Bundespräsident Van der Bellen: „Wir müssen nicht alle gleich sein“

Der Bundespräsident warnte bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele vor Verachtung im politischen Streit und erinnerte daran, dass Demokratie im Alltag beginnt.
Mit staatsbürgerlichen Appellen über Demokratie, Kultur und die Kraft gemeinsamer Gestaltung wurden am Mittwoch die 80. Bregenzer Festspiele eröffnet. Im Festspielhaus stand somit nicht nur der Rückblick auf acht Jahrzehnte Festivalgeschichte im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, welche Rolle Kunst in einer verunsicherten Gesellschaft spielen kann.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen rückte in seiner Festrede die freie, liberale Demokratie ins Zentrum. Diese sei keine Veranstaltung, „die alle paar Jahre am Wahltag stattfindet“, sondern eine „tägliche Übung“. Demokratie beginne mit Zuhören, Respekt und der Bereitschaft, den politischen Gegner nicht als Feind zu betrachten. Unterschiede müssten Platz haben, „ohne dass daraus Verachtung wird“.

Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Mitmenschlichkeit und Verantwortung schildert er als Fundament „unseres Hauses Österreich“. Dieses Haus müsse von allen gepflegt werden, nicht nur von Institutionen. Österreich sei „kein Solo-Projekt“ und lebe wie die Oper vom Zusammenspiel aller Akteure. Überhaupt sei Respekt etwas Ansteckendes, gegen das man sich nicht impfen müsse, scherzte das Staatsoberhaupt. Seine zentrale Botschaft lautete: „Wir müssen nicht alle gleich sein, um zusammenzugehören.“

Trümmer und Träume
Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler knüpfte an die Gründungsgeschichte der Festspiele an. 1946 begannen sie mit zwei Kieskähnen auf dem Bodensee, in einem Land, das noch in Trümmern lag. Dass daraus nicht sofort, sondern über Jahrzehnte jene Seebühne wurde, die Bregenz heute weltweit bekannt macht, war für den Vizekanzler mehr als eine hübsche Jubiläumsanekdote. Die Festspiele wurden bei ihm zum Bild dafür, was Wiederaufbau im besten Sinn bedeuten kann: nicht nur Mauern hochziehen, sondern Vorstellungskraft, Vertrauen und demokratische Zuversicht zurückgewinnen. „Manchmal passieren die unwahrscheinlichsten Dinge, wenn Menschen trotz allem an eine Idee glauben“, betont Babler. So wie aus zwei Kähnen die größte Seebühne der Welt wurde, entstand aus einem Land in Trümmern eine der lebenswertesten Demokratien.

Kunst begegne uns oft als Geschichte über andere, erzähle aber in Wahrheit etwas über uns selbst, bekräftigte der Vizekanzler. Sie könne Fragen stellen, „auch wenn eine Gesellschaft insgesamt noch keine Antworten geben will“. Im heurigen Spiel auf dem See, Verdis „La traviata“, sah er die Frage, „wie groß der Schaden ist, wenn gesellschaftliche Regeln stärker werden als Mitgefühl“. Janáčeks Hausoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ deutete er als Warnung vor Eskapismus. So dürfe man auf Krisen nicht einfach mit Eskapismus reagieren. Demokratie sei im Kern „der radikale Gedanke, dass wir gemeinsam die Verhältnisse bestimmen können, in denen wir leben“. Es gehe darum, nicht Zuschauerinnen und Zuschauer der eigenen Zeit zu bleiben, sondern „Autorinnen und Autoren unserer gemeinsamen Zukunft“ zu werden.

An Mut soll nicht gespart werden
Festspielpräsident Hans-Peter Metzler schwärmte von „80 Jahren Mut, künstlerischer Neugier, Leidenschaft, Beharrlichkeit und Erfindungskraft“. Aus einer bürgerlichen Initiative sei ein Festival von internationalem Rang geworden. Besonders die Seebühne habe eine eigene Formensprache geschaffen. Die großen Bühnenbilder erzählten Geschichten, lange bevor der erste Ton erklinge.
Metzler beließ es jedoch nicht beim Jubiläumston. Er erinnerte daran, dass die Basisförderung der Festspiele seit 15 Jahren nicht angepasst worden sei. Relativ gesehen sei die öffentliche Unterstützung „noch nie so gering“ gewesen. Damit sprach er einen wunden Punkt an: Während Kosten, technische Anforderungen und internationale Ansprüche steigen, bleibt die finanzielle Grundlage unter Druck. Kultur brauche Disziplin, so Metzler sinngemäß, aber Sparsamkeit dürfe nicht mit Mutlosigkeit verwechselt werden. Die Festspiele seien „nicht bloß ein Kostenfaktor“, sondern schafften Sichtbarkeit, Wertschöpfung, touristische Anziehungskraft und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seine deutlichste Mahnung lautete: „Wer in Kultur investiert, investiert nicht in Dekoration, sondern in die Zukunft eines offenen Landes.“

Innovationsgeist und Courage
Intendantin Lilli Paasikivi führte durch die Eröffnung. Dabei dankte sich die Finnin bei ihren Vorgängerinnen und Vorgängern Alfred Wopmann, David Pountney und Elisabeth Sobotka für „Innovationsgeist und Courage“, am Bodensee immer wieder neue Wege gegangen zu sein. Wopmanns Erbe wurde dabei besonders deutlich: große Oper statt Operette auf dem See, Raritäten im Festspielhaus und zeitgenössische Experimente auf der Werkstattbühne.

Eröffnungskaraoke
Auch die Eröffnungsbesucher wurden Teil eines Experiments: Als Vorgeschmack auf das „Singalong am See“ am 1. August stimmten Chor und Orchester das berühmte „Brindisi“ aus Verdis „La traviata“ an, Sängerinnen und Sänger standen an den Wänden des Saals, der Text wurde eingeblendet. Das Publikum war ausdrücklich eingeladen, bei der „Eröffnungskaraoke“ mitzusingen. Es blieb allerdings bei vorsichtigem, leicht peinlich berührtem Summen. Mit Blick auf die großen Worte über Teilhabe und gemeinsame Verantwortung wurde dabei eine zentrale Pointe des Vormittags deutlich: Gemeinschaft klingt schnell überzeugend, man muss sich aber erst einmal trauen, die Stimme zu erheben.