Kultur

Ein schöner „Reigen schauerlicher Lieder“

28.08.2026 • 10:57 Uhr
Konzert Renneret Middelton
Sängerin Sophie Rennert (Mezzosopran) und Pianist Joseph Middleton. Schubertiade

Die gebürtige Grazerin Sophie Rennert und der britische Liedpianist Joseph Middleton haben bei der Schubertiade eine berührende Deutung von Schuberts „Winterreise“ vorgelegt. Das Publikum wurde dabei stiller und stiller, bis es in Applaus ausbrach.

Schuberts Liederzyklus „Winterreise“, ein „Reigen schauerlicher Lieder“, wie ihn der Komponist selbst vor seinen Freunden benannt hat, wird meistens von Männern gesungen, ist aber sicherlich „neutraler“ als etwa „Die schöne Müllerin“. Eine Liebe ist zu Ende, Winter ist nicht nur äußerlich mit Schnee, gefrorenen Flüssen, Stürmen und Lichtspiegelungen, sondern vor allem innerlich. Erinnerungen, Trauer, Erschöpfung bis hin zu Wahnvorstellungen suchen das lyrische Ich heim und Schubert bringt Naturbilder und psychische Ausnahmezustände auf stets neu faszinierende Weise zusammen.

Konzert Renneret Middelton
Schubertiade

Konzentrierte Ausstrahlung

Große Mezzosopranistinnen wie Christa Ludwig oder Brigitte Fassbaender haben den Zyklus gesungen, auch die Sopranistin Christine Schäfer hat ihm ganz besondere Farben entlockt. Nun hat die gebürtige Grazerin Sophie Rennert an der Seite ihres britischen Liedpianisten Joseph Middleton bei der Schubertiade erstmals eine berührende Interpretation vorgestellt: Mit ihrer konzentrierten Ausstrahlung, ihrer Wortdeutlichkeit, den Vokalfarben und einzelnen, ganz fahl klingenden Worten gestaltet Sophie Rennert diese „Winterreise“ sehr fein und detailreich, ohne dass der Zyklus in Einzelbilder zerfallen würde. Ihre Stimme ist wunderbar warm und hat eine besondere glühende Färbung, die die Intensität der Aussage noch verstärkt. Dazu kann sie sich ganz zurücknehmen, etwa im so natürlich klingenden „Lindenbaum“, in den weiten Bögen von „Die Krähe“, in der tonlos schauerlichen Sicht auf „Im Dorfe“ oder den visionären „Nebensonnen“. In den ein wenig positiveren Liedern wie „Frühlingstraum“ und „Die Post“ macht sie das Trügerische, Verstörende deutlich, und die Ruhe von „Der Wegweiser“, „Das Wirtshaus“ und „Der Leiermann“ nimmt das Publikum mit in die Tiefe des Ausdrucks.

Eis und Schnee aus dem Flügel gezaubert

Dies alles geschieht in engster Verbindung mit Joseph Middleton, der die Vorstellungen von Eis und Schnee, von Wasserbrodeln unter der Eisdecke, von Stürmen und Träumen höchst differenziert aus dem Flügel zaubert. Mit feinem, manchmal auch ausgeprägtem Rubato fasst er etwa das Wahnhafte im „Irrlicht“ oder die Modernität von Schuberts Vertonung in „Letzte Hoffnung“ in Töne. In „Das Wirtshaus“ (die Darstellung eines Friedhofs) hebt der Choral aus dem Nichts an und spannt sich hin zu einem unbeirrten Aufbruch – „nun weiter denn, nur weiter!“ Sophie Rennert und Joseph Middleton ziehen das erfahrene Publikum mit, es wird immer stiller und dankt den Künstlern mit einer langen Pause vor dem begeisterten Applaus.

Katharina von Glasenapp