“Alarmierender Höhepunkt”: Krisenzentren völlig überbelegt

21.10.2026 • 13:59 Uhr

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien (Kija Wien) hat am Mittwoch ihren Tätigkeitsbericht 2025 präsentiert. Dabei zeigte sich vor allem ein zentrales Thema, nämlich die Überbelegung in der Kinder- und Jugendhilfe (MA 11). Die Kija Wien sieht hier bei der Überlastung der Krisenzentren Handlungsbedarf, wie es in dem Bericht heißt. “Das Jahr 2025 brachte einen alarmierenden Höhepunkt.” 2012 waren 1.600 Kinder untergebracht, 2025 waren es bereits 2.600.

“Krisenzentren stehen seit Jahren immer wieder unter hohem Druck”, sagte Peter Sarto, Sozialpädagoge bei Kija Wien. Aber kurz vor Weihnachten 2025 musste ein Aufnahmestopp verhängt werden. “Krisenzentren sind Einrichtungen, in denen junge Menschen während der Gefährdungsabklärung untergebracht werden. Sie müssen Orte des Schutzes und der Stabilität sein”, betonte die Organisation. Und normalerweise sollten Kinder und Jugendliche dort nur vorläufig – also sechs bis acht Wochen – untergebracht werden. Viele Kinder sind laut Sarto jedoch bis zu einem Jahr dort. “Wenn ein Kind ein Jahr wartet, dann macht das was mit einem”, sagte der Sozialpädagoge.

Schließungen wegen Personalnot

Nachdem über Monate hinweg in allen Kinderkrisenzentren eine Überbelegung – bis zu 15 Kinder statt der vorgesehenen acht – zu verzeichnen war und eines sogar wegen Personalnot schließen musste, wurde als Notmaßnahme ein Aufnahmestopp eingeleitet, kritisierte die Kija Wien. Kinder durften erst aufgenommen werden, wenn es zu einer Entlassung kam. In Notfällen wurde die Aufnahme in einer sozialpädagogischen Einrichtung ermöglicht.

“Überbelag geht immer mit einem Mangel an Betreuung, Aufsicht, Platz und Privatsphäre einher. Das bedeutet, auf Matratzen im Besprechungsraum zu schlafen, keinen Schreibtisch für Hausaufgaben zu haben und in kritischen Gruppenkonstellationen zusammenzuleben”, so die Kija Wien. Zudem seien – wie schon in den vergangenen Jahren – die Altersspannen in den Krisenzentren zu groß. So würden in den Kinderkrisenzentren Kinder von drei Jahren bis zum Ende der Schulpflicht Aufnahme finden. “Das führt dazu, dass Kindergartenkinder neben Kindern mit delinquentem Verhalten sowie beeinträchtigten Kindern mit Pflegestufen unter einem Dach betreut werden, und das über viele Monate hinweg”, sagte der Kija-Wien-Anwalt Sebastian Öhner. “Kinder und Jugendliche berichteten uns, dass sie sich nicht sicher fühlten, keine Rückzugsmöglichkeiten hätten und auch nicht verstehen würden, warum sie so lange dort bleiben müssen.”

Zwölfjährige musste drei Mal umziehen

Um für Sicherheit in den Einrichtungen zu sorgen, wurde 2025 dort wieder vermehrt auf Mitarbeitende aus dem Sicherheitsdienstleistungssektor gesetzt. “Da diese in der Regel weder pädagogisch geschult sind noch Erfahrung im Umgang mit Minderjährigen haben, kam es auch in diesem Zusammenhang zu Kinderrechtsverletzungen”, berichtete die Kija Wien. “Unter solchen Umständen lässt sich weder der Schutz von Minderjährigen gewährleisten noch können Krisenabklärungen und Beziehungsarbeit sichergestellt werden.” Eine Zwölfjährige berichtete, dass sie kurz vor Weihnachten in eine WG umgezogen sei. Über die Feiertage musste sie in drei verschiedene Wohngemeinschaften übernachten. Nach der Trennung von ihren Eltern und der unruhigen Zeit im Krisenzentrum brauchte sie aber eigentlich Schutz und Stabilität.

Um Krisenzentren wieder zu Orten zu machen, an denen sich junge Menschen in schwierigen Situationen stabilisieren können und wo Perspektiven für sie erarbeitet werden, hat die Kija Verbesserungsvorschläge ausgearbeitet. Sie plädiert für den Ausbau der Plätze insgesamt, eine weitere Ausdifferenzierung der Altersgruppen, die Gruppenzusammensetzungen nach pädagogischen und nicht allein nach regionalen Aspekten, den Ausbau der intensiven ambulanten Krisenabklärung und die Alternativlösungen für Rückstellungen aus Wohngemeinschaften bzw. von Pflegeeltern. “Es geht nicht darum, welche Probleme machen Kinder, sondern welche Probleme haben Kinder”, betonte Sarto.

78 Monitoring-Besuche abgehalten

2025 fanden in den Einrichtungen 78 Monitoring-Besuche statt, davon 19 in Krisenzentren und 59 in Wohngemeinschaften der Wiener Kinder- und Jugendhilfe bzw. von privaten Trägern. Auch die Auszeit-WG wurde angeschaut. Die Besuche erfolgten entweder unangekündigt aufgrund von Beschwerden oder präventiv, damit Kinder und Jugendliche uns kennenlernen konnten. Wahrnehmungen positiver wie negativer Art wurden an die Zuständigen gemeldet.

