90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg – 1936 putschte Franco

Vor 90 Jahren, am 17. Juli 1936, begann der Spanische Bürgerkrieg. Es handelte sich um einen Konflikt, der zum Vorspiel des Zweiten Weltkriegs und wie kaum ein anderer zum Anstoß literarischer Werke und intellektueller Debatten wurde. Er forderte bis zu 800.000 Tote. Als die Generäle rund um Francisco Franco gegen die Regierung der linksliberalen Republik putschten, entfesselten sie eine ideologische und militärische Auseinandersetzung.
Darin lebten die demokratische Mitte und die gemäßigte Linke ihre letzte große gemeinsame Illusion bezüglich des orthodoxen Kommunismus aus. Dass die Ideale, die sie neben dem Kampf gegen die Ausbreitung des Faschismus leiteten, bereits verloren waren, erfuhren viele von ihnen spätestens bei den stalinistischen Säuberungen, die auch in Spanien viele Opfer forderten.
Die republikinternen Kämpfe zwischen der trotzkistischen POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista) und Stalin-treuen Kommunisten im Mai 1937 wurden von George Orwell in “Mein Katalonien” thematisiert, der britische Regisseur Ken Loach verarbeitete sie in dem Film “Land and Freedom”.
Aber: Auch wenn der Bürgerkrieg in seinem Verlauf zunehmend internationalisiert wurde, sind seine Ursachen in Spanien selbst zu suchen und nicht in jenen Verschwörungstheorien, die von beiden Seiten lange hochgehalten wurden. Die Linke sprach von einer faschistischen Entfesselung, die Rechte von bolschewistischer Bedrohung. Tatsächlich waren es lang gewachsene Antagonismen, welche die Lage durch aktuelle Anlässe eskalieren ließen.
Jahrzehntelang gewachsene Problemkreise
Seit dem 19. Jahrhundert kannte Spanien vier Problemkreise: die Einmischung der Militärs in die Politik, die Spannungen zwischen Gesellschaft und Kirche, die u.a. das Bildungsmonopol innehatte, die Konflikte Madrids mit Katalonien und dem Baskenland, die nach Autonomie strebten, sowie den Agrarsektor, wo sich Großgrundbesitzer und Tagelöhner gegenüberstanden. Die Kluft war tief: Hier traditionalistisch konservative Kräfte, dort Liberale, Republikaner, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten.
Nach dem Sieg der Antimonarchisten bei den Gemeindewahlen im April 1931 und der Ausrufung der Republik wurde Spanien zu einem laizistisch-demokratischen Staat, der die Macht der Kirche brach. Der schwindende Einfluss der politischen Mitte führte aber zu einer Polarisierung der Gesellschaft, die ohnehin kaum eine mäßigende Mittelschicht aufwies. Die Folge waren linksrevolutionäre Ausschreitungen und eine Radikalisierung der Traditionalisten.
Bei den Wahlen am 16. Februar 1936 waren die Spannungen bereits greifbar. Die in einer Volksfront vereinigten republikanischen und linken Kräfte siegten. Die neue linksbürgerliche Regierung geriet aber unter immer stärkeren Druck der Rechten sowie der revolutionären Linken und der Anarchisten, die nun den Moment gekommen sahen, ihre Reformideen durchzusetzen. Die Folge waren Streiks, illegale Landenteignungen und eine Gewaltspirale, der am 13. Juli auch Monarchistenführer José Calvo Sotelo zum Opfer fiel.
Aufstand begann in Spanisch-Marokko
Für die Militärs war der Mord ein Signal: Am 17. Juli erhoben sich die Truppen in Spanisch-Marokko, ein 1912 durch den Vertrag von Fès gebildetes spanisches Protektorat, das bis 1956 bestand. Einen Tag später stießen Teile der Streitkräfte sowie die Milizen der katholisch-monarchistischen Karlisten aus Navarra und der faschistischen Falange dazu. Zwar brachten die Aufständischen Navarra, Teile von Aragon, Kastilien-Leon, Galicien und der Estremadura sowie einige Gebiete Andalusiens unter ihre Kontrolle, der angestrebte Sturz der Regierung scheiterte vorerst jedoch. Madrid konnte nicht eingenommen werden, die Industriegebiete und Großstädte blieben großteils loyal.
