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„Wo die Not groß ist, wächst das Rettende“

04.04.2021 • 09:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Bischof Benno Elbs möchte Hoffnung machen: das Leben siegt über den Tod.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Bischof Benno Elbs möchte Hoffnung machen: das Leben siegt über den Tod. Hartinger

Bischof Benno Elbs spricht darüber, was über die dunkle Zeit hinweghilft.


Ostern ist das höchste Fest für Christen, es geht um den Sieg des Lebens über den Tod. Jesu Sterben leitete eine dunkle Phase ein, die Auferstehung war der Wendepunkt zum Positiven. Derzeit ist für viele Menschen auch eine schwierige Zeit, aber der Wendepunkt ist nicht in Sicht. Wie können sie mit dem Wünschen, dass das Helle endlich kommt, umgehen?
Benno Elbs:
Wahrscheinlich feiern wir Ostern heuer so existenziell wie noch nie. Weil wir einen sehr langen Kreuzweg hinter uns haben. Viele Leute empfinden das nicht so intensiv, aber andere erleben die jetzige Zeit als Karfreitag, haben vielleicht sogar jemanden verloren. Aus diesem Grund haben wir eine Gedenkfeier für die Verstorbenen im Corona-Jahr abgehalten. Dafür haben wir berührende Rückmeldungen erhalten.

Was lässt den Kreuzweg nun erträglicher machen?
Elbs: Wenn man auf den Kreuzweg Jesu schaut, ist das erste schöne Bild, das Zuversicht schenken kann, dass jemand da ist, der hilft, das Kreuz zu tragen. Bei Jesus war es Simon von Cyrene. Wir haben in diesen Monaten auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen da sind, die helfen. Das Zweite ist die Begegnung Jesu mit den weinenden Frauen, also die Möglichkeit für Gespräch und Austausch. Es ist ganz wichtig, Belastendes austauschen zu können.

Was noch?
Elbs:
Die Stelle, als Jesus seiner Mutter begegnet. Wir haben gemerkt, dass die Familien die Orte sind, wo immer wieder neues Leben entsteht, neue Perspektiven. Egal, ob das Partner oder die Herkunftsfamilien sind. Das dritte Bild ist die Hoffnung auf Auferstehung. Die Gewissheit, dass das Positive stärker ist als alles, was vernichtet.

Wie lässt sich das erfahren?
Elbs:
Mir persönlich hilft der Blick auf die kleinen Auferstehungs-Erfahrungen im Leben. Als Psychotherapeut sage ich: In einer Krise muss man schauen, wo man erfahren hat, dass man Krisen überwunden hat. Jeder Mensch kann sich fragen, was die Hoffnung war, die ihn durch das Dunkle getragen hat.

Es gibt auch jetzt helfende Hände. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Es gibt auch jetzt helfende Hände. Shutterstock

Und bei der globalen Krise?
Elbs:
Wenn man einen Blick auf die Geschichte wirft, erkennt man, dass dort, wo die Not groß ist, auch das Rettende wächst. So ähnlich hat es auch Friedrich Hölderlin ausgedrückt. Ob das der Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg war oder Mutter Teresa in den Slums von Kalkutta. Immer gab und gibt es Personen, die sich für die Hoffnung und das Leben einsetzen. Was mir persönlich auch hilft, ist der Blick auf die Schöpfung.

Wie das?
Elbs:
Wir sind Teil der Schöpfung, und sie zeigt uns, dass sich das Leben immer wieder durchsetzt. Nach dem Winter, nach dem Sterben, nach der Ruhe entsteht wieder neues Leben. Ein guter Freund von mir liegt auf der Intensivstation und schwebt zwischen Leben und Tod. Er hat gesagt, er hat keine Angst, weil er vertraut, dass er in der Hand Gottes geborgen ist. Wenn man so etwas von einem Menschen hört, der sich wirklich auf dem letzten Weg befindet und nicht nur darüber philosophiert, ist das berührend. George Nussbaumer hat beim interreligiösen Gebet das Lied „Der Meisterbrief“ gesungen. Das hat mich ebenfalls berührt.

Worum geht es darin?
Elbs:
Der Tod ist der Meisterbrief des Lebens. Da ist keine Show mehr gefragt, sondern es geht darum, was ich in meinem Leben bewirkt habe und was meine Hoffnung jetzt in dem Augenblick ist. Wenn man viel in Spitälern ist, erlebt man, dass es diese Hoffnung für viele Menschen gibt. Es ist auch die christliche Hoffnung, dass in der absoluten Verzweiflung – sprich Kreuzerfahrung – der Anfang von neuem Leben ist. Es ist natürlich ein Geschenk, wenn man das glauben darf.

George Nussbaumer bei einem Konzert in der Remise 2018. <span class="copyright">Bernd Hofmeister</span>
George Nussbaumer bei einem Konzert in der Remise 2018. Bernd Hofmeister

Was können wir aus der Krise lernen?
Elbs:
Viktor Frankl hat gesagt: „Die Frage nach dem Warum bringt uns nicht weiter, sondern nur die Frage nach dem Wozu.“ Die Corona-Krise ist ein Brandbeschleuniger für viele Dinge, die in der Gesellschaft laufen. Was wir lernen können – lernen müssen – ist, dass das Leben sehr brüchig ist. Man muss mit dem, was man hat, wertschätzend und respektvoll umgehen. Alle gro­ßen Schätze, wie Freiheit, Demokratie, Friede, sind zerbrechlich. Das merken wir jetzt. Wir lenken auch mehr Aufmerksamkeit auf die Natur, weil uns bewusst wird, dass eine Umweltkrise auf uns zukommt. Wir haben gelernt, dass es mit weniger Fliegen geht, mit weniger Konsum.