Gravierende Situation bei Inklusion

Weitere zentrale Problemfelder sind die Inklusion in der Elementarpädagogik und Lücken im Kinderschutz an Schulen. Die angespannte Ressourcen- und Personalsituation auch in der Elementarpädagogik brachte besonders gravierende Situationen zutage, in denen Kinder aufgrund von strukturell fehlenden Angeboten ihr Recht auf einen inklusiven Bildungsplatz nicht in Anspruch nehmen können.

“Aus der UNO-Kinderrechtskonvention und der UNO-Behindertenrechtskonvention ergibt sich ein klarer Auftrag: Alle Kinder haben das Recht, von Anfang an gleichberechtigt an Bildung, Betreuung und gesellschaftlichem Leben teilzuhaben – unabhängig von einer allfälligen Behinderung, Entwicklungsstand oder Unterstützungsbedarf”, so Psychologin Ines Garnitschnig von der Kija Wien. Inklusion bedeute mehr, “als bloß dabei sein zu dürfen”. Die Systeme und Strukturen müssten daher an die Bedürfnisse der Kinder angepasst sein. Die Mittel sollten deshalb in dem Bereich von Anfang an eingesetzt werden, “um die größte Wirkung zu entfalten”. Eine Betroffene, Mutter eines Kindes mit Autismus-Spektrum-Störung, berichtete, dass ihre Tochter aufgrund fehlender personeller und struktureller Ressourcen im Kindergarten nur noch eine Stunde lang betreut werden könne. Eine schwierige existenzielle Situation für die Alleinerzieherin, da sie deshalb ihren Job aufgeben müsse, betonte die Kija Wien.

Seit Frühjahr 2025 Jugendbeirat

Im Kontext Schule beschäftigte sich die Kija Wien auch mit Mobbing, Beschwerden über Diskriminierung und Grenzverletzungen. Kinderschutzkonzepte würden in der Praxis noch wenig zur Anwendung kommen. Sie seien vielen Schülerinnen und Schülern unbekannt und stellen auch für Pädagoginnen und Pädagogen häufig noch keine effektive Hilfestellung dar, kritisierte Garnitschnig. Die Kija drängt darauf, die Konzepte bekannter zu machen und die Kinder und Jugendlichen besser in die Umsetzung einzubinden. Dazu wurde in der Organisation auch im Frühjahr 2025 ein Jugendbeirat etabliert. Zwei Mitglieder, Shivani Ramharter und Niklas Maier fanden es schade, über diesen Beirat über Freunde und Social Media erfahren zu haben und nicht etwa durch Einrichtungen wie die Schule. Aber, wie sie beide meinten, würde ihre “Arbeit bereits Früchte tragen”. So waren sie etwa beim Round Table zum Thema Social-Media-Verbot im Gesundheitsministerium eingeladen. Allerdings hätten sie sich gewünscht, nicht nur ihren Input zu geben, sondern auch an den neuen gesetzlichen Vorgaben mitzuarbeiten. “Wir Jungen werden immer die Experten sein”, sagte Ramharter.

Was das Thema Ausbildung betrifft, gab es auch Kritik zur Bildung in Jugendgefängnissen. Die Sprechtage der Kija in der Justizanstalt Wien-Josefstadt zeigten 2025 weiterhin erhebliche Belastungen: Überbelegung, lange Einschlusszeiten, zu wenige altersgerechte Beschäftigungsangebote und eben Schwierigkeiten bei der Gewährleistung des Schulunterrichts. Besonders kritisch blieb die Situation der Mädchen. Für sie fehlten spezifische Bildungs- und Freizeitangebote, sozialpädagogische Betreuung und psychiatrische Versorgung waren teilweise schwerer zugänglich. Erste Besuche am neuen Standort Wien-Münnichplatz zeigten bessere räumliche Bedingungen. Die Kija drängt auf einen pädagogisch ausgerichteten Jugendvollzug mit ausreichend geschultem Personal, vollständigem Zugang zu Bildung und Ausbildung sowie einem eigenen Betreuungskonzept für Mädchen.

Kija drängt auf Kinder- und Jugendanwaltschaftsgesetz

Deshalb bezeichnete die Kija Wien bei dem Pressegespräch das Fehlen eines eigenen Kinder- und Jugendanwaltschaftsgesetzes, das ein notwendiger Schritt zur Sicherstellung der Kinderrechte sei, als “drastische Lücke”. “Junge Menschen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Anliegen ernst genommen und ihre Rechte geschützt werden. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, Kinder und Jugendliche über ihre Rechte aufzuklären, ihnen Vertrauen in die bestehenden Strukturen zu geben und sie als gleichwertige Akteurinnen und Akteure in Entscheidungen einzubeziehen, die ihr Leben betreffen”, wurde betont.

Auch die ÖVP forderte ein solches Gesetz. “Kinder und Jugendliche sollen nicht nur gehört werden, ihre Stimme muss auch zählen. Wer eine starke und unabhängige Kinder- und Jugendanwaltschaft will, muss ihr auch eine eigene gesetzliche Grundlage geben”, so die Familiensprecherin der Wiener Volkspartei, Gemeinderätin Sabine Keri.