Dennoch regierte in der Republik das Chaos. Gegen den Widerstand anderer Volksfrontparteien schafften revolutionäre Kräfte das soziale, politische und wirtschaftliche System weitgehend ab. Anarchisten (CNT) und die revolutionären Sozialisten (POUM) wollten neben dem Krieg die proletarische Revolution verwirklichen, die Großgrundbesitzer enteignen und das Land kollektivieren.
Den Putschisten wiederum fehlten Waffen, Geld und die Mittel, um die Einheiten aus Afrika nach Spanien zu übersetzen. Zuerst sagte Deutschland Unterstützung zu. Hitlers Ziel war die Schwächung Frankreichs, das 1935 mit der Sowjetunion einen gegen das Deutsche Reich gerichteten Beistandspakt abgeschlossen hatte und seit 1936 ebenfalls von einer Volksfront regiert wurde. Die deutsche Rüstungsindustrie tobte sich in Spanien erstmals aus. Am 26. April 1937 legten die Flieger der Legion Condor die Baskenstadt Guernica (Gernika) in Schutt und Asche. Auf offene Ohren stieß Franco auch bei Mussolini, dem es um die Hegemonie im Mittelmeerraum ging. Ende Juli wurden die ersten Waffen und Soldaten entsendet.
Keine Unterstützung für Zweite Republik
Die legitim gewählte Zweite Republik suchte vorerst vergeblich um Hilfe. Die Westmächte – allen voran Frankreich und Großbritannien – schlossen einen Nichtinterventionspakt, der eine europäische Eskalierung des Konfliktes verhindern sollte, vor allem aber wirtschaftlichen Interessen diente. Dazu waren der Weltöffentlichkeit die Exzesse der ersten Wochen noch in bester Erinnerung. Massaker an Priestern und Nonnen hatten dem Ansehen der Republik geschadet.
In der politischen Basis entstand jedoch weltweit eine spontane antifaschistische Solidarität. Exemplarisch dafür waren die Internationalen Brigaden, in deren Reihen auch 1.380 Österreicher standen, die den 1934 verlorenen Kampf vor Madrid fortsetzen wollten. Ein eigenes Österreicher-Bataillon trug daher auch den Namen “12. Februar 1934”. Die ersten der rund 35.000 Freiwilligen aus über 60 Nationen trafen Mitte Oktober 1936 ein, kurz nach den ersten Waffenlieferungen der Sowjetunion, die der Volksfront-Regierung aus Rücksicht auf die Kommunistische Internationale die Hilfe nicht verweigern konnte.
Im Herbst 1938 wurde Franco zum “Generalísimo” der nationalen Bewegung ernannt. Der Caudillo (“Führer”) stützte sich dabei neben Armee und Kirche vor allem auf die von José Antonio Primo de Rivera gegründete Falange, die im April 1937 mit den Karlisten zu einer von Franco geleiteten Einheitspartei verschmolz. Die Bündelung der Kräfte mündete in einer Diktatur.
Im Gegensatz zur demonstrativen Einheit der Nationalen litt die Republik, deren Regierungssitz im November 1936 nach Valencia und Ende Oktober 1937 nach Barcelona verlegt wurde, immer mehr unter der politischen Zerrissenheit, die zu blutigen Unruhen führte. Die seit November 1936 unter Mitwirkung der Anarchisten amtierende Regierung wurde im Mai 1937 von den Kommunisten gestürzt, die sich durch die Abhängigkeit von den Sowjets zur wichtigsten Kraft entwickelt hatten.
Kommunisten organisierten Internationalen Brigaden
Die Kommunisten gestalteten auch die anfänglich spontanen Milizen zu einer straff geführten Armee und organisierten die Internationalen Brigaden, deren letzter Kämpfer im Mai 2021 101-jährig in Frankreich verstarb. Völlig wurde auf die Reformideale der Republik aber nicht vergessen. So fand die 1931 in Angriff genommene Alphabetisierungs- und Bildungskampagne trotz des Krieges ihre Fortsetzung. An der Front entstanden eine Unmenge an Schulen und Redaktionsstuben, in denen eine Flut an Schützengrabenzeitungen produziert wurde.
Auch wenn der kreative Output des einzelnen Soldaten an der republikanischen Front bei den Nationalisten kein Pendant fand, war die Entwicklung signifikant: Der Kampf hinter den Pyrenäen wurde zu einem bis dahin unbekannten Wettstreit moderner Werbemittel. Erstmals fand der Film als politisches Propagandamittel erfolgreich Verwendung. Künstler stellten sich in den Dienst der Ideologien, meist aufseiten der Republikaner. Darunter finden sich bekannte Namen wie Regisseur Luis Buñuel und der Maler Pablo Picasso, der Lyriker Rafael Alberti und sein Freund Federico García Lorca. Der Dichter wurde im August 1936 erschossen. Seine republikanische Gesinnung und das offene Geheimnis seiner Homosexualität reichten damals für ein Todesurteil mehr als aus.
¡Pasaremos! und “¡No pasarán!
Die Parolen “¡Pasaremos! – Wir werden durchkommen!” und “¡No pasarán! – Sie werden nicht durchkommen!” verloren aber an Schlagkraft. Bis Sommer 1938 gelang den Franquisten nach der Eroberung des Nordwestens auch der Durchbruch zum Mittelmeer, womit Katalonien vom Reststaat abgetrennt wurde. Politisch war der Krieg für die Republik im September verloren: Die Regierung von Juan Negrín verkündete den Abzug der Interbrigaden. Sie erwartete sich, dass die Westmächte auch einen Rückzug der deutschen und italienischen Truppen erzwingen würden. Europa hatte aber bereits andere Sorgen. Im Jänner 1939 fiel Katalonien, Ende März Madrid.
Francos Einmarsch in der Hauptstadt stürzte die Bevölkerung in ein Dilemma. Während die Sieger aus ihren Verstecken kamen, versuchten die Geschlagenen zu den Häfen durchzudringen, um ins Exil zu gehen. Die Diktatur endete erst mit Francos Tod am 20. November 1975. Für Deutschland, Italien und die Sowjetunion war die “Guerra Civil” ein wertvolles Übungsfeld für Waffen und Strategien. Erstmals erlebte die Menschheit systematische Flächenbombardements. Wenige Monate später brach der Zweite Weltkrieg aus.
Während der Franco-Diktatur bis 1975 war der Bürgerkrieg allenfalls als Heldenepos der Sieger ein Thema. Nach Francos Tod im November 1975 sollte ein Pakt des Schweigens die “Transición”, also den friedlichen Übergang zur Demokratie, nicht gefährden. Das hatte zur Folge, dass dieses blutige Kapitel spanischer Familiengeschichte in weiten Teilen der Gesellschaft nie aufgearbeitet wurde. Ansätze eines Umdenkens gab es während der Regierung des Sozialisten Jose Luís Rodríguez Zapatero (2004 – 2011), diese gingen aber großteils unter den konservativen Nachfolgeregierungen wieder verloren, ehe sie der aktuelle Regierungschef Pedro Sánchez wiederbelebte. Bezeichnend ist aber, dass eine “Große Koalition” zwischen Konservativen (Partido Popular) und Sozialisten (PSOE) in Spanien auch wegen dieser offenen Gräben nach wie vor als fast unmöglich angesehen wird.
(Von Edgar Schütz/APA)