Die Krise entzweit. Bruchgräben in der Gesellschaft entstehen.
Elbs:
Wofür wir uns in einer kritischen Phase befinden, ist die richtige Wahl der Worte. Worte können verbinden, aber auch verletzen. Da tragen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, große Verantwortung. Jesu letzte Worte waren Worte der Versöhnung. Da ging es um Leben und Tod und nicht darum, ob man eine Maske tragen muss, oder nicht. Für das Leben ist das zentrale Wort: „Der Friede sei mit euch“. Wir sollten nach Frieden streben und achtsam und großzügig miteinander umgehen, weil das Gegenüber vielleicht verletzt wurde.

Es gilt, sich nicht so zu erhitzen, nur wenn jemand anderer Meinung ist. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Es gilt, sich nicht so zu erhitzen, nur wenn jemand anderer Meinung ist. Shutterstock

Im letzten Jahr erfolgten weniger Kirchen-Austritte als in den Jahren davor. Haben viele wieder mehr zum Glauben gefunden?
Elbs
: Ich wäre vorsichtig, von einem Trend zu sprechen. Schön wäre es. Jede Krise zeigt, welche Werte tragen. Viele Menschen spüren, dass das Leben mehr ist als Gewinn oder Geschäft. Es gibt einen schönen Grundsatz in der Psychologie: wo ist der Ort der Hilfe, der Ort Gottes? Man könnte sagen: in der Ohnmacht. Wenn ich als Mensch ohnmächtig bin, werde ich radikal offen für das Du. Letztendlich auch für Gott. Für viele bedeutet die Krise individuell und für die Welt als Ganzes Ohnmacht.

Bisher herrschte das Gefühl vor, fast alles sei kontrollierbar.
Elbs:
Genau. Es gab für alles einen Fachmann. Das gibt es für die Krise nicht. Jetzt haben wir eine kollektive Ohnmacht.

Was sollte die Antwort der Kirche sein? Was sollte sie tun, damit Leute zur Kirche finden?
Elbs:
Das Ziel der Religion ist es, den Menschen zu helfen, dass sie sinnvoll und glücklich leben können. Das ist der einzige Sinn der Kirche. Sie sollte vermitteln, dass jeder zu ihr gehören darf, egal, wie es ihm geht, welche Hautfarbe, welche sexuelle Orientierung er hat. Jesus hat jeden ernst genommen, ihm Hoffnung gegeben. Zweitens sollten die Menschen das Gefühl haben, dass es für alles, was in ihrem Leben bedeutsam ist, einen leichten Zugang zur Kirche gibt.

Die Sakramente haben lebensfördernden Inhalt, sagt Elbs. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Die Sakramente haben lebensfördernden Inhalt, sagt Elbs. Shutterstock

Wie lässt sich das umsetzen?
Elbs:
Das interreligiöse Gebet haben viele als Trost empfunden. Dabei wurde ein Schatz der Kirche deutlich, die Sakramente. Die Leute haben gemerkt, was verloren geht, wenn man keine durchführen kann. Taufe etwa heißt, einen Menschen willkommen zu heißen, ihn zu segnen. Das ist, was die Kirche den Menschen geben kann. Etwas ganz Wichtiges ist Nächstenliebe, das zentrale Gebot unseres Glaubens. Ich denke da an die Caritas. Da tut die Kirche viel. Wenn jemand sagt, er ist fromm, aber an Notleidenden vorbeigeht, ist er kein Christ im Sinne Jesu.

Die Menschen sind ungeduldig, können nicht mehr. Sie konzentrieren sich auf sich selbst.
Elbs:
Die Frage nach Geduld ist letztlich die Sehnsucht nach Erlösung. Erlösung von den Beschränkungen. Es ist der Ruf: Ostern komm endlich! Ungeduld ist gut, weil sie Sehnsucht wachhält. Je länger die Not, desto größer wird das Flehen. Es gibt auch eine heilige Ungeduld.

Je schlimmer eine Situation war, desto mehr schätzt man, was man zurückerhält, wenn es vorbei ist?
Elbs:
Der erzwungene Verzicht zeigt den Wert der Dinge auf. Martin Buber hat gesagt, der Mensch wird am Du zum Ich. Ich brauche ein Du, ich brauche Nähe, Zärtlichkeit, damit ich gut leben kann. Vielleicht hat uns die Pandemie auch gezeigt, dass es notwendig war, wieder den Wert all dessen zu erkennen.

Bischof Benno Elbs hofft, dass wir nicht in den Zustand zurückfallen, der uns in all das hineingeführt hat. <span class="copyright">Hartinger</span>
Bischof Benno Elbs hofft, dass wir nicht in den Zustand zurückfallen, der uns in all das hineingeführt hat. Hartinger

zur Person

Bischof Benno Elbs

1960 in Bregenz geboren, Bundesgymnasium in Bregenz, Studium Theologie an Universität Innsbruck, Sanitäter des Roten Kreuzes, Diplom in Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl, 1986 Priesterweihe, Kaplan und Religionslehrer, Spiritual des Bischöflichen Studieninternats Marianum, Rektor, Pastoralamtsleiter Diözese Feldkirch, Generalvikar, 2013 zum Bischof von Feldkirch geweiht.

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