Glühende Intensität im Markus-Sittikus-Saal

Das Aris Quartett belebte Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ neu, während Bellom, Julien-Laferrière und Feldmann mit Brahms und Schubert überzeugten.
Hochkarätige Konzerte mit Klaviertrio und Streichquartett, einem Liederabend und einem Klavierabend waren am langen Schubertiade-Wochenende im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems geboten, dazu zwei Programme mit den „Erlkings“, die hier nicht berücksichtigt werden können.
Klaviertrio
Am Freitag vereinten sich der französische Pianist Guillaume Bellom, sein Landsmann Victor Julien-Laferrière am Cello und der deutsche Geiger Tobias Feldmann zu zwei großen Trios von Brahms und Schubert. Für das H-Dur-Trio op. 8 von Brahms wählten sie sogar die viel längere Urfassung, die im ersten Satz von chromatischer Dichte durchzogene Abschnitte enthält, in denen Brahms seine Liebe zu Altmeister Johann Sebastian Bach zeigt, weite Bögen spannt und eine großartige Architektur entstehen lässt. Die drei Musiker waren in klangvollem, atmendem, fein differenzierendem Spiel vereint, Brahms, der oft ein bisschen sperrig erscheint, wirkte bei ihnen in gewisser Weise französisch elegant, ohne an Intensität zu verlieren. Wunderbar setzten die Streicher im Adagio den dichten, choralartigen Klavierklängen sphärische Klänge entgegen, in denen Brahms Schubert zitiert. Im Finale strömte das Cello über leichtfüßigen Arpeggien, kraftvolle Fanfaren wandelten sich in eine intensive Schlusssteigerung. Auch das große Es-Dur-Trio von Schubert überzeugte in der Interpretation der drei Herren mit seinem silbrig hellen Klavierklang, der über die großen Dimensionen des Werks hinwegträgt, mit manchmal fahler, vibratoarmer Tongebung und feinsinnig kantablen Linien im langsamen Satz. Die Tonrepetitionen im Finalsatz setzte Guillaume Bellom wie kleine Nadelstiche und als das schöne Cellothema aus dem Adagio wieder aufgenommen wurde, rundete sich alles in einem natürlichen Fluss. In einem seligen Streicherduett über weichen Klavierfiguren verabschiedeten sich die Musiker mit der Bearbeitung einer Romanze aus Schuberts Oper „Die Verschworenen“.

Aris Quartett
Glühende Interpretationen gab es auch in einer Matinee am Sonntag mit dem deutschen Aris Quartett. Die Spannung wurde dadurch erhöht, dass die Primaria des Ensembles Anna Katharina Wildermuth nach der Geburt ihres ersten Kindes pausiert und Maryana Osipova, die in gleicher Position dem ebenfalls in Frankfurt beheimateten Eliot Quartetts vorsteht, sie vertritt. Die anderen Stimmen mit Noemi Zipperling am zweiten Geigenpult, Caspar Vinzens an der Bratsche und Lukas Sieber am Cello sind so eng miteinander verbunden, dass sie die neue Musikerin tragen und ebenso ihre Impulse aufnehmen. Besonders die beiden Geigerinnen sind in aufmerksamem Blickkontakt, der Cellist darf in Beethovens erstem Rasumowsky-Quartett op. 59/1 brillieren (der Widmungsträger war ein russischer Botschafter und begeisterter Cellist, ihm zu Ehren ist Beethovens Quartett-Trias op. 59 von russischen Melodien durchzogen) und der Bratschist vermittelt klangvoll nach beiden Seiten. Fein angestochene Artikulation, präzise musikalische Rhetorik, rhythmisches Pulsieren im Tanzsatz und ein dichter langsamer Satz von bohrender Intensität bereitet den Boden für den ebenso wilden wie kernig akzentuierten Finalsatz.

Schuberts Meisterwerk „Der Tod und das Mädchen“ musizieren die vier danach mit scharfen Punktierungen im Anfangsmotiv und sanfteren Tönen im Seitenthema. Die gegensätzlichen Stimmungen, die das den Variationen zugrundeliegende Lied prägen, wirken auch zurück auf das gesamte Werk: glühende Intensität, Todesangst, aber auch Sanftheit und Hingabe waren hier vereint. Das bekannte Stück, ein Zentralwerk der Schubertiade, wird voller Frische und dramatischer Spannung neu belebt und beleuchtet. Passend zum Thema verabschiedete sich das Aris Quartett mit den „Crisantemi“, einem spätromantischen und chromatisch dichten Einzelsatz von Puccini, der die Sterbeszene der Manon Lescaut begleitet: Herzzerreißend musiziert!
Katharina von Glasenapp