Ärzte fordern Maßnahmen gegen Nachwuchsprobleme

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Das Nachwuchsproblem bei Österreichs Ärzten verschärft sich weiter. Die Zahl neu ausgebildeter Ärzte reiche für den errechneten Nachbesetzungsbedarf nicht aus, warnte Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres bei der Präsentation der Ärztestatistik am Mittwoch. Um einen Ärztemangel zu verhindern, brauche es Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen in den Spitälern für junge und erfahrene Ärzte. Außerdem müssten Kassenstellen attraktiver werden.

Derzeit gibt es knapp 47.700 Ärztinnen und Ärzte in Österreich, davon sind rund 26.400 Fachärzte, 13.100 Allgemeinmediziner, fast 8.000 Turnusärzte sowie 142 approbierte Ärztinnen und Ärzte. Die Zahl der Vollzeitäquivalente liegt allerdings mit knapp 40.400 deutlich niedriger, betonte Lukas Stärker von der Ärztekammer bei dem Termin. Immerhin würden flexiblere Arbeitszeitmodelle, Elternteilzeit oder eine Kombination aus Ordination und Spitalstätigkeit immer beliebter.

48,5 Prozent der Ärzteschaft sind Frauen, besonders viele sind es in der Allgemeinmedizin und im Turnus und unter den Jüngeren. Entsprechend wichtig wäre es auch laut Szekeres, dass der Arztberuf so gestaltet wird, dass er mit dem Familienleben vereinbar wird, etwa durch das Teilen von Kassenverträgen. Ärzte seien heute, anders als früher, nicht mehr im Schnitt 60 Stunden pro Woche verfügbar.

„Eine besondere Herausforderung“ sei die Altersstatistik in der Ärzteschaft, so Szekeres: Ein Drittel ist über 55 Jahre alt. In den nächsten zehn Jahren werden 15.400 Ärzte das Pensionsalter von 65 überschreiten, allein zur Aufrechterhaltung des Status Quo bei der Kopfzahl entstehe dadurch ein Nachbesetzungsbedarf von 1.500 Personen pro Jahr. Berücksichtigt man, dass ein guter Teil der Ärzte Teilzeit arbeitet, Frauen typischerweise noch etwas früher das Pensionsalter erreichen und durch eine immer älter werdenden Bevölkerung auch der Bedarf an Gesundheitspersonal steigt, liegt der Bedarf noch höher.

Gleichzeitig werde der internationale Wettbewerb um Jungmediziner nicht weniger, betonte Szekeres. Nachbarländer wie Deutschland und die Schweiz würden mit attraktiven Angeboten locken. „Wenn da unsere Spitäler nicht mithalten, dann verlieren wir noch mehr junge Ärzte.“ Schon jetzt würden 40 Prozent der Medizinstudierenden nach dem Studium nicht in Österreich bleiben. Es sei nicht mehr wie früher, als angehende Ärzte froh um einen Arbeitsplatz gewesen seien und dafür vieles erduldet hätten. Die Absolventen würden dorthin gehen, wo die beste Qualität geboten werde.

„Spitalsträger, Dienstgeber müssen ihre Angebote so attraktivieren, dass sie junge Kolleginnen und Kollegen anwerben können und sie konkurrenzieren mit einer Fülle von Spitälern im Ausland“, so Szekeres mit Verweis etwa auf Aktionen, bei denen Dänemark gezielt versucht, österreichische Medizin-Absolventen abzuwerben.

Die Spitäler müssten flexibler werden, und das nicht nur bei den Jungen. Mit dem Alter sinkt nämlich der Anteil der ausschließlich angestellten Ärzte. Um zu verhindern, dass erfahrene Ärzte das System verlassen und ihre Erfahrungen nicht mehr an den Nachwuchs weitergeben können, brauche es flexible Arbeitszeitmodelle und eine Reduktion von Nachtdiensten mit dem Alter, fordert Szekeres.

Im niedergelassenen Bereich brauche es etwa auch im ländlichen Bereich mehr Modelle, bei denen sich mehrere Personen eine Ordination teilen können. Weiterhin Handlungsbedarf sieht die Ärztekammer außerdem im Kassenbereich. Hier werden rund 50 Prozent der Ärzte in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen und schon jetzt würden Kassenstellen teilweise zehn, 20 oder gar über 40 mal erfolglos ausgeschrieben. Vor allem in der Allgemeinmedizin, der Kinder- und Jugendheilkunde und der Frauenheilkunde gebe es Mangel. Um Kassenstellen attraktiver zu machen, fordert Szekeres weniger Bürokratie sowie neue Arbeitszeitmodelle für junge Ärzte, die sich an der Lebensrealität orientieren.

Eine weitere wichtige Stellschraube im Kampf gegen den Nachwuchsmangel sei die Ausbildung. Immerhin sind laut einer Umfrage der Bundeskurie der angestellten Ärzte 87 Prozent der Medizinstudierenden bereit, ihre Ausbildung auch im Ausland zu absolvieren, wenn die Qualität dort besser ist und keine privaten Gründe dagegen sprechen. Doch in Österreich mache es der aktuelle Zeitdruck und die Arbeitsverdichtung ausbildenden Kollegen unnötig schwer, Jungmediziner umfassend und ordentlich auszubilden.

Erschwerend komme jene Gesetzesnovelle hinzu, mit der nun die Verantwortung für die Ärzteausbildung zu den Ländern wandert. Szekeres befürchtet, dass die Spitalserhalter glauben könnten, dass sie mit einer erleichterten Ausbildung schneller oder mehr Fachpersonal erhalten könnten.