina von Glasenapp