A-cappella-Operette “Geschichte” im MAK bejubelt

17.09.2026 • 10:24 Uhr
A-cappella-Operette "Geschichte" im MAK bejubelt

Barfuß in der Welt der Stiefel? Dass das nicht gut gehen kann, muss auch der junge Witold feststellen, dem bei der “Unreifeprüfung” bescheinigt wird, zwar hoch intelligent, dafür anarchistisch veranlagt zu sein. “Mein nackter Fuß ist wehrlos vor der Geschichte”, singt er am Ende der a-cappella-Operette “Geschichte” von Oscar Strasnoy. Die Wiener Erstaufführung des 2004 geschriebenen Werks wurde am Mittwoch im Museum für Angewandte Kunst (MAK) zu Recht ausgiebig bejubelt.

Die Neue Oper Wien ist auch nach dem Ausscheiden des Mitbegründers und langjährigen Leiters Walter Kobera ihrer erfolgreichen Linie treu geblieben, Opernraritäten zur Diskussion zu stellen. Das neue Leitungsduo mit Intendantin Anna Sushon und Geschäftsführer Alexander Kaimbacher hat sich für ein ungewöhnliches Werk des 1970 in Buenos Aires geborenen Pianisten, Komponisten und Dirigenten Oscar Strasnoy entschieden, von dem man im Vorjahr bereits seine Oper “Cachafaz” gezeigt hatte. Er verzichtet bei seiner Umsetzung von Szenen aus dem Dramenfragment “Geschichte” des großen Polen Witold Gombrowicz (1904-1969) auf ein Orchester und setzt ausschließlich auf sechs Singstimmen als treibende Kraft.

Instrumentierte Musik als Fremdkörper

Das stellt sich rasch als so reizvolles wie geglücktes Experiment heraus und ist dem Stoff – der vergeblichen Rebellion eines jungen Mannes gegen die realen Machtverhältnisse – adäquat. “Diese Operette verlangt den Sängerinnen und Sängern alles ab, was die menschliche Stimme zu leisten vermag – von Sprechgesang bis zu virtuosen Koloraturen. Genau in dieser Reduktion auf das Wesentliche liegt die Kraft des Stücks”, hat Anna Sushon, die auch die musikalische Gesamtleitung innehat, den Kern getroffen. In wenigen Momenten seiner 75-minütigen Inszenierung lässt Regisseur Taro Morikawa, der den Abend mit Hühnergeschrei und Sirenengeheul beginnt, Instrumentalmusikfetzen einspielen. Sie wirken wie ein Fremdkörper.

Die Handlung entwickelt sich in dem stimmungsvollen, von Ausstatterin Vanessa Pressl ideal genutzten Vortragssaal des MAK unmittelbar zwischen den vor den Breitseiten des Raumes aufgestellten Zuschauerreihen. Hier sind ein Gerichtssaal, ein bürgerlicher Wohnsalon samt Schaukelpferd, ein altes Klassenzimmer und ein Tennisplatz-Schiedsrichterstuhl aufgebaut.

Ein Counter allein gegen den Rest der Welt

Zum Greifen nahe ist so die Rebellion des 17-jährigen Witold, den der Countertenor Johannes Wieners tatsächlich ergreifend verkörpert und virtuos singt. Ekaterina Protsenko-Paulsson, Ellen Rose Kelly, Valentino Blasina, Felix Heuser und Harald Hieronymus Hein sind die familiäre wie gesellschaftliche Front, gegen die er vergeblich ansingt und dabei nichts als Verachtung erntet.

Der Aufruf des Lehrers, ihm bei der Prüfung entgegenzukommen und sich ebenfalls des Schuhwerks zu entledigen, ist in Wahrheit nichts als blanker Hohn – und wird szenisch als Kabaretteinlage gelöst, die zu den immer absurder werdenden Vorstellungen Witolds überleitet, er könne in Machthabern wie dem Preußenkönig Wilhelm II. den Menschen wecken und damit den Weltkrieg verhindern. Das entpuppt sich als Wunschtraum und führt zur beunruhigenden Erkenntnis: Gegen die Stiefelträger werden die Bloßfüßigen immer unterlegen sein.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – “Geschichte” und von Oscar Strasnoy (Musik, Libretto) und Galin Stoev (Libretto), Musikalische Gesamtleitung: Anna Sushon, Inszenierung: Taro Morikawa, Bühne und Kostüme: Vanessa Pressl. Mit Johannes Wieners, Ekaterina Protsenko-Paulsson, Ellen Rose Kelly, Valentino Blasina, Felix Heuser und Harald Hieronymus Hein. Neue Oper Wien im MAK – Museum für angewandte Kunst, Vortragssaal, Wien 1, Weiskirchnerstraße 3, Weitere Vorstellungen: 19., 20., 22. und 23. September, 19.30 Uhr